Hoppla!

Es war einmal vor vielen Jahren ein Baby, das wurde genau zum Herbstanfang in diese Welt geboren. Viele Jahre war es alleine mit seinen Eltern und wuchs trotz des sehr strengen Vaters zu einem fröhlichen jungen Mädchen heran. Als es neun Jahre alt war, wurde ihm ein Bruder geboren, ein weiteres Jahr später eine Schwester. Die Zeiten waren keine guten. Es herrschte Krieg. Das Mädchen ging zwar zur Schule, konnte aber nicht richtig lernen, da sie sich um die kleinen Geschwister kümmern musste. Wenn die Sirenen die nahenden Bomber ankündigten, rannte sie mit den Eltern und den Kleinen in den nächsten Luftschutzbunker. Was in diesen schrecklichen Jahren genau passierte, wusste sie nicht. Auch später sprach sie nie von Politik. Aber sie erzählte, wie schrecklich diese Zeit war. Sie musste viel Leid und Tod sehen. Irgendwann war auch dieser Krieg vorbei.

Das Mädchen wurde eine junge Frau. Sie schminkte sich, wenn sie das Haus verlassen hatte, in einem fremden Hausflur. Sie rauchte heimlich Zigaretten. Sie flirtete. Sie wollte endlich leben. Frisörin hätte sie werden können. Aber ein Mann verdrehte ihr den Kopf. Sie schmiss die Lehre und heiratete. Ein Kind wollte sie haben. Aber ihr Mann mochte die Verantwortung dafür nicht tragen. Sie wurde trotzdem schwanger. Er würde sich schon freuen, dachte sie. Als er ging, brach ihre Welt erneut zusammen. Auf das Kind freute sie sich dennoch sehr. Ihr Wunschkind wurde eine Tochter. Ein Winterkind. Ihre Mutter und eine Tante kümmerten sich um das Baby. Sie musste Geld verdienen. Ihr Vater war vor Jahren gestorben. Die Mutter hatte einen neuen Mann. Einen lieben Mann. Ihre kleine Tochter liebte den Opa.

Die Frau lernte einen Mann kennen. Einen stillen, fleißigen. Einen Arbeiter. Sie heirateten. Als die Wunschtochter drei Jahre war, wurde der erste Bruder geboren, ein Jahr später der zweite. In der ersten Klasse wurde das Mädchen sehr krank. Es war lange von zu Hause fort. Es musste in die Berge fahren um wieder ganz gesund zu werden. Die Frau konnte ihre Tochter nicht besuchen. Sie hat so sehr darunter gelitten. Aber der Opa fuhr den weiten Weg mit dem Zug zu dem Mädchen.

Einige Jahre später bekam die Frau noch einen Sohn, einen Nachzügler. Sie wurde schwer krank. Die Kinder lebten einige Zeit getrennt bei Verwandten. Die Frau veränderte sich. Sie wollte so gerne ein schönes Familienleben leben. Aber es fehlte immer am Geld. Sie stritt sich oft mit dem Mann. Immer öfter. Laut. Der Mann schwieg die meiste Zeit. Er sammelte seine Wut. Und plötzlich explodierte er. Unerwartet. Dann schlug er die Kinder, wenn sie nicht da war. Aber das kam nicht oft vor. Trotzdem tat es weh. Auch der Frau rutschte die Hand aus. Wenn sie wieder Schmerzen hatte. Wenn sie ungeduldig wurde. Ihre Tochter wurde immer schwieriger. Ein Sohn machte nur Unfug.

Die Jahre vergingen. Als die Kinder erwachsen waren, trennte sich die Frau von ihrem Mann. Sie lernte einen anderen kennen. Einen lustigen. Einen, der sich um sie bemühte. Der sie wieder aufblühen ließ. Während ihre Kinder eigene Wege gingen, fand auch sie einen neuen Anfang. Es folgten schöne, intensive Jahre. Sie verreiste mit ihm. Verbrachte Monate auf einem Campingplatz mit diesem Mann. Sie hatte Spaß am Leben. Doch der Mann starb. Und mit ihm starb etwas in ihr.

Sie war plötzlich alleine. Musste sich wieder neu einrichten im Leben. Dann wurde ein Sohn krank und ein anderer Sohn starb.  Ein Sohn war vor vielen Jahren weg gezogen aus der Stadt. Die Wunschtochter hatte selber Kinder und lebte das Leben, das sie sich doch so sehr gewünscht hatte. Nur der jüngste Sohn verließ sie nie. Er wohnte immer in der Nähe. Hatte immer Zeit für sie. Doch dann zog er weit fort. Weil es seiner Gesundheit gut tat.

Die Frau flog oft zu ihm. Sie liebte das Land, in dem er jetzt lebte. Sie liebte die Wochen mit dem Sohn. Und sie liebte es, ihn zu bemuttern. Für ihn zu kochen. Er gab ihr das Gefühl, gebraucht zu werden.

Die Frau lebte alleine. Sie hatte einen Garten, der ihr viel bedeutete. Jede freie Minute nutze sie für ihre Blumen und ihren Rasen. Dann saß sie im Gartenstuhl, rauchte eine Zigarette und war zufrieden. Mit ihrer Tochter spielte sie gerne. Scrabble und Kartenspiele.  Sie war pfiffig. Aber sie zankte auch. Denn die Tochter konnte es ihr oft nicht Recht machen, hatte zu wenig Zeit.

Dann starb die Frau. Ganz plötzlich. War einfach weg. Und die Tochter räumt mit ihren Brüdern die Wohnung aus. Sie sind traurig. Und müssen doch oft lachen. Sie sehen sich die alten Fotos an. Eigentlich hatten wir eine schöne Kindheit, werden sie sagen. Wir hatten doch viel Spaß. Und sind immer verreist. Weißt Du noch und sieh mal hier und das war vielleicht was und wie hast du denn da ausgesehen?. Und dann finden sie ganz alte Fotos. Sie können es zuerst nicht glauben. Aber doch! Diese junge Frau, die da so lacht und ausgelassen Silvester feiert, ist wirklich ihre Mutter. Eine Frau, lebenshungrig und voller Zukunftspläne.

Ich, ihre Wunschtochter, hätte diese Frau, die dort zwischen den Freundinnen auf das neue Jahr wartet,  gerne kennengelernt.

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20 Antworten zu Hoppla!

  1. Himmelhoch schreibt:

    Hallo Elvira, mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich nicht schlafen kann – deswegen bin ich lieber aufgestanden und habe deine Geschichte gelesen, deine Erinnerungen an Kindheit und Jugend, vor allem aber deine Erinnerungen an deine Mutter. Ein wenig verschwommen ist mein Blick, weil mir Tränen in den Augen stehen – aber es ist eine „typische“ Lebensgeschichte, in der es Glück und Leid gibt. Ich danke dir für das Aufschreiben.
    Ich habe es mit Anteilnahme gelesen und dabei gemerkt, wie sehr mir im Leben der Vater und auch Geschwister gefehlt haben – aber das lässt sich jetzt nicht mehr korrigieren.
    Guten Morgen und einen guten Tag wünscht dir Clara

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    • Elvira schreibt:

      Mir fielen die Fotos meiner Mutter in die virtuellen Hände, als ich meine neue Fotomediathek fütterte und aufräumte. Und ich fand sie passend zum vorherigen Post. Wer meine Mutter kennenlernte, hielt sie für eine kaltherzige Frau und packte sie in eine Schublade, zack, rein, zu. Wer fragt schon, ob das auch mal anders gewesen sein könnte. Übrigens habe ich auch ein Foto gefunden, da trägt sie, auch schon ältere Frau, einen Hut wie Du in auf dem einen Foto in Deiner sidebar.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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    • Gudrun schreibt:

      So ist das liebe Clara, wenn ich gewußt hätte, dass auch du noch wach bist, dann hätte ich angerufen. Gestern war mir so, aber ich hielt es für zu spät. Ich „mosche“ immer so lange am Rechner.

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      • Himmelhoch schreibt:

        Gudrun, im Normalfall gehe ich so gegen 2.00 Uhr morgens ins Bett und stehe so gegen 10.00 Uhr auf. Also früh vor 9.00 Uhr ist es „Sünde“ – es sei, ich habe Anna-Dienst, dann bin ich wach – aber abends kann es gar nicht spät genug sein. – Und das gilt immer!!!!

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  2. Frau Momo schreibt:

    Ich bin einfach erstmal nur berührt. Danke für diese, ich nehme an Deine, Geschichte.

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  3. wildgans schreibt:

    Ganz ohne Sinngequake oder Philosophie- einfach das Leben. Man muss es nehmen, wie es kommt- sagte meine Omma immer…und das haben sie getan. Das habe ich gerne und mit Staunen gelesen!
    Gruß von Sonja

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  4. leonieloewin schreibt:

    Vielen Dank für diese wunderschöne berührende persönliche Geschichte. Liebe Grüße Leonie

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    • Elvira schreibt:

      Der Film brachte mich zur Würdegeschichte, das Sortieren tausender Bilddateien in eine einigermaßen übersichtliche iPhoto-Struktur ließ mir die Fotos meiner Mutter in die virtuellen Hände fallen. Beides passte zusammen. Einer alten Frau, die ab einem gewissen Alter kalt wirkte und engstirnig, ihre Geschichte wieder zu geben, ihre Geschichte widerzugeben. Würde ich sie vollständig erzählen, wäre das ein buchfüllendes Unterfangen, ein durchaus spannendes. Diese Generation hatte eine verkorkste Jugend und leider hatte nicht jeder junge Mensch den intellektuellen und/oder finanziellen Hintergrund, aus seinem Leben „was zu machen“. Und wenn dann die kleinsten Träume einer nach dem anderen wie Seifenblasen zerplatzen, dann wird der Mensch eben so. Was aber natürlich auch vom Charakter abhängt. Menschsein ist eine vielschichtige Angelegenheit!
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  5. Gudrun schreibt:

    Es ist eine sehr berührende Geschichte, liebe Elvira. Manchmal ist es ein Anlass über die eigene nachzudenken.

    Liebe Grüße von der Gudrun

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    • Elvira schreibt:

      Ich versuche zu beobachten, ob es zu spüren ist, wann ich mich verändere. Diese Veränderung in den negativ besetzten Bereich, meine ich. Diesen schleichenden Prozess möchte ich durchschauen können. Dass ich „wunderlich“ geworden bin, wird mir sicher erst gesagt, wenn es soweit ist. Jetzt und in der nahen Zukunft würde ich gerne Hinweise bekommen.
      Zur eigenen Geschichte gehört ja auch immer die Geschichte unserer Vorfahren. Auch uns versteht man besser, wenn man unsere Geschichte kennt. Darum ist es im Alter oft so schwierig neue Freundschaften zu schließen. Ehe die Biografien ausgetauscht sind, sind die Protagonisten bereits gestorben.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  6. Eva schreibt:

    Eine sehr bewegende Geschichte, liebe Elvira.
    Warum sie wurden, wie sie sind? Wie waren sie früher? Was fühlten Sie? Darüber habe ich gemeinsam mit Freunden auch schon so oft gegrübelt – weil wir es von unseren Eltern selbst nicht erfahren haben. Vielleicht ein Erbe aus Kriegszeiten. Bei manchen fanden sich erst im Nachlass gut gehütete Puzzleteile des jungen Lebens – leider zu spät. So bleibt vieles auf immer rätselhaft.

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  7. Elvira schreibt:

    Ich stelle mir vor, wie genau diese Fragen vielleicht auch meine Kinder eines Tages stellen könnten. Weil das Leben in manchen Abschnitten zu wenig Stunden zu haben scheint. Und dann fragt man sich später, warum habe ich eigentlich gar nicht mitbekommen, wie es dem oder jenen ging. Habe ich vielleicht nicht zugehört, weil ich gerade so mit meiner eigenen Lebenssituation beschäftigt war? Und dann bleiben irgendwann nur noch Fotos……und jetzt, aus dieser Zeit, Fragmente, festgehalten in der virtuellen Welt.

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  8. mayarosa schreibt:

    Berührend erzählt, liebe Elvira. LG

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  9. bubblegumcandy schreibt:

    mir sind die traenen gekommen als ich deine geschichte gelesen habe. sie hat mich sehr beruehrt.

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    • Elvira schreibt:

      So oder ähnlich sind die meisten wahren Lebens-Geschichten, liebe Sammy, nicht wahr? Die Kinos zeigen sie nur in komprimierter Form oder ausgeschmückt. Darum lieben wir Kino ja so sehr.
      Liebe Grüße und eine spanndenden Oscartag wünscht Elvira

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  10. wholelottarosie schreibt:

    Eine sehr, sehr schöne und berührende Geschichte. Ja, genau so ist das Leben – glücklich und traurig, spannend und voller Überraschungen, schwierig und lustig, zum Weinen und zum Lachen. Ein Leben, von dem wir nicht wissen, was es für uns bereithält. Aber wir wissen, dass wir nur eines haben…
    LG von Rosie

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    • Elvira schreibt:

      In einer Kolumne äußerte sich letztens Jörg Thadeusz zum Thema Fasten. Er lehne es ab, da er eines mit Gewissheit wüsste, dass er nämlich länger tot als lebendig sei. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen 😉

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