Tommi und Locke

Tommi und Locke machten sich auf den Weg zum Feld. Leise hatten sie sich in aller Herrgottsfrüh aus dem Haus geschlichen. Tommi, der eigentlich Hans-Thomas hieß, ein Name, den er seinen Eltern nie verzeihen würde, gähnte hingebungsvoll. Er fragte sich, warum er immer wieder Lockes Ideen mitmachte. Vier Uhr ist doch keine Aufstehzeit! Sehnsuchtsvoll dachte er an sein warmes Bett. Nicht nur die Müdigkeit ließ ihn frösteln. Es war noch kalt an diesem Morgen, frühherbstlicher Nebel waberte über den Wiesen. Tommi zog den Kragen seiner Jacke noch höher und steckte den Kopf tiefer zwischen seine Schultern. Er erinnerte an einen Geier, der auf einem Baumast kauerte und darauf wartete, dass etwas Fressbares auftauchte. Seine magere Gestalt unterstrich diesen Eindruck noch.

Locke dagegen hüpfte sich warm. Da sie Frühaufsteherin war, machte ihr die Kälte nicht so zu schaffen wie ihrem großen Bruder.  Allerdings klingelte auch ihr Wecker für gewöhnlich nicht zu solch früher Stunde. Locke konnte sich nicht erinnern, jemals anders als mit ihrem Spitznamen gerufen worden zu sein. Selbst die Lehrer in der Schule nannten sie nur so. Eigentlich mochte sie den Grund für diesen Namen nicht: Üppige, schwer zu bändigende Locken, die seit Kleinkinderzeit nur Ärger machten. Sie dachte daran, wie sie als Sechsjährige mit der Schneiderschere ihrer Großmutter vor dem Spiegel stand und sich Locke für Locke abschnitt. Das war einer der seltenen Momente, in denen ihre Eltern sie mit „Franziska“ anredeten. Froh war sie, dass nicht Franzi ihr Spitzname geworden war. Wenigstens etwas Gutes hatte ihre Haarpracht.

Die Geschwister hatten den Rand des Dorfes erreicht. Blinka, der halbblinde Labradormix des Zeitungsboten, kam ihnen schwanzwedelnd entgegen. Während ihr Herrchen die Zeitungen verteilte, erschnüffelte Blinka die neuesten Nachrichten, die die Dorfhunde ihr hinterlassen hatten. Tommi kramte einen Hundekeks aus seiner Hosentasche, und Locke kraulte die Hündin hinter den Ohren. Dann gab sie ihr einen Klaps, und Blinka trottete den Weg zurück ins Dorf. Sie kannte die Route ihres Herrchens genau.

Die Kinder liefen weiter bis zu dem abgeernteten Maisfeld. Vor der Ernte hatte sich eine Wildschweinrotte hier niedergelassen. Das riesige Feld bot ihnen Schutz und reichlich Nahrung. Zu sehen war das Borstenvieh nie. Dass es dort war, hatte man aber riechen können. Die Dorfbewohner machten einen großen Bogen um das Feld und nahmen ihre Hunde an die Leine. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine um ihre Jungen besorgte Bache einen Hund schwer verletzt oder gar getötet hätte.

Tommi hatte es im Sommer sehr viel Überzeugungskraft gekostet, seine Schwester davon abzuhalten, von ihrem Baum  aus die Schweine beobachten zu wollen. Es gab einen Trampelpfad, mitten durchs Feld, der direkt zu dem großen, knorrigen Baum führte. Selbst durch den hoch stehenden Mais hatte man ihn noch erahnen können.

Diesen Pfad liefen die Kinder jetzt entlang. Überall lagen  gelbe Maiskörner zwischen den vertrockneten Pflanzenresten. In wenigen Wochen würden durchziehende Graugänse hier rasten und die Körner fressen. Dankbar für jede Stärkung auf ihrem langen Flug in den Süden. Locke liebte den Gänseflug. Sobald sie das Rufen der Gänse hörte, schaute sie in den Himmel und wünschte den Vögeln eine gute Reise.

Doch heute wollte sie einem anderen Ruf folgen.

Tommi und Locke erreichten den Baum. Die Leiter hatten sie schon gestern bereitgestellt. Nun kletterten sie bis in die breite Baumgabel und breiteten die dicke Wolldecke über den Brettern aus, die als Aussichtsplattform dienten. Tommi holte Großvaters Videokamera aus seinem Rucksack. Der alte Hermann hatte sie repariert und ihm gezeigt, wie er sie bedienen muss. Sogar ein paar noch nicht benutzte Bänder hatte er gefunden.

Locke lehnte sich an einen Ast und suchte die Umgebung mit einem Fernglas ab. Der Waldrand rückte ganz nahe heran.

Bevor sie ihn sah, hörte sie sein Rufen. Dann trat er aus dem schützenden Wald heraus. Ein kapitaler Rothirsch, den Kopf in den Nacken gelegt, neben sich eine Hirschkuh. Laut schallt sein Röhren über das weite Feld. Locke stößt Tommi an. Vor lauter Begeisterung hatte er die Kamera völlig vergessen. Schnell schaltet er sie an und zoomt auf die beiden Tiere. Hinter ihnen erscheinen weitere. Der Platzhirsch folgt der einzelnen Kuh, laut röhrend überholt er sie und treibt sie zurück zum wartenden Rudel. Er  tritt noch einmal  auf das freie Feld, hebt seinen Kopf und schickt seine Rufe über das Land. Locke hält den Atem an. Wird ein anderer Hirsch antworten? Doch es bleibt still, kein Konkurrent wird ihm seine Kühe streitig machen.

Locke stößt die Luft aus und ihren Bruder an. Sie hatte ganz vergessen, dass er immer noch filmt. Nun gut, eine Sequenz würde verwackelt sein. Tommi knurrt nur kurz, sucht die richtige Einstellung und drückt wieder die Aufnahmetaste. Langsam tritt das Rudel den Rückweg in den Wald an. Tommi beendet die Aufnahme und lehnt sich entspannt zurück.

Die Geschwister lächeln sich an. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt! Dass ihre Eltern sie heute Franziska und Hans-Thomas rufen werden, nehmen sie in Kauf. Auch auf die Schelte sind sie vorbereitet. Spätestens wenn sie Mutter und Vater die Aufnahmen zeigen, werden sie wieder Tommi und Locke sein!

© Elvira V.

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