Jahre später oder In der Blogosphäre

Die Blogosphäre ist wirklich eine eigene Welt. Wo beginne ich zu lesen? Wie lerne ich andere Blogs kennen? Ich habe einfach zufällig – obwohl er sicher sagen wird, dass es keine Zufälle gibt – den Blog von NixZen angeklickt. Es wurde gerade als Blog mit dem neuesten Beitrag angezeigt und das Thema „Facebook“ interessierte mich. Von dort ging es weiter. So fing es an. Als Plattform zur Präsentation meiner Patch- und Quiltprojekte gedacht, überwiegt heute mehr „Das Leben und der ganze Rest“.

Bloggen hat ein bißchen was von einer Psychotherapie,  aber (fast) ganz anonym. Es gibt in Beiträgen bestimmte Schlüsselworte, die wahre Assoziationsketten freisetzen. Ich kann mich mit den dabei hochkommenen Gefühlen in aller Ruhe auseinander setzen, ich muss es aber auch nicht, wenn ich nicht will. So darf ich hier ins weltweite Netz schreiben, was ich fühle, denke, schlussfolgere.

Heute gab es wieder solche ein Schlüsselworter.Es war das Wort „Bruder“ in Verbindung mit „Tod“ im Post von babbeldieübermama. Sie schrieb vom Tod ihres Bruders, ihrer Trauer, von Zweifeln und Gewissensbissen. Da ich bei ihr gelesen habe, wollte ich mich nicht wieder heimlich davonschleichen, sondern habe einen Kommentar geschrieben, auf den sie geantwortet hat. Diese Antwort ließ mich 6, nein, fast schon 7 Jahre, in die Vergangennheit zurückdenken und -fühlen.

Mein jüngerer Bruder erkrankte damals an Morbus Hodgkin. Es gab Hochs und Tiefs, wie es eben bei diesen schweren Erkrankungen ist. Nach den Chemos ging es ihm eigentlich immer wieder viel besser. Doch ich wusste, was kommen würde. Irgendwann wurde er schwächer und schwächer, für ein Hospiz war es irgendwann schon zu spät. Als er endlich über diese Möglichkeit sprach, ging es nicht mehr. Seine drei letzten Lebenstage verbrachte er unter wirklich menschenunwürdigen Bedingungen in einem Berliner Krankenhaus. Meine Mutter und ich waren ununterbrochen bei ihm. Erst als eine Freundin, die in dem Haus arbeitete, den Seelsorger des Klinikums mobilisierte, änderte sich etwas an den äußeren Umständen.  Mein Bruder starb am dritten Tag. Er hatte nicht das Glück friedlich aus dem Leben zu scheiden. Bis zur letzten Sekunde musste er sich quälen.

Was mich heute noch umtreibt, hat Bärbel beschrieben. Ich habe nie mit meinem Bruder über seine Krankheit sprechen können. Jedes Bemühen verlief im Sande. Ich weiß nichts von seinen Ängsten, seinen Hoffnungen, weiß nichts von seinen Gefühlen. Er hatte noch Pläne, wollte umziehen, hatte eine Freundin, lebte für sein Hobby, Bernsteine suchen, graben, schürfen und bearbeiten. Er war ein Einzelgänger, grüblerisch, intelligent. Ich wäre ihm so gerne viel näher gewesen. Aber ich konnte ihm noch sagen, wie sehr ich ihn geliebt habe, wie froh ich war, seine Schwester gewesen zu sein.

Ich vermisse Dich, Reinhard!

Ja, so ist das hier in der Blogosphäre. Wir können uns Kummer und Freude und Wut und Ärger  von der Seele schreiben. Und es gibt Menschen, die das vielleicht lesen und bei denen wiederum Assoziationsketten ausgelöst werden. Ein endloses Geben und Nehmen. Es gefällt mir!

Reinhard und Wolfgang

Reinhards Einschulung

Reinhard in Prerow

 

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8 Antworten zu Jahre später oder In der Blogosphäre

  1. april schreibt:

    Sehr berührend geschrieben. Danke fürs Teilen.

    Man lernt neue Blogs durch die Kommentare und die Blogrolls kennen.

    LG, April

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    • Ja, April, aber man muss auch sehr aufpassen, sich nicht zu verlaufen in dieser virtuellen Welt, den Kontakt zu real lebenden Menschen nicht zu verlieren. Zweimal in der Woche beginnt mein Dienst so früh, dass ich morgens keine Zeit habe, den PC hochzufahren. Da werd ich schon manchmal etwas kribbelig.
      Einen schönen Abend wünscht Dir
      Elvira

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  2. mayarosa schreibt:

    Liebe Elvira,
    ich stimme april zu. Das hast du toll geschrieben. Und ich bin ganz deiner Meinung. Ob man das nun will oder nicht, irgendwie ist die Blogosphäre ein Resonanzkörper zu den eigenen Befindlichkeiten und man lernt dabei ganz viel über sich selbst. Ich hatte vor ziemlich genau einem Jahr – da war ich aus anderen Gründen emotional auch etwas durch den Wind – meine Gedichte ins Blog gestellt und dann hat es sich irgendwie anders entwickelt. Schön ist das. Und ich finde die Begegnungen – so anonym und geruchlos sie sind – spannend und bereichernd. LG mayarosa

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    • Hallo, mayarosa,
      ja, spannend ist es wirklich! Und enorm vielseitig. Irgendwann in den letzten Wochen habe ich aber die Stopptaste gedrückt, ich hätte mich sonst sicher verlaufen (siehe Antwort auf Aprils Kommentar). Es gibt so viele Blogs, die es wert sind, regelmäßig besucht zu werden, Menschen, die sich so viel Mühe mit ihren Posts geben, so interessant schreiben, klug, weise, lustig. Aber auch im realen Leben kann ich nicht mit jedem Menschen, der mir symphatisch ist, eine enge Freundschaft eingehen. Also habe ich hier Blogs, die ich regelmäßig lese und einige für Stipvisiten.
      Auch Dir wünsche ich einen schönen Donnerstagabend.
      Liebe Grüße
      Elvira

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  3. april schreibt:

    So ist es. Ich glaube, ich habe mich auch gerade mal wieder verlaufen und lese zu viele.

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  4. scrooge schreibt:

    Auch ich bin über Umwege bei diesem Artikel gelandet – eine sehr berührende Geschichte.
    Ich bin sicher, dass ich noch öfter hier vorbeischauen werde. Das Thema „Quilten“ fasziniert mich unheimlich. Selber bin ich über ein paar Kissen und einen Wandbehang noch nicht hinausgekommen, aber die Arbeiten anderer könnte ich mir stundenlang anschauen. 🙂

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    • Hallo, scrooge!
      Gerne darfst Du Dich hier umsehen. Mir geht es ja geanuso! Manchmal, wenn ich ein bestimmtes Muster oder eine Anleitung suche, bleibe ich bei den Bildern wunderschöner Quilts hängen. Quilts, deren Perfektion ich nie in diesem Leben erreichen werde. Aber von diesem Ziel habe ich mich verabschiedet, denn das würde meine Kreativität lähmen und den Spaß daran erheblich schmälern.
      Eine Freundin von mir wohnt in Herzogenrath, ebenfalls eine Grenzgängerin und auch nicht nur vom geographischen Blickwinkel gesehen. Und als ganz, ganz junge Frau habe ich die Niederlande heiß und innig geliebt. Sie waren für mich der Inbegriff von Freiheit und Toleranz. Aber wie gesagt, dass ist viele Jahrzehnte her.
      Ein sonniges Restwochenende sendet grenzübergreifend
      Elvira

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