Mein Sonntagsgedanke gilt Dir!

Heute früh bin ich mit Karlchen wieder einmal durch die Gartenkolonie gelaufen. Weißt Du, auf der Seite, auf der das Vereinsheim ist. Da, wo Frau B. häufig saß und Du Zigaretten kaufen konntest, wenn die anderen Geschäfte geschlossen hatten.

Es war kurz nach sieben Uhr, alles ganz still und friedlich. Selbst Vögel zwitscherten um diese Zeit nicht mehr. Es war diese Atmosphäre wie ich sie morgens in Stüde geliebt habe, wenn wir Dich besuchten. Wusstest Du das überhaupt? Wie ich solche frühen Zeiten genossen habe? Wenn alles noch schlief und ich ganz leise aufgestanden bin? An den schlafenden Kindern im Vorzelt vorbei, schnell auf die Toilette im Waschhaus, um dann einfach auf einem Gartenstuhl sitzend diese Ruhe zu genießen. Diesen Geruch nach einer Mischung aus Wald, sandigem Boden und dem nahen See zu riechen. Dabei die üppige Blumenpracht zu bewundern, die rund um den Wohnwagen diesen Platz zu einem Garten Eden machte. Die Blumen müssen Dich geliebt haben, anders kann ich mir das nicht erklären. So, wie Du sie geliebt hast.

Wie es in Deinem Berliner Garten aussieht, kann ich Dir nicht sagen, die Hecke ist hoch und dicht, kein Blick hindurch möglich. Aber von meinem Küchenfenster aus konnte ich ein klein wenig hineinsehen. Große rote Flecken leuchteten unübersehbar. Dein Mohn muss also wieder prächtig geblüht haben.

Habe ich Dir erzählt, dass B. und K. jetzt in ihr Haus gezogen sind? Nein, ich glaube, ich habe Dir vom Hausbau nichts gesagt. Es ist ein schönes Haus, groß, hell und freundlich. L. hat ein wunderschönes Kinderzimmer, und es gibt ein zweites Zimmer der gleichen Größe im ersten Stock. Nein, das Gästezimmer ist im Erdgeschoss, das Schlafzimmer ist es auch nicht. Vielleicht wird es ein weiteres Kinderzimmer? Wer weiß? L. hat einen supertollen Buddelplatz. Um das ganze Haus herum nur Sand – ein toller Spielplatz. Bis daraus ein Garten entstanden ist, wird noch etwas dauern. Aber K. und B. lesen sich schon durch Mengen von Gartenliteratur. Du hättest ihnen bestimmt ganz viele Tipps geben können.

Ich habe M. besucht. Ja, wirklich! Ich bin endlich geflogen. Aber Du weißt doch, es wäre letztes Jahr wirklich nicht gegangen. H. brauchte viel Zeit, um sich von der Herzoperation zu erholen. Ich konnte und wollte ihn nicht alleine lassen. Aber jetzt war ich ja auf der Insel. Zwei Wochen. M. ist umgezogen. Die Wohnung würde Dir gefallen. Sie liegt außerhalb der Touristengegend, da, wo auch die Einheimischen leben. Stell Dir vor, die Wohnung hat zwei Balkons. Da kann man mit der Sonne mitwandern. Es war sehr schön bei ihm. Immerhin war schon wieder ein Jahr vergangen, seit er in Berlin war. Es geht ihm sehr gut, Du musst Dich nicht sorgen. Ich rede meinem Bruder schon ins Gewissen, dass er vernünftig isst, genug schläft u.s.w. Mit dem Rauchen hat er aufgehört. Aber die eine Zigarette, oder auch mal zwei, waren ja nicht viel. Aber als Deine Diagnose gestellt wurde, war auch damit Schluss.

Wir waren im Café Paris und haben café con leche getrunken und tarta de manzana  gegessen. Dabei haben wir ganz doll an Dich gedacht. Wir haben dann über die Leute gelästert, die da so vorbei spazierten. Und überlegt, was Du wohl gesagt hättest. So über die ganz Dicken und die, die sich völlig daneben gekleidet haben. M. und ich hatten jedenfalls viel Spaß. Am ersten Wochenende waren wir jeden Abend im Yumbo. Da war vielleicht was los. Der Clown treibt übrigens immer noch sein Unwesen und erschreckt die Leute um sie nachher zu küssen. Das Gelächter bei den Touristen, die in den Bars sitzen, war riesig. M. war etwas genervt, weil die Späße seit Jahren dieselben sind. Mir hat es trotzdem gefallen. Weil wir den Clown ja kennen, konnten wir ihm gut aus dem Weg gehen, um nicht doch noch seine Opfer zu werden.

An dem Wochende war auch GayPride. Natürlich gab es dadurch noch viel mehr zu sehen. Köstlich. Die Dicke und P. waren übrigens auch da. Omi ist jetzt endgültig nach Paraguay ausgewandert – der Liebe wegen.

Was wir noch gemacht haben? Natürlich sind wir am Strand gewesen, bis zum Leuchtturm gelaufen. Dein Lieblingscafé dort musste einer Sushibar weichen. Nichts mehr mit Supertorten. Schade! Den Botanischen Garten und den Palmitopark haben wir auch besucht. Nach dem furchtbaren Brand wurde der Park wieder sehr schön aufgebaut. Viel Grün und viele Tiere. Ich habe mich mit Papageien und Kakadus fotografieren lassen. So ein richtiges Touristen-Abzock-Foto.  Ich sehe ziemlich doof aus, aber die Vögel sind der Knaller.

Du hast Dich mit M. vor vielen Jahren doch auch fotografieren lassen. Das Foto steht heute in meiner Schrankwand. Wie jung ihr da gewesen seid. M. hatte sogar noch seine Locken.

papageien

Aber so vergeht eben die Zeit. Mein Enkel E. entwickelt sich auch prächtig. Er ist ein richtiger Sonnenschein. Immer lacht er und ist fröhlich – außer, wenn das Zahnen etwas schmerzt oder sein Essen zu lange auf sich warten lässt. J. und A. geht es auch gut. J. nimmt bald Elternzeit und A. hat eine Schulanstellung bekommen.

Wie es mir geht? Ach, weißt Du, Mama, eigentlich ganz gut. Ich habe eine neue Leidenschaft – neben dem Patchen und Quilten. Ich blogge. Ja, ich weiß, das kennst Du nicht. Ist auch schwer zu erklären. Ich tausche mich mit völlig fremden Menschen aus. Dabei entdecke ich Potenziale in mir wieder, von denen ich glaubte, sie wären verschüttet. Sicher, es ist alles mehr oder weniger anonym, das stimmt. Aber es macht Spaß, weißt Du? Manchmal ist es auch traurig, weil Menschen natürlich auch über ihren Kummer, ihre Sorgen, ihre unerfüllten Sehnsüchte schreiben. Aber es ist auch schön, wenn sie Fotos einstellen, Projekte anregen und so. Oder über Politik schreiben und Weltgeschehen.

Ob sie auch diesen Brief lesen? Vielleicht! Ich schreibe immer an dieser Stelle an Dich. Weil ich diese Form für mich gefunden habe um mit Dir zu reden. Am Rand der Grünen Wiese kann ich das nicht. Aber hier fühle ich mich Dir nahe. Und ja, Mama, ich vermisse Dich noch immer sehr. Es tut nicht mehr ganz so doll weh. Der zweite Sommer ohne Dich fällt schon ein kleines wenig leichter. Aber ich denke noch jeden Tag an Dich!

Ich schicke Dir einen Kuss!

Deine Tochter

 

 

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4 Antworten zu Mein Sonntagsgedanke gilt Dir!

  1. paradalis schreibt:

    Liebe liebe Elvira, das ist ein wunderschöner Brief.

    Mehr kann ich grad nicht sagen, es berührt mich sehr.
    !

    Liebe Grüße und ich wünsche dir einen schönen Sonntag!
    Heike

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    • Ach weißt Du, manchmal würde ich gerne noch einmal mit ihr sprechen können – dann wird es eben ein Brief. Im Leben hatten wir leider keine wirklich guten Gespräche. Mir schien es, als wären wir zu verschieden. Und jetzt entdecke ich immer mehr Ähnlichkeiten mit ihr. Nicht alle gefallen mir allerdings!
      Liebe Grüße
      Elvira

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  2. april schreibt:

    Sehr berührend; sie würde sich freuen (und vielleicht hätte sie auch gerne ein Blog 😉 ) Komisch, dass ich auch gerade in Erinnerungen schwelge …

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