Wortbeflügler: Begründung

Wie immer findet ihr hier die Richtlinien für Valentiners Wortbeflügler.

Hier nun seine aktuelle Vorgabe:

Als es kalt wurde, schloss er das Fenster. Er liebte diese Jahreszeit, weil sie seiner Abneigung, vor die Tür zu gehen, einen verständlichen Grund lieferte.

© Valentiner

Meine Flügel? Bitteschön!

Einen kurzen Moment blieb er am Fenster stehen und schaute in das Zwielicht des späten Nachmittages. Die Gaslaternen warfen einen mattgelben Schein auf die regennasse Straße. Keine Menschenseele war zu sehen. Nur der Schatten einer Katze huschte an der Wand des gegenüberliegenden Hauses entlang.

Na, du suchst wohl auch ein warmes und trockenes Plätzchen, murmelte er, während er die schweren Vorhänge zuzog.

Er dachte an den Kater, der schon vor langer Zeit gestorben war. Obwohl kein Foto an ihn erinnerte, sah er das runde Gesicht mit den Bernsteinaugen ganz deutlich vor sich. Er schlurfte mit schweren Schritten zur Anrichte und betrachtete das Bild, von  dem ihm goldgerahmt eine junge Frau entgegen lächelte. Einen Moment wusste er nicht, ob diese Augen seiner Frau oder seiner Tochter gehörten. Sie sahen sich so ähnlich. Die großen Augen, immer neugierig das Leben suchend, die linke Augenbraue, leicht hochgezogen bei beiden. Als sein Blick auf die Grübchen fiel, die diesem Lächeln etwas spitzbübisches gaben, seufzte er. Es gab keine Grübchen zum Schluss. Nur tiefe Kerben, von Leid und Trauer ins Gesicht gemeißelt.

Er nahm das Foto in die Hand und streichelte zart das kalte Glas. Immer noch überlegte er, welche Frau ihn so anlächelte. Es war ein einladendes Lächeln, dachte er. Warum war ihm das noch nie aufgefallen. Hatte sie ihn so angelächelt, beim ersten Mal? Er wusste es nicht mehr. Er wusste so viel nicht mehr. Tag für Tag schlichen sich Erinnerungen fort. Eine bleierne Müdigkeit befiel ihn.

Mit einem weiteren Seufzer stellte er den Rahmen zurück auf die Anrichte. Er ging  zum Fenster und zog die Vorhänge wieder auf. Draußen war es  dunkel geworden. Als er das Fenster weit öffnete, ließ ihn die eisige Novembernacht frösteln.

Er drehte den Heizregler auf Null und setzte sich in den alten Ohrensessel. Märchensessel, hatte seine Tochter ihn genannt. Eine Erinnerung an Winterabende. Seine Tochter auf seinem Schoß. Der Kater zusammengerollt auf einer Lehne. Lesezeit. Nach ihrem Tod hatte er sich nie wieder hinein gesetzt.

Er stand auf und nahm  das Bild von der Anrichte. Ihr Lächeln spiegelte das seine im Licht der Lampe zurück. Er ging zum Schalter und schalte die Deckenleuchte aus. Tastend suchte er den Weg zum Sessel und ließ sich hineinfallen.

Die Kälte umhüllte seinen Körper, doch er spürte sie bald nicht mehr. Denn er würde die Einladung annehmen. Seine Tochter und seine Frau hatten lange genug auf ihn warten müssen.

© Elvira V.

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22 Antworten zu Wortbeflügler: Begründung

  1. sucherin schreibt:

    Eine wundervolle Wortbeflügler Geschichte. Ich habe es leider Montags noch nicht geschafft, aber irgendwann — versprochen. LG

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  2. Gudrun schreibt:

    Deine Geschichte hat etwas Tröstendes, liebe Elvira, so etwas wie eine Absprache und Versöhnung mit dem Tod. Sie macht mich aber auch einwenig traurig. Aber vielleicht sind Novemberstimmungen einfach so.

    Liee Grüße von der Gudrun

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  3. Eva schreibt:

    Ergreifend wortbeflügelt – das geht mir sehr nahe.

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  4. Valentiner schreibt:

    Ich will micht nicht wiederholen. Gänsehaut!

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  5. Himmelhoch schreibt:

    Diese Geschichte ist auch mir unter die Haut gegangen. Es ist für Eltern – in diesem Fall den Vater – bestimmt sehr, sehr schwer, ihr Kind gehen zu lassen, da doch die „normale“ Reihenfolge andersherum ist. – Ich kann es so gut verstehen, dass er die beiden liebsten Menschen seines Lebens nicht mehr länger warten lassen möchte. – Ankommen kann nach dem Weggehen auch etwas Tröstendes haben.
    Lieben Gruß schickt dir Clara

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    • Elvira schreibt:

      Mein Bruder starb mit 45 sehr qualvoll an Krebs – meine Mutter und ich haben ihn bis zum letzten Atemzug begleitet. Danach starb ein Teil meiner Mutter, lange bevor ihr Körper ihr folgte.
      Liebe Grüße
      Elvira

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      • Himmelhoch schreibt:

        Mein allerallerliebster Mensch starb mit 53 und seiner 73jährigen Mutter ging es wohl ähnlich. – Das alles gehört leider mit zum Leben, bis wir es geschafft haben. – Der Verlust kleiner Kinder ist wohl das allerschlimmste, was Eltern treffen kann. Ich bin glücklich, dass ich so etwas nie erleben musste.
        Mit Gruß von Clara

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        • Elvira schreibt:

          Ich möchte das auch nie erleben müssen. Die Gedanken hören nicht damit auf, dass die Kinder groß und aus dem Haus sind. Mein älterer Sohn musste dienstlich oft in Länder, die man nicht so wirklich als Urlaubsziele wählen würde. Wie froh war ich jedes Mal, wenn das erste Lebenszeichen kam.
          Lieben Gruß von Elvira

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  6. Barbara schreibt:

    Wunderbar, mehr mag ich dazu nicht sagen 😉

    Mal ganz viele herzliche Grüße an dich an eine sehr sensible Frau, Barbara

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  7. Wildgans schreibt:

    Das ist wie…………eine Totensonntagsgeschichte- und doch so lebendig, menschlich, auf die andere Seite schauend…
    Gruß von Sonja

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    • Elvira schreibt:

      nun, ja, es war gerade totensonntag, und ich bin auf dem friedhof gewesen. habe wieder damit gehadert, dass meine mutter anonym beerdigt werden wollte. da stehe ich mit meinen blumen vor der wiese, überlege, wo die kleine stelle gewesen sein könnte, denn ich wollte die blumen nicht zu den anderen auf die sammelstelle legen (was viele ganz offensichtlich nicht wollen, wenn man sich die über die wiese verstreuten mitbringsel ansieht)und laufe vorsichtigen schrittes über das gras, hoffend, dass die asche in den vielen urnen sich nicht in der totenruhe gestört fühlt. pimaldaumen die stelle gefunden und blumen abgelegt, einige gedanken ausgetauscht und kusshandwerfend die wiese verlassen.

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  8. april schreibt:

    Wunderschön und sehr eindringlich geschrieben, traurig und tröstlich zugleich.

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