Schenken und Schenken lassen

Zurzeit werden  Fragen diskutiert, die durch die Affäre Wulff neue Aktualität  bekommen haben. Es geht um Werte, Moral, Unrechtsbewusstsein und Vorbildfunktion. Nun frage ich mich persönlich, ob es denn immer einer Affäre bedarf um eine Wertedebatte anzustoßen. Und warum wird mit dem Finger auf eine öffentliche Person gezeigt, wenn Hinz und Kunz es nicht besser machen? Denkt wirklich jemand, dass in der heutigen Zeit ein Bundespräsident Vorbildfunktion hat? Werden wir jetzt alle Vorteilsnehmer? Nach der Broken-Windows-Theorie?

Nein, das werden wir nicht, denn wir sind es schon! Wir sind nicht besser oder schlechter als ein Herr Wulff.

Alles, was wir bei einem erwachsenen Menschen an Werten und Moral erwarten, sollte bei der Kindererziehung beginnen. Ich will mal ein Beispiel zeigen, mich.

Das, was mir anerzogen wurde, war erwünschtes Wohlverhalten eines Mädchens. Hand geben, Knicks machen, immer lächeln, nicht dazwischen reden, wenn Erwachsene sich unterhalten, Aufessen, die Gabel geht zum Mund und nicht umgekehrt, keine Widerworte, Hände auf die Bettdecke! Nun gab es aber noch die subtile Erziehung: Musst du dich mit der anfreunden? Schau nach oben! Freunde dich mit doch mit der an, deren Eltern sind was. Das war ein Moment, an dem bei mir erster Widerstand aufkeimte. Warum soll ich mich mit jemanden anfreunden mit dem mich nichts verbindet? Warum nicht mit dem Mädchen des Kohlenträgers? Der Vater hatte immer schwarze Fingernägel, na und? Aber bei ihnen zu Hause war es unglaublich gemütlich. Die haben ja noch nicht mal einen Fernseher! Stimmt, aber sie konnten toll erzählen und hatten Mundharmonikas, auf denen sie toll spielen konnten. Denkfehler meiner Erziehungsberechtigten: Vielleicht wäre ja auch mal ein Brikett abgefallen?!

Später hieß es immer: Merke Dir: Wenn einer dir was schenkt, will er irgendwann was dafür haben! Aber da erreichten mich solche Sätze nicht mehr. Weil ich da schon dicht gemacht hatte.

Heute meldete mein unteres Unterbewusstsein diesen Satz an mein oberes Unterbewusstsein. Während mein Bewusstsein es in Worte fasste, stellte sich mir eine Frage: Bedeutet das im Umkehrschluss, dass ich nur des Gegengeschenkes schenken sollte? Und das möglichst bei Menschen, von denen ich dann irgendwann die passende Gegenleistung einfordern kann?

Wenn das einem Kind eingetrichtert wird, das vorher auf Gehorsam gedrillt wurde, was wird es ins erwachsene Leben mitnehmen?

Ich möchte hier keine Diskussionen über Herrn Wulff anzetteln, das geschieht schon an anderen Stellen. Dass sein Verhalten durch und durch falsch ist, ist unbestritten. Das Winden um den Kredit, die Wahrheit in homöopathischen Dosen, die Ansagen über seine Anwälte, alles hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Ich möchte auch nicht über die Frage diskutieren, ab welcher Position ein Mensch frei von Lug und Tadel sein muss, um als Vorbild zu fungieren. Kratzt man nur lange genug, findet sich bei allen eine dreckige Schicht. Ein anderer, ehemals hochgeehrter Bundespräsident dieses Landes, gehörte 1964 der Geschäftsführung der Firma Boehringer an, die den USA das berüchtigte agent orange für deren Vietnamkrieg lieferte.

Moralisches Gewissen? Studien an Kleinkindern zeigen, dass wir es bei der Geburt mitbekommen haben. Kleinkinder handeln moralisch. Sie haben Mitgefühl, erkennen Ungerechtigkeiten, sind hilfsbereit, schenken freizügig und besitzen einen gesunden Egoismus. Vieles davon wird wegerzogen. Zum Teil aus Gedankenlosigkeit, zum Teil aber aus dem Irrglauben, dass nur, wer gelernt hat, seine Ellenbogen einzusetzen, danach zu trachten, sich möglichst viele Vorteile durch „richtige“ Freundschaften zu verschaffen, es später zu etwas bringen wird.

Ich schenke übrigens immer noch gerne, einfach mal so – nicht nur zu Weihnachten. Weil ich mich an der Freude der Beschenkten freue. Halt! Bevor hier jemand einwendet, dass die Erwartung der Freude auch als Gegenleistung gewertet werden könnte: Ich kann auch durchaus damit leben, wen jemand  sich nicht freut. Aber das kommt so gut wie nie vor.

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11 Antworten zu Schenken und Schenken lassen

  1. Frau Momo schreibt:

    Ich bin mit solchen Werten wie rede nicht dazwischen, freunde Dich nur nach oben an, nicht aufgewachsen. Meine Mutter hatte schon immer andere Werte, gegen ich die mich nie aufbäumen wollte und die ich bis heute tief verinnerlicht habe. Mein Vater war da eher von dem Schlag wie Du ihn beschreibst. Ich erinnere mich noch an meine liebste Chaotenfreundin, die mein Vater normalerweise nicht über seine Schwelle gelassen hätte… aber ihr Vater war Prof. Dr, sowienoch.
    Ich schenke auch gerne und würde glatt behaupten, ohne was zu erwarten, auch wenn es mich natürlich freut, wenn der oder die Beschenkte sich freut. Ich gebe auch gerne und natürlich sollte ich gelegentlich auch da mal hinterfragen, warum ich das tue. Es gibt nicht wenig Ehrenamtliche, die, wenn sie ehrlich sind, das in erster Linie für ihr eigenes Ego tun. Ich möchte nicht behaupten, frei davon zu sein, auch wenn ich natürlich denke, ich tue es vor allem für die, für die ich mich da einsetze.
    Und ich merke, je älter ich werde, desto radikaler werde ich in dem, was ich an Werten mitbekommen habe und ich werde immer intoleranter, wenn es um Dummheit, Intoleranz, Rücksichtslosigkeit und solche Dinge geht.
    Ich bin deswegen kein besserer Mensch, es sind einfach meine Werte, nach denen ich versuche zu leben.
    Ich denke, über Herrn Wulff muß man nicht mehr streiten… nachdem, was der da heute abgeliefert hat, steht für mich erst recht fest, der Mann ist eine Fehlbesetzung.

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    • Elvira schreibt:

      Mein Mann fragte mich oft, wie es sein könne, dass ich so völlig anders wäre als meine Familie. Ich kann ihm darauf keine schlüssige Antwort geben. Irgendwann begann ich wahrscheinlich selbst zu denken, mich aufzulehnen und meine eigenen Wertvorstellungen zu entwickeln. Geholfen haben mir dabei eine kluge Bibliothekarin und, so komisch das klingen mag, zwei alte Sprichwörter: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu“ und „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz“. Als Kind war ich büchersüchtig. Meinen Lesestoff besorgte ich in unserer kleinen Dorfbibliothek (ich bin im Berliner Bezirk Buckow aufgewachsen, der damals noch dörflichen Charakter hatte). Selbstbedienung gab es noch nicht, und ich war auf die Empfehlungen der Bibliothekarin angewiesen. Diese führte mich behutsam über die Mädchenklassiker und Tierbücher an die Weltliteratur heran.
      Was das ehrenamtliche Helfen betrifft, so hilft es einem selbst ganz bestimmt in einer Sache: Man bleibt auf dem Boden, weil man den Realitäten ins Gesicht sehen muss. Außerdem ist es einfach ein wirkliches schönes Gefühl, wenn man Freude schenken kann, wenn Menschen sehen, dass es Mitmenschen gibt, die ihre Augen nicht verschließen. Auch wenn ich froh über die Tafeln und andere Einrichtungen bin, so macht es mich auch traurig bis wütend, dass es sie überhaupt geben muss. Dass unser Staat die Fürsorgepflicht vernachlässigt und sie einfach deligiert.
      Ich wünsche Dir morgen einen besonders guten Tag!
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  2. Himmelhoch schreibt:

    Elvira, du hast mit so vielem, was du geschrieben hast, ganz, ganz doll Recht – Kinder werden sehr oft verzogen statt erzogen. Und wenn Erziehung, dann sollte sie zu einem großen Teil duch eigenes Vorleben passieren. – Ein paar gute Sitten, wie sie der gute alte Knigge beschrieben hat, halte ich auch heute noch für erstrebenswert, denn wenn ein junger Akademiker beim Tisch schlürft und schmatzt wie ein Ferkeltier (selbst erlebt, ganz ohne Schwindel), dann war das für seine Mitarbeiter eine Ohrenbeleidigung, neben ihm zu sitzen. – Erziehung ist wie ein Drahtseilakt – man darf die Balance dabei nicht verlieren.
    Ganz liebe Grüße um die Ecke von Clara

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    • Elvira schreibt:

      Gute Manieren sind eine Sache, Drill eine andere. Auch meinen Kindern habe ich den Boden für einen respektvollen Umgang mit ihren Mitmenschen bereitet. Aber ich war bemüht zu differenzieren. So waren unsere gemeinsamen Mahlzeiten immer auch unsere besten Redezeiten. In meiner Kindheit hörte ich irgendwann zwei Sprichwörter, die zum Leitfaden meines Handelns wurden: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu“ und „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz“.
      Liebe Grüße durch Nieselgrau schickt Dir Elvira

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  3. paradalis schreibt:

    Liebe Elvira,

    dir und deinen Lieben ein wunderschönes Weihnachtsfest und fabelhafte Weihnachtsfeiertage!
    Habt es gut!

    Ich drück dich, liebe Grüße
    Heike

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  4. Valentiner schreibt:

    Hallo Elvira,

    ich glaube, ich bin nicht sonderlich moralisch. Ich denke auch wenig darüber nach. Das erledigt Empathie für mich. Leider ist sie kein Garant dafür, dass man sich immer „richtig“ verhält. Aber dafür, dass man sehr wohl spürt, wenn man es nicht tut.

    Liebe Grüße und schöne Feiertage!

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    • Elvira schreibt:

      Ich glaube, dass Moral mehr ist, als in Richtig- oder Falschkategorien zu denken. Manchmal tut man mit einer falschen Tat etwas Gutes, mit einer gutgemeinten liegt man aber falsch. Kein Mensch kann immerwährend über Moral nachdenken. Aber gewisse Werte, die ein Zusammenleben mit anderen Menschen erst ermöglicht, sollten uns eigen sein.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  5. mayarosa schreibt:

    Liebe Elvira, danke für deinen Post. Ich sehe es ganz ähnlich und mir fallen dann so Sätze ein, wie: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ oder „Jeder möge zuerst vor seiner eigenen Tür kehren“. Und ja, wir geben oft an unsere Kinder Dinge weiter, die wir selbst gar nicht wollen, es oft noch nicht mal merken. Da nehme ich mich nicht aus. Eine ganz besonders doofe Eigenschaft von uns Menschen ist es, dass wir uns häufig bei anderen über genau die Verhaltensweisen besonders aufregen, die wir an uns selbst nicht mögen.

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    • Elvira schreibt:

      Da ist es dann von Vorteil, wenn man in der Lage ist, das zu reflektieren. Es gibt eine Sache, die mich an anderen Menschen immer schrecklich aufgeregt hat: Ich erzähle etwas, das letzte Wort hat noch nicht mal meinen Mund verlassen. da gehts schon los mit „ach, na, da ist MIR aber mal was passiert……DAS kenne ich auch……da müsstest du mal MEINE Geschichte hören……“. Und weißt Du was? Jetzt bin ICH manchmal auch so. Nach reiflicher Überlegung lässt das nur zwei Schlüsse zu: Entweder passiert das aus einer gewissen Selbstüberschätzung (die wiederum aus einem verminderten Selbstwertgefühl genährt wird) oder aber diese Erfahrungen werden mit zunehmendem Alter von immer mehr Menschen in ähnlichen Situationen geteilt. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, in Zukunft genauer hinzuhören, welches wohl der Grund sein könnte, wenn mir jemand seine Variante eines Erlebnisses erzählen möchte. Und mich selbst etwas mehr zurückzuhalten.

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      • Oma Schlafmuetze schreibt:

        Hallo Elvira, mich haben die Kommentare auf den damaligen Artikel interessiert und so bin an jetzt hier hängen geblieben. 🙂
        Eine Situation, die wohl schon jeder so erlebt hat.
        Für mich gibt es eigentlich auch nur zwei Erklärungen. Die eine ist: Der Zuhörende hat tatsächlich ähnliches erlebt und das fällt ihm natürlich mit der Erzählung wieder ein und er möchte das auch gerne erzählen. Die andere ist, der Zuhörende hat gar nichts zu erzählen und erzählt darum etwas ähnliches, um nicht als Langweiler dazustehen.
        So oder so ist den Menschen leider auch etwas das Zuhören abhanden gekommen. Wir müssen das mal wieder üben: Ausreden lassen 😉
        Hier im Blog ist das ja sehr leicht 😀

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