Krautnase

April 2006  07

Krautnase hielt die Luft an und lauschte. Oben hörte er sie laufen. Ruhelos rannte sie über das Gelände, blieb stehen, spähte in alle Richtungen, rannte wieder los. Er hörte, wie sie, die Nase dicht am Boden, ihren Bau suchte. Aber sie fand ihn nicht. Krautnase atmete erleichtert aus. Offenbar hatte er nicht alle seine Fähigkeiten eingebüßt. Der Eingang des Baus war für die feine Nase der Füchsin nicht mehr wahrnehmbar. Er roch nach nichts. Er  hatte alle Gerüche absorbiert.

Fast tat ihm die Füchsin leid. Aber er brauchte ihren Bau. Er war ein ideales Versteck.

Krautnase lauschte ein weiteres Mal nach oben. Die Füchsin war weiter gezogen. Krautnase schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Als er spürte, wie sein Puls sich normalisierte, überkam ihn große Müdigkeit. Er wollte nur noch schlafen. Die Anstrengung der letzten Tage hatte ihm sehr zugesetzt. Vorsichtig tastete er sich weiter in den Bau hinein. Es war angenehm warm hier unten. Zwar konnte er kaum etwas erkennen, aber seine Nase ersetzte das fehlende Licht. Er wusste, dass sich die Gerüche am Eingang des Baus bald wieder normalisieren würden. Käme die Füchsin zurück, würde sie ihn riechen.

Noch mehr fürchtete Krautnase seine Verfolger. Auch sie könnten seine Fährte aufnehmen. Er musste einen sicheren Weg an die Oberfläche finden.

Er blieb stehen und sog tief die überraschend frische Luft in seine Lungen. Er suchte einen bestimmten Duft, Wurzelduft. Doch den richtigen Duft fand Krautnase nicht. Enttäuscht setzte er sich und lehnte den müden Kopf an die feuchte Erde. Wenn er sich doch nur ausruhen könnte, ein wenig schlafen, frische Kräfte sammeln.

Ein Luftzug riss ihn aus seinen Gedanken. Kam da jemand? Schnell erhob er sich und konzentrierte sich auf alle Geräusche und Gerüche in dem Gang. Doch da war nichts. Oder doch?

Er hörte ein leises Schmatzen. Dieses Geräusch kannte er. Es war das Schmatzen von Engerlingen. Es mussten alte Engerlinge sein, die sich an den Wurzeln eines Baumes gütlich taten.

Krautnase fasste neuen Mut. Der Baum musste in der Nähe sein. Nun nahm er auch seinen  Duft wahr. Alle Vorsicht vergessend, hastete er durch die Gänge, dem lauter werdenden Schmatzen und dem gesuchten Duft entgegen.

Bald stolperte er über die ersten Wurzeln. Die Engerlinge ließen sich nicht stören. Weiter fraßen sie sich den nötigen Speck für die Verpuppung an. Krautnase erkannte die Wurzeln einer alten Buche. Sie sahen kräftig aus und würden das Knabbern  der Plagegeister sicher überstehen.

Doch wo war ein Ausgang? Krautnase musste den Fuchsbau verlassen. Sicher waren seine Verfolger ihm auf der Spur. Seine Fähigkeiten schwanden immer mehr, seit er seinen Clan verloren hatte.

Krautnase roch einen Maulwurf. Die Engerlinge hatten ihn angelockt. Dick und fett waren sie ein Festessen für ihn. Kräftige Schaufeln schoben das Erdreich über Krautnase zur Seite. Er duckte sich dicht an die Wand, hüllte sich in eine Wolke Nichtgeruch, und der blinde Samtrock grub sich an ihm vorbei.

Krautnase betrat den Maulwurfsgang und folgte ihm bis in den aufgeworfenen Erdhügel. Vorsichtig schob er Brocken frischer Erde zur Seite und lugte hinaus.

Über sich sah er die ausladenden Äste der großen Buche. Er seufzte. Wenn er in die Krone des Baumes gelangen könnte, wäre er gerettet. Vor wenigen Tagen noch hätte es ihm keine Mühe bereitet, flink den Baumstamm zu erklimmen. Doch das würde er nicht mehr schaffen. Er hatte keine Kraft mehr. Verzweiflung überkam ihn.

Da hörte er Stimmen. Menschenstimmen. Und er sah die Leiter am Baum. Zwei Kinder kamen in seine Richtung. Ob sie auf den Baum wollten? Sollte er doch noch Glück haben?

Krautnase kletterte aus dem Bau und rutschte den Maulwurfshügel hinunter. Alle Vorsicht vergessend rannte er zu der Leiter. Keine Minute später setzte ein Mädchen ihren Fuß auf die erste Sprosse. Krautnase klammerte sich an das Schuhband des zweiten Fußes und flog von Sprosse zu Sprosse seiner Rettung entgegen. Als das Kind die Baumgabel erreicht hatte, sprang er vom Schuh und kletterte mit letzter Kraft bis in den höchsten Baumwipfel.

Er holte tief Luft und lies einen lautlosen Geruchsruf erschallen. Und schon bald sah er sie aus dem nahen Wald auffliegen. Sie würde ihn holen und auf ihren Schwingen zu seinem Clan fliegen. Dort würde er demütig um Vergebung bitten und seine Fähigkeiten stärken, damit  sie gemeinsam ihre Verfolger besiegen könnten.

Wenn ihr auf euren Wanderungen plötzlich den intensiven Geruch von Kräutern  wahrnehmen solltet, aber weit und breit kein Kraut wächst, dann hat Krautnase mit seinem Clan euren Weg gekreuzt.

© Elvira V.

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