Vorbildfunktion und Pünktlichkeit

Auf NixZens Post zu Wulff gab es etliche interessante Kommentare. Ich möchte etwas über Vorbildfunktion schreiben. Nein, nicht über Vorbilder wie Wulff o.ä., sondern beginnend mit unserem Vor-leben. Denn alles beginnt bei uns selber!

Mir gingen heute früh sehr viele Gedanken durch den Kopf, als ich mit Hund die morgendliche Gassirunde machte. Durch die letzten, recht schlaflosen Nächte, bedingt durch eine heftige Nasennebenhöhlenentzündung, bin ich heute  später als sonst aufgewacht. Ich musste mit Hund um eine Zeit das Haus verlassen, zu der ich das mehr als ungerne tu. Kurz vor acht! Ihr müsst wissen, dass sich unserem Haus gegenüber eine Grundschule befindet, die erste Stunde beginnt um 08:00 Uhr. Sollte sie jedenfalls. Allerdings bezweifel ich, dass einer der Lehrer um diese Zeit wirklich alle seine Schüler begrüßen kann. Denn vor der Schule spielen sich Szenarien ab, die leider nur am Anfang eines neuen Schuljahres, zur Sicherheit der Erstklässler, die Anwesenheit einer Polizeistreife abmildern kann. Eltern preschen mit ihren Autos durch die Straße, bügeln auf den Bürgersteig (auf einer Straßenseite wurden aus diesem Grund vor zwei Jahren Absperrgitter aufgebaut!), hupen an der kleinen Kreuzung wie verrückt, weil es ein anderes Elternteil wagte, ihnen die Vorfahrt zu nehmen, kurbeln Fenster runter und brüllen sich an, parken entgegen der Fahrtrichtung, gerne auch mal direkt quer auf dem Bürgersteig (kein Durchkommen für Kinderwagen oder Rollstühle), Hektik pur! Und warum? Genau! Es ist eine Minute vor acht! Ihre Kinder werden angetrieben, angeschrien, aus den Autos geworfen, ohne die Zeit für ein Abschiedwort. Aber dann sind da noch die Kinder, die keinen Chauffeurdienst in Anspruch nehmen können und alleine den Schulweg auf sich nehmen müssen. Sie rennen, fahren wild auf ihren scheppernden Rollern, pflügen mit ihren Fahrrädern kreuz und quer die Bürgersteige  und werden es doch nicht schaffen, mit dem letzten Gong der Schulklingel ihr Klassenzimmer zu erreichen.

Nun frage ich mich, ob ich Pünktlichkeit vielleicht überbewerte. Ich denke nicht. Mag es auch reizvoll sein, nach einem Urlaub berichten zu können, wie abenteuerlich es war, mit einem Bus von A nach B fahren zu wollen, wenn niemand so genau weiß, wann, wenn überhaupt, der nächste kommt, so möchte ich mich in unserer zeitreglementierten Gesellschaft schon auf die Einhaltung eines Fahrplans verlassen können. Wir müssen gewisse Spielregeln einhalten. Wenn der Unterricht um acht beginnt, dann sollten die Schüler gefälligst in ihren Klassen sein. Dafür Sorge zu tragen haben die Eltern. Sie sollten selbst früh genug aufstehen um ihre Kinder zu einer Zeit zu wecken, dass denen ein relativ ruhiger Start in den Tag vergönnt ist. Idealerweise mit einem gemeinsamen Frühstück und geschmierten Schulbroten (hallo, Emil!).  Das geht, ich weiß es! Wenn der Wecker dann doch einmal nicht klingelt, oder aus welchen Gründen man sich sonst verspäten mag, dann ist das kein Fiasko. Das kommt vor.

Welches Vorbild sind die oben beschriebenen Eltern ihren Kindern? Da werden Verkehrsregeln gebrochen und keine Rücksicht genommen, weder auf das eigene noch auf andere Kinder, da fallen böse Worte und begleiten die Kinder in ihren Alltag. Wie gesagt, ich spreche hier von Grundschülern, Erst-, Zweit-, Drittklässlern.

Dieses alte Sprichwort trifft es immer noch:

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!

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13 Antworten zu Vorbildfunktion und Pünktlichkeit

  1. Himmelhoch schreibt:

    Elvira, du schreibst so wahr. Ich bringe Anna jede zweite Woche dreimal zur Schule, mit Auto – aber wir fahren immer so los, als wenn wir es auch zu Fuß schaffen könnten. Wie oft beobachte ich das, was du schreibst. Und es sind nicht nur die griechischen Eltern (es ist eine „gemischte“ Schule), die so lax mit den Verkehrsregeln umgehen – nein, die deutschen Mamas und Papas kann man wirklich nicht als Vorbilder bezeichnen.
    Lieben Gruß von Clara
    PS: Bis zu welchem Alter ist man Hänschen?

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  2. Frau Momo schreibt:

    Bei uns war es noch normal, das um 8.00 Uhr alle auf ihren Stühlen saßen. Ich frage mich auch, was den Kindern da vorgelebt wird und was ihnen an Wertevermittlung flöten geht.
    Wenn sie dann zum ersten Vorstellungsgespräch zu spät kommen, ist es zu spät.

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  3. Elvira schreibt:

    Im wahrsten Sinn des Wortes!

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  4. Eva schreibt:

    Liebe Elvira, ähnliche Beobachtungen können wir auch in unserer Nähe an Kindergarten und Grundschule jeden Tag aufs Neue machen.
    Und nicht nur der Start in den Tag ist hektisch und unzuverlässig, auch bei der Abholung der Kinder wird es dann immer „ein wenig“ später. Diese Form der Unpünktlichkeit, fühlt sich aus Kindersicht bestimmt gar nicht gut an – fehlt Ihnen doch ein großes Stück Verlässlichkeit gerade der Menschen, auf die sie sich bedingungslos verlassen können sollten.

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  5. Elvira schreibt:

    Diesen Aspekt darf man natürlich auch nicht außer Acht lassen! Nicht nur die Vorbildfunktion ist in Frage zu stellen, auch das sich auf Jemanden verlassen können ist so unglaublich wichtig.

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  6. Frau_Mahlzahn schreibt:

    Ich ärgere mich ehrlich gesagt mehr über die Eltern, die ihre kleine Augäpfelleins bis genau vor die Eingangstür der Schule kutschieren, weil das arme Kind sonst ja einen Schritt zu viel gehen müsste. Dass sie dabei (sie müssen rückwärts zurücksetzen, um wieder hinaus zu kommen, wobei sie sich natürlich alle gegenseitig im Weg sind) alle Kinder gefährden, ist ihnen wurscht, Hauptsache, das eigene Augäpfellein ist sicher in der Schule angekommen…
    Überhaupt. Warum muss man eigentlich sein Kind immer mit den Auto bringen? Es gibt — zumindest bei uns — gute Öffentliche, die bis direkt vor die Schule fahren, und viele Kinder wohnen eh ganz in der Nähe. Mit dem Fahrrad kommt kaum jemand… Ich finde das bedauerlich, denn die Kinder verpassen dadurch viele Chancen, zu lernen, zu erfahren, zu erleben und diese ständige Kutschiererei hat auch sonst noch viele negative Auswirkungen… (ich hab‘ dazu mal einen Artikel geschrieben (http://www.zweiundmehr.steiermark.at/cms/beitrag/11567511/41755279/ — auf’s Titelbild klicken und auf Seite 26 oder 27 vorblättern, falls es Dich interessiert)
    Was die Pünktlichkeit angeht, stehe ich hier auf verlorenem Posten, *seufz* — _ich_ wecke rechtzeitig, aber leider drängt es hier so niemanden in die Schule, so dass es immer der letzte Drücker ist, auf den sie aufbrechen…

    So long,
    Corinna

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    • Elvira schreibt:

      Hallo, Corinna,
      genau das ist hier das Problem! Dieses Gedränge und Autogeschubse passiert genau aus diesem Grund: Nur keinen Schritt zu viel gehen. Unsere Grundschule liegt zwischen den Haltestellen mehrerer Buslinien, von jeder sind es , wenn Kind trödelt, 5 Minuten Fußweg. Die meisten Kinder kommen aus der nähereren Umgebung, viele davon mit dem Rad. Allerdings fahren die meisten vorbildlich. Jedes Jahr bietet die Schule zusammen mit der Polizei Radführerscheinkurse an. Die große Anzahl der teilnehmenden Schüler spiegelt das Interesse der Eltern und Kinder gut wieder. (Helme u.ä. wäre ein anderes Thema!)
      Wenn Kinder partout nicht aus den Federn wollen oder träumende Trödelbacken sind, können Eltern leider nicht viel tun. Irgendwann muss das Kind lernen die Konsequenzen zu tragen.
      Deinen Artikel werde ich nachher lesen!
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  7. Li Ssi schreibt:

    …und es fängt im Kindergarten schon an, wie meine Tochter als Erzieherin in einem WALDORFKINDERGARTEN zu berichten weiß, auch da, Hektik am Morgen und am Mittag… in mir wirds wütend und traurig zugleich… nix Bullerbü… das ist nur ein Traum… aber einen, den ich noch mit meinen Enkeln leben will und dazu gehört eben auch das gemeinsame Frühstück mit einem warmen Getränk und Butterbrot… schon damals, als meine Kids noch klein waren und das ist ja nu och schon ne Weile her, wurde ich von manchen MitMenschen für konservativ erklärt, weil ich zwei Rituale am Tag SEHR ernst nahm, das eine war der Morgen: in Ruhe den Tag gemeinsam beginnen (gelang natürlich nicht immer…) und am Abend gemeinsames Essen und Geschichten vorlesen oder Lieder singen, da ließ es sich doch immer guuuut einschlafen! na ja… bin ich eben konservativ und demnächst nur noch superaltmodisch… aber in diesem Falle bin ichs gerne- meine Tochter übrigens auch schon ;o)

    danke für diesen Artikel und genieße den Tag

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    • Elvira schreibt:

      Liebe Li Ssi,
      dann lass uns einen Club der Altmodischkonservativen gründen – wir wären sicherlich nicht alleine. Denn Konservativ bedeutet in diesem Falle doch nur, etwas, das wir für wertvoll erachten (UND ES IST WERTVOLL!!), weiter zu leben.
      Wir haben unseren Kindern eine Tagesstruktur gegeben, die auch aufgebrochen werden durfte, natürlich! Unser Ritual am Abend waren von mir ausgedachte Geschichte um eine Wolke. Diese Wolke erlebte viele Abenteuer. Die Kinder fieberten diesen Geschichten enrgegen, weil sie am Inhalt teilhaben durften. Irgendwann war ihnen natürlich klar, dass die Wolke ihren Tagesablauf wiederspiegelte, kleine Episoden aus dem Miniclub, der Schule oder Freundestreffen. Viel Lustiges, Aber auch wenn bei uns etwas schief lief, bekam das seinen Platz in der abendlichen Wolkengeschichte.
      Und ganz zum Schluss wurde gesungen. Die Lieder können beide heute noch auswendig!
      Morgens und abends gemeinsam die Mahlzeiten einzunehmen, war überhaupt keine Frage. Schließlich konnte dann auch der Papa nachträglich den Tag der Familie nach-erleben.
      Liebe Grüße,
      Elvira
      P.S. Genau so gerne wie Büllerbü würde ich allen Kindern Saltkrokan wünschen

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  8. sucherin schreibt:

    Elvira, an Deinem Artikel ist wirklich viel Wahres dran. Allerdings bin ich ab und zu auch fast kein gutes Vorbild, wenn es mir zum Beispiel aus Eile in den Beinen juckt, doch noch schnell über eine fast rote Ampel zu rennen. Ich werde mich bemühen, mehr an die Vorbildfunktion zu denken. Liebe Grüße

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    • Elvira schreibt:

      Ups, die rote Ampel hatte ich vergessen – wohl aus gutem Grund *schäm*. Allerdings achte ich schon darauf, dass keine kleinen Kinder in der Nähe sind. Ich meine hier auch eher die täglichen subtilen Vorlebemechanismen, die Kinder sehr wohl wahrnehmen und verinnerlichen. Darum hatten mich zur Berlinwahl im vergangenen Herbst die braunen Wahlplakate an jeder Laterne vor der Grundschule so aufgeregt. Sie waren auf Kinder gemünzt. Kinder, die mehrere Wochen täglich im Vorbeigehen die Slogans lesen und, wenn niemand mit ihnen darüber redet, irgendwo in einer kleinen Ecke des Gehirns abspeichern.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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      • Himmelhoch schreibt:

        @ Elvira und Sucherin: Rote Ampeln schon lange bei mir zu Fuß auch nur noch nachts, wenn weder Autos noch Kinder in der Nähe sind. Sonst Vorbild, hihi.
        Wahlwerbung – Elvira, nicht immer auf das Schlimme – ich bin der Meinung, sie sollte generell verboten werden in jeglicher, wirklich in jeder Form und das Geld umgeleitet werden in Bildungsprogramme oder -projekte.

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