Wortbeflügler: Wundersame Welt

Eine Pause von der Pause mache ich für Valentiners Wortbeflügler:

Wohin mein Blick auch wandert, schaue ich etwas länger, entdecke ich das Besondere. Was im Vorbeischauen das Auge kaum reizt, entpuppt sich als Wunder, nehme ich mir die Zeit, es zu betrachten. Und so staune ich über das verborgen Offensichtliche. Eine reinliche Fliege, die sich die Beinchen putzt. Ein Tropfen, der sich an den Wasserhahn klammert, bevor er in die Tiefe stürzt. Eine Schnecke, die der Aufstieg bis zu meinem Balkon nicht müde gemacht hat. Der Rauch einer Zigarette, der nach stillen Melodien tanzt.

Habe ich mich müde geschaut, schließe ich die Augen und die Welt wird noch wundersamer.

© Valentiner

„Gleich hab ich Dich“, murmelte der Rauch graublau vor sich hin, während er, Schwaden und Schlieren flimmernd durch das Zimmer waberte. Dann schloss er mit ein, zwei Ringen die unschuldig am Fenster träumende Fliege ein. Hustend flog sie an die Wand und brummte und schimpfte auf die letzten Rauchausläufer ein. „Gehts Dir noch gut? Hast Du noch alle Tassen im Schrank? Kannst Du nicht einfach verduften? Ach, was sag ich denn da? Verduften kommt von Duft. Aber Du kannst nur stänkern, weil Du einfach nur stinkst.“ Immer weiter vor sich hinmurmelnd, bemühte sie sich, den ekligen Gestank von ihren Beinchen abzuputzen, derweil der Qualm nur noch leise röchelte: „Das ist eben meine Lebensaufgabe – Leben aufgeben.“ Nur noch ein kalter Aschegeruch blieb von ihm übrig. „Bäh, pfui, wie eklig!“, summste es unaufhörlich aus dem Fliegenmaul, während sie ein ums andere Mal ihre Beinchen ableckte.

„Komm schnell zu mir“, tönte es da vom Wasserhahn, „ich kann mich gerade noch festhalten. Schnell, dann kannst Du duschen!“ Die Fliege hielt inne und schaute zum Waschbecken. Ein kleiner Wassertropfen hing dort am Hahn, hielt sich mühsam fest und wartete auf sie. „Schnell, schnell! Ich kann gleich nicht mehr!“ Noch während die Fliege startete, verließ den Tropfen die letzte Kraft. Mit Lichtgeschwindigkeit flog die Fliege in das Becken. Der Tropfen zerplatze mit einem lauten Platsch in tausend Minitröpfchen. Wohlig wusch sich die Fliege die letzten Rauchpartikel ab, trocknete mit den Beinchen ihre Flügel und flog sauber und zufrieden durch die Balkontür. Sie setzte sich auf ein Dahlienblatt und streckte ihr Köpfchen der Sonne entgegen, als einige Facetten ihres Auges etwas an der Wand neben dem Balkon bemerkten.

„Ich bin doch nicht zu spät, oder?“, fragte, immer wieder nach Atem ringend, eine Weinbergschnecke. Stöhnend wuchtete sie ihr schweres Haus einen Kriech weiter. „Zu spät wozu?“ erwiderte die Fliege.  „Na, zu der Bierparty. Habe gehört, hier gibt ein Mensch heute ne Runde Bier aus.“ Die Fliege schüttelte verneinend den Kopf. „Warte mal, ich flieg mal ne Erkundungsrunde.“ Schon war sie weg. Nur wenige Augenblicke später setzte sie sich neben die Schnecke und sah sie bedauernd an. „Du, das tut mir jetzt wirklich leid, ganz echt. Die Bierparty findet da drüben in dem Garten mit dem großen Salatbeet statt.“ Ungläubig starrte die Schnecke ihr Gegenüber an. Nervös fuhr sie ihre Fühler ein und aus. „Bleib ruhig hier“, versuchte die Fliege sie zu trösten, „Du würdest sowieso nichts mehr abbekommen. Das ist ne Riesenfete. Mindestens hundert Schnecken sind schon da. Die meisten haben sogar ihre Häuser zu Hause gelassen.“ Sie stutzte. „Sag, mal, kann eine Schnecke ihr Haus zu Hause lassen? Mal abgesehen davon…..“

Ich verfolgte noch eine Weile das philosophische Gespräch der beiden Tiere. Dann öffnete ich meine Augen wieder und zündete mir eine Zigarette an.

© Elvira V.

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17 Antworten zu Wortbeflügler: Wundersame Welt

  1. monisertel schreibt:

    Eine ganz wunderbare Kurzegeschichte 🙂
    Ich wünsche Dir einen schönen Montag und einige geruhsame Momente zum Durchatmen
    moni

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  2. Eva schreibt:

    Welch erstaunlich beflügeltes Wortgemälde. Eine kurzweilige Ablenkung im Montagseinerlei. Danke dafür.

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  3. NixZen schreibt:

    Sehr sehr schön! Was für Kräuter wachsen auf deinem Balkon:-)?

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  4. der_emil schreibt:

    Sehr schön … wirklich.

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  5. april schreibt:

    Die Anregung hast du wunderbar kreativ umgesetzt. Und dabei weiß die Schnecke noch gar nicht, dass sie am ‚richtigen‘ Ort war statt am ‚falschen‘. Ein lebensrettender Irrtum 😉

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  6. Elvira schreibt:

    Ja, wie heißt es so schön? Zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

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  7. kreadiv schreibt:

    Ich glaub alles bis auf die Zigarette 😉

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  8. Elvira schreibt:

    Hätte vor 4 Jahren aber noch gestimmt :-0

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  9. Barbara schreibt:

    Auch als, bekehrter, überzeugter Nichtraucher: Klasse Geschichte! Mehr gibt es da nicht zu sagen. Toll wie du spontan schreibst. Mal liebe Grüße hier lass, Barbara

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    • Elvira schreibt:

      Obwohl mein Mann schon immer Nichtraucher ist und ich wieder seit fast vier Jahren, bemängelte er doch die negativen Eigenschaften, die ich dem Qualm zugeschrieben habe. Denn Valentiner beschreibt es poetisch richtig: Auch ich sah früher gerne den Schwaden zu, wie sie in verschiedenen Blau- und Grautönen sich langsam auflösten, vorher aber die interessantesten Muster bildeten, je nach Luftströmung. Nur unser Hund fand das verkehrt, er bellte jedes Mal, wenn ich auf dem Balkon rauchte. Das waren vielleicht 5 Zigaretten am Tag, zu Hause maximal 3, aber sein abfälliges Gebelle gab mir mehr zu denken als jedes menschengemachtes vernünftige Argument gegen das Rauchen. So hörte ich nach 10 Jahren eben wieder auf.

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  10. Valentiner schreibt:

    Ich bin ehrlich begeistert. Welch wundersame und zugleich wunderbare Geschichte. Sie schwingt sich mit breiten Flügeln von meinem Text auf, um sich am Ende gemütlich und gleichermaßen überraschend wieder in seinen Schoß herabzulassen.

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    • Elvira schreibt:

      Da wir einer Generation angehören, in denen weder sprechende Tiere noch Automaten ungewöhnlich sind, angefangen bei den illustrierten Mickys und Mäusen und Fixi und Foxis, über fernsehbekannte Toms und Jerrys und Roadrunner und diverse Hasen, bis zu Spielzeug, Toastern und Autos, nicht zu vergessen berühmte Brote, erscheint es mir naheliegend, dass sich auch die Protagonisten Deiner Vorgabe aufs trefflichste unterhalten können. Dass diese kleine Episode ihr Ende quasi wieder am Anfang findet, ist dem Wortegeber geschuldet!
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  11. Silberdistel schreibt:

    Das ist ein hübsche Geschichte, toll erzählt. Ich habe Fliege und Schnecke förmlich vor mir gesehen und ihrer Unterhaltung gelauscht und ich bin froh, dass die Schnecke die Party verpasst hat. 🙂 Danke für den Link und somit für diese Geschichte.
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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