Von Tag zu Tag

Es wird immer schwerer! Von Tag zu Tag. Und ich kann nichts dagegen tun. Aber es geht mir nicht alleine so. Und trotz aller Traurigkeit, die wie der Mond stetig zunimmt, überkam mich ein ein warmes Gefühl als mich diese Mail von Manfred erreichte:

weihnachten

                  Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass ich
mal kurz im Himmel anrufen könnte um
die Stimmen zu hören die ich hier unten
vermisse.
Ich brauche keine Engel am
Weihnachtsbaum. Ich habe einen im
Himmel der auf mich aufpasst und auf
mich hinabschaut.

Dein zweiter Todestag steht vor der Tür. Und wie auch im letzten Jahr bremst er fast jede meiner Vorweihnachtsaktivitäten aus. In einem Kommentar habe ich heute geschrieben, dass ich dieses Jahr keine Kartons mit Weihnachtsdeko aus dem Keller holen werde. Ich werde den Herbstquilt über dem Sofa gegen den Adventsquilt austauschen, genauso wie ich es mit den Kissen machen werde. Neben den Adventskranz, den ich fertig gebunden und geschmückt kaufen werde, stelle ich drei meiner genähten Weihnachtsbäume auf. Einen richtigen Weihnachtsbaum wird es auch in diesem Jahr nicht geben – es sei denn, Björn geht mit seinem Schwiegervater in den Wald und schlägt einen für uns. Das wird aber sicher nicht der Fall sein. Will ich auch nicht!

Und während ich diesen Kommentar heute früh schrieb, musste ich an Dich denken. Ich habe Dich endlich verstanden! Und kann es Dir wieder einmal nicht sagen. Als Björn geboren wurde hatten wir beschlossen, den Heiligabend nur noch bei uns zu feiern. Jeder, der kommen mochte, war willkommen. Mir erschien das so natürlich. Ich hatte jetzt eine eigene kleine Familie und wollte diesen Tag  ganz ohne Stress mit ihr verleben. Das bedeutete auch, dass ich keine Ambitionen hatte, stundenlang in der Küche zu stehen. Familiengottesdienst mit Krippenspiel – weißt Du noch, wie süß die Jungs in ihren Engelskostümen aussahen? – Kaffeetrinken bei uns am von den Kindern und mir wundervoll dekorierten Weihnachtstisch, die ungeduldigen Fragen der Kinder, ob denn nicht endlich jeder seinen Kaffee ausgetrunken hätte, mein Rausschleichen um die Kerzen am Weihnachtsbaum zu entzünden und das Glöckchen zu schellen, das anzeigte, dass das Christkind im Wohnzimmer war. Diese staunenden Kindergesichter. Singen und Musizieren und Schielen nach den Geschenken, die neben der Krippe auf ihre Bestimmung warteten. Schließlich das Schenken. Jedes Päckchen wurde einzeln übergeben. Es wurde gewartet, bis es ausgepackt und jedem gezeigt wurde, was in der Verpackung verborgen war. Dann kam das nächste Geschenk an die Reihe. So ging es weiter, in aller Ruhe, bis kein Päckchen mehr unter dem Baum lag. Und immer warst Du dabei. Nie wäre mir eingefallen, dass Du etwas anderes als als ich hättest fühlen können. Und doch, das hast Du. Heute weiß ich das!

Es kommt das zweite Weihnachtsfest, an dem uns niemand am Heiligabend besucht. Wir sind nicht alleine, nein, das ist es nicht. Jens und seine Frau und Emil erwarten uns.  Am zweiten Weihnachtsfeiertag werden wir bei Björn und seiner Familie sein. Meine Söhne haben jetzt Familien, und sie haben die selbe Entscheidung getroffen, wie wir sie vor Jahrzehnten getroffen haben. Wie oft warst Du traurig, Mama, in all der Fröhlichkeit unserer Weihnachtsfeiern? Wie oft hast Du Dich danach gesehnt, noch einmal all die Rituale der Weihnachten mit Deinen vier Kindern zu erleben? Die bunten Teller, die wir schon erspähen konnten, oben auf dem Wohnzimmerschrank, voll mit Schokoladenherzen, Orangen und allerlei Süßkram. Die Stimmen Deiner Kinder, die noch im Kinderzimmer gemeinsam ihre Weihnachtsgedichte übten. Das chaotische Auspacken der Geschenke, die Du Dir mühsam vom Mund abgespart hast. Der Kampf von uns vier, wer auf dem Sofa ganz dicht am Baum sitzen darf, um heimlich den einen oder anderen Schokoladenkringel zu räubern.

Ich wünschte mir, noch einmal als Kind mit Dir Weihnachten feiern zu dürfen. Mit Dir und allen meinen Brüdern. Ich möchte Dich riechen, fühlen und hören. Ja, auch streiten würde ich in Kauf nehmen! Und es geht mir nicht alleine so, das zeigt mir Manfreds Mail.

Wenn ich Dir etwas vorwerfe, liebe Mama, dann ist es Dein schlechtes Timing. Zwischen Weihnachten und Silvester zu sterben, einfach so aus heiterem Himmel, ist nicht fair!

Ich vermisse Dich! Und weil das so ist, fliege ich in drei Wochen zu Manfred. Das muss sein. Wir werden wieder in Dein Lieblingscafé gehen und Deinen Lieblingskuchen essen und von Dir reden und an Dich denken. Und wir werden von früher reden und wieder zu den Kindern werden, die aufgeregt vor der verschlossenen Wohnzimmertür standen und warteten, bis Du sie endlich geöffnet hast. Heiligabend!

CIMG2504

Vielleicht seid ihr ja bei uns, Du und Reinhard, der Bruder, der uns auch so fehlt. Vielleicht sagst Du ja: “ Siehst Du, Kind, alles wiederholt sich. Immer und immer wieder.“

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25 Antworten zu Von Tag zu Tag

  1. fudelchen schreibt:

    Einfach so…ich kenne das und ist noch ganz frisch und es macht so traurig.

    *liebdrück* ♥ Marianne

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    • Elvira schreibt:

      Ich wünschte, es würde irgendwann aufhören. Sicher, es wird weniger, nicht jeder Tag ist so traurig, wie ich ihn heute gerade empfinde. Aber wenn eine Patientin vor mir steht, und ich sehe ihr Alter (80), dann denke ich ganz intensiv an sie – sie war geistig und auch körperlich noch so jung. Hat ihren Garten bestellt, alles alleine machen können, war so lebensfroh, flog 3x im Jahr zu meinem kleinen Bruder.
      Ach, Danke fürs Drücken! Trauer ist genau wie Liebe ziemlich egoistisch, nicht wahr? Dabei gibt es kein mehr oder weniger, jedes dieser Gefühle ist ganz individuell, einzigartig.
      Gute Nacht und herzliche Grüße!
      Elvira

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  2. Pe schreibt:

    *seufzel*

    Ich kann dich gut verstehen…
    in 20 Tagen ist der erste Todestag meines Vaters….

    LG Pe

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  3. Elvira schreibt:

    Eine dunkle Zeit! Nein, ich glaube, die Jahreszeit spielt keine Rolle. Traurigkeit ist unabhängig davon. Es gibt aber vielleicht Zeiten, die das verstärken, wie die Adventszeit. Zeiten, die uns, wenn sie denn gut waren, an die Kindheit erinnern, und den Verlust eines Elternteils unterstreichen.
    Liebe Grüße auch an Dich!
    Elvira

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  4. Himmelhoch schreibt:

    Elvira, meine Mutter lebt noch und es verbindet mich mit ihr auch nicht diese Innigkeit, wie sie vielleicht sein sollte. – Ich vermisse Weihnachten jemand anderes ganz stark – aber dieser Schmerz hat schon nachgelassen im Laufe der Jahre.
    Aber etwas anderes in deinem Post hat Erinnerungen wach gerufen. Wir haben Weihnachten immer meine Mutter und eine alleinlebende Frau bei uns gehabt. Die Geschenke lagen ohne Namen auf einem großen Berg eingepackt unter dem Christbaum. Die Kinder holten abwechselnd für jeden in der Runde ein Päckchen – jeder packte aus – und dann wurde reihum das Geschenk gezeigt und geraten oder gesagt, für wen es bestimmt war. – Das war fast wie ein Gesellschaftsspiel. So konnten sich alle bei allen mitfreuen. – Ich war leider ein Einzelkind und habe daher nie so richtig lebhafte Erinnerungen an Weihnachten – Mutter und Tochter allein zu Weihnachten, finde ich nicht so spannend. Deswegen wollte ich immer gern 4 Kinder haben – leider sind es nur zwei geworden.
    Herzlichen Gruß an dich von
    Clara

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    • Elvira schreibt:

      Aber zwei Kinder sind doch auch toll. Mein Mann war auch Einzelkind, ihm hat immer etwas gefehlt. Nach zwei Kindern meinte er aber, das würde reichen.
      Ich fände es schrecklich, wenn alle gleichzeitig ihre Geschenke auspacken würden. Als die Kinder noch kleiner waren, haben wir schon geguckt, dass sie möglichst am Anfang der Bescherung ihr Päckchen bekamen. Im Laufe der Jahre mussten sie es lernen, dass auch mal Mama, Papa, Großeltern, Onkel u.s.w. zuerst bedacht wurden. Auch bei uns wurden die Päckchen abwechseln verteilt. Allerdings hingen Geschenkanhänger an ihnen..
      Lieben Gruß,
      Elvira

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  5. sucherin schreibt:

    So schön geschrieben – und sooooo traurig. Liebe Umarmung

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  6. Heike schreibt:

    wunderschöne Erinnerungen und doch so traurig.
    Nachdenklich starte ich nach deinen Worten in den Tag und denke gerade ganz besonders an meine Mutter, die vor 17 Jahren verstorben ist.
    Lieben Gruß
    Heike

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    • Elvira schreibt:

      Da warst Du doch bestimmt noch sehr jung? Eine Kollegin verlor ihre Mutter, als diese gerade 45 Jahre jung war, sie selbst gerade mit dem zweiten Kind schwanger.
      Manchmal sage ich, ach, Mama, wenn Du jetzt Deine Urenkelin sehen könntest. Das erste Mädchen seit Jahrzehnten in der Familie. Sie hatte sie nur einmal nach der Geburt gesehen.
      Aber diese Gedanken werden weniger. Das ist auch gut so. Nur diese Mail meines Bruders und die Erkenntnis, wie sehr er noch trauert, brachte einen großen Schwall Melancholie hervor.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  7. Eva schreibt:

    Das hört nie auf, wird mit der Zeit nur erträglicher. Liebevolle Erinnerungen schmerzen, holen aber auch die ganz besondere Wärme eines Menschen zurück und helfen mit der Trauer zu leben.
    Ganz lieben Gruß
    Eva

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    • Elvira schreibt:

      Ich frage mich auch immer, ob wir wirklich nur um diesen Menschen trauern. Ist es nicht auch eine Trauer um die eigene, gestorbene Vergangenheit? Statt froh und glücklich über schöne Zeiten zu sein, trauere ich ihnen hinterher. Damit habe ich wohl ein Problem.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  8. kreadiv schreibt:

    Liebe Elvira,
    an diesem Morgen eine herzliche Umarmung und ein frisches Stück Apfelkuchen mit einer heißen Tasse Kaffee für Dich!
    Meine Gedanken begleiten Dich und schicken Dir warme Morgensonnenstrahlen
    Andrea

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  9. katerchen schreibt:

    Elvria
    glaube es ist so wie Du sagst..man trauert der Zeit nach..und man wurde zurückgelassen…
    einen LG vom katerchen der auch Ahnung hat wie schlimm das ist..ganz schlimm
    kann ich Deine Worte so verstehen

    darum eine Umarmung ein Trost von hier

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    • Elvira schreibt:

      Danke Dir! Es kommt ja immer phasenweise. Aber es gibt auch immer mehr schöne Momente – durch die Enkelkinder. Dann denke ich oft, hoffentlich darf ich noch lange Oma sein.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  10. Frau Momo schreibt:

    Ich mag dazu irgendwie gar nichts schreiben, aus Angst, es klingt banal oder abgedroschen. Meine Eltern leben beide noch, aber mir fehlt mein Schwiegervater sehr.

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    • Elvira schreibt:

      Nein, liebe Frau Momo, das klingt gar nicht banal. Wir verteilen unsere Symphathien und unsere Liebe doch sehr unbewusst. Und es müssen nicht immer die Eltern sein, die wir am meisten lieben. Bei mir war es mein Opa. Er war nicht mein leiblicher Opa, aber er war da von Anbeginn meines Denkens. Er starb, als ich 18 war. Es gibt eine bewegte Aufnahme, einen kleinen Film meiner Konfirmation. Den habe ich irgendwann auf Video kopieren lassen, jetzt müsste ich ihn auf CD brennen lassen. Darauf ist auch mein Opa zu sehen, sein typischer, leicht humpelnder Gang. Wenn ich das sehe, kann ich auch fast seine Zigarre riechen. Ich war als kleines Mädchen sehr krank und musste ziemlich lange zu einer Anschlussheilbehandlung ins Allgäu. Mein Opa hat mich besucht, das muss der richtige Beginn dieser Liebe gewesen sein.

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  11. Barbara schreibt:

    Gerade in dieser dunklen Zeit ist Traurigkeit besonders zu spüren. Und gerade habe ich auch viele traurig machendes um mich, aber auch fröhliches. Immer wieder liegt ja Beides so nah beisammen. Anfdang der Woche habe ich dazu ein gedicht geschrieben und ich glaube es passt auch hier zu dir hin. Fühl dich mal in den Arm genommen, mit ganz lieben Grüßen Barbara

    Trost
    Zart beginnt ein süßer Lebensraum,
    wie ein warmer Frühlingstraum.
    Gefüllt mit warmer Lebenssonne,
    wie ein Sommer voller Wonne.
    … Leise rauscht es durch die Lüfte,
    es ist wieder einmal Zeit.
    Noch sind es des Herbstes Düfte,
    doch der Winter steht bereit.
    Es sind keine großen Klüfte.
    denn der Grat ist gar nicht breit.
    Auch wenn die Traurigkeit nun weht,
    sei dir gewiss,
    ein neuer Frühlingstraum entsteht.
    ©BMG

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  12. april schreibt:

    Ich glaube, es ist doch die Jahreszeit. Man ist draußen nicht mehr so aktiv, hat vielleicht mehr Zeit zum Nachdenken und vor allem ist diese Zeit voller Erinnerungen, meist schöne, an vergangene Weihnachten. Manches wird nie wieder so sein, wie es war, einerseits schade und traurig, andererseits eine Chance, etwas Neues aufzubauen, denn deine Kinder haben ja jetzt auch Familie. Das Leben geht immer weiter, alles entwickelt sich fort, auch die Familientraditionen.

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  13. wildgans schreibt:

    Ein echtes „Familientier“ schreibt hier- das ist SEHR positiv gemeint!
    Dein Eintrag lässt mich mehr an meine verstorbene Mutter denken….DANKE.
    Gruß von Sonja

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    • Elvira schreibt:

      Das werte ich auch positiv! Ja, ich bin ein Familienmensch, aber das musste ich mir erarbeiten, denn meine Kindheitsfamilienzeit war nicht rosig. Ich habe die schönen Dinge mitgenommen und die nicht so schönen einfach verzaubert 😉

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