Tante Emma

Ich weiß nicht warum mir heute Tante Emma einfiel. Als ich von der Arbeit kam und mein Rad in den Keller trug, war sie plötzlich präsent. Und ich dachte daran, dass, wenn ich tot sein werde und meine Brüder und ein Onkel und eine Tante und eine Cousine, niemand mehr etwas über Tante Emma sagen kann, niemand mehr Zeugnis ablegen kann über diese Frau.

Im Grunde genommen weiß ich nicht viel über ihre Vergangenheit. Sie wurde Ende des 19.Jahrhunderts in Straußberg geboren, zog, wie so viele junge Frauen damals, in die Stadt (Berlin) und verdingte sich als Hausmädchen. Später heiratete sie einen Schuster und bekam Zwillinge, die leider im Babyalter starben. Ich weiß nicht, wann ihr Mann starb, wahrscheinlich in einem der Kriege.

Tante Emma war eine üppige Frau. Jedes Kilo an ihr war pure Freundlichkeit. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals ungeduldig erlebt zu haben, gereizt oder ungerecht. Nie erhob sie ihre Stimme. Sie war die Frau, von der jedes Kind getröstet werden möchte, wenn Eltern oder Großeltern einen nicht verstehen. Sie hatte ein unglaublich großes Herz.

Als es meinen Eltern in der Anfangszeit ihrer Ehe finanziell schlecht ging, überließ sie ihnen zwei ihrer drei Zimmer. Es gab kein Badezimmer, aber schon eine Toilette in der Wohnung. Der Küchenherd wurde mit Feuer angeheizt und samstags wurde Badewasser für uns Kinder aufgesetzt. Zuerst durfte ich baden, dann meine beiden Brüder.

Tante Emma saß später jeden Tag in der Eisdiele um die Ecke. Dort spielte sie mit anderen Frauen Karten. Es war wunderbar sie dort zu besuchen. Immer gab es Eis in einer Waffel, das ich ganz schnell essen musste, weil es sonst an allen Seiten herunterlief. Und ich durfte mir immer eine Maus mit einem Ring aus dem großen Glas nehmen, ihr wisst schon, diese weißen, die heute leider völlig anders schmecken.  Noch später durfte ich die Musik in der Musikbox wählen. Freddy Quinn hörte ich als junges Mädchen so gerne. Ich war mir ganz sicher, dass ich, wäre ich erst einmal „groß“, all diese Reisen machen würde, von denen der Mann so leidenschaftlich sang. Mich faszinierten ihre Hände. Es waren alte Hände mit Pergamenthaut und vielen Altersflecken. Ich fand diese Hände schön! Tante emma hatte keine Falten. Sie begründete das damit, dass sie nur Kernseife und Niveacreme benutzen würde.

Irgendwann war ich groß und lebte alleine. In meiner Ausbildung verdiente ich nicht viel. Aber da war ja Tante Emma. Ich musste ihr immer versprechen auch wirklich gute Butter zu kaufen. Leider konnte ich das Versprechen nicht immer halten und gab das Geld, das sie mir ansonsten bedingungslos schenkte, eher für Katzenfutter aus.

Als es ihr schwerer fiel sich alleine zu versorgen, da war sie schon 90, zog sie an den Stadtrand in die direkte Nachbarschaft zu meiner Mutter und meiner Großmutter. Bei ihr bewahrheitete sich der Spruch, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll. Nach wenigen Jahren musste sie in eine Pflegeeinrichtung umziehen. Immerhin hatte sie dort andere alte Menschen um sich, mit denen sie sich gut unterhalten konnte.

Ihr größter Wunsch war es, noch zu erleben, wie ich Mutter werde. Sie wollte unbedingt den Kinderwagen kaufen, wie sie es bei allen Kindern in unserer Familie getan hat. Schließlich wurde ich schwanger und wollte es ihr sofort berichten. Aber an dem Tag, als ich sie besuchen wollte, regnete es in Strömen und ich verschob es um zwei Tage. Am nächsten Tag kam der Anruf, dass sie gestorben war. Alleine, friedlich, wie man uns versicherte, aber ohne von ihrem Urururgroßneffen zu erfahren. Ich bedauerte nichts so sehr, wie sie diesen Aufschub meines Besuches. Das ist 34 Jahre her. Sie wurde 95 Jahre alt.

Ihre alte Wohngegend gibt es nicht mehr. Weder das Haus, in dem sie lebte, noch die Eisdiele, nicht den kleinen Lebensmittelladen, in dem wir anschreiben durften, und auch nicht das Kinderwagengeschäft. Aber es gab ihn noch als mein Sohn geboren wurde. Dort kauften wir in ihrem Namen seinen Wagen. Die Besitzer konnten sich noch sehr gut an sie erinnern.

Heute ist alles fort. Ein Neubaugebiet entstand mitten in Neukölln. Es ist jetzt ein Problemkiez – früher war es mein Kindheitsparadies. Ich wünsche jedem Kind ein Tante Emma!

Tante Emma und mein, leider auch schon verstorbener, Bruder Reinhard

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15 Antworten zu Tante Emma

  1. Himmelhoch schreibt:

    Uff, Elvira, diese Erzählung geht mir wirklich unter die Haut. Wie schön ist es, dass du hier so viel Gutes von ihr erzählst. Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, dann spürt sie es sicher, wie gern du dich an sie erinnerst. – Kann man sich heute noch solche Gemütsmenschen vorstellen? Kaum, die Zeiten sind so viel hektischer und unsicherer geworden, dass nur noch ganz große Lebenskünstler so in sich ruhen.
    Schön, dass du so eine Tante erleben durftest. Ich habe nur eine erlebt – die anderen waren alle im anderen Teil Deutschlands – und die hat nur Stress mit mir gemacht, vielleicht zu Recht, wie ich heute sagen würde – aber ich habe sie so überhaupt nicht geliebt.
    Herzliche Grüße zu dir!

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    • Elvira schreibt:

      Ich denke nur noch sehr selten an sie. Aber ganz plötzlich, so wie heute, scheinbar ohne jeden Anlass, ist sie präsent. Sie und mein Opa haben den größten Anteil an den positiven Prägungen in meiner Kindheit. Ich vermisse beide nicht mehr. Wenn ich aber an sie denke, so ist das ein sehr gutes Gefühl – ohne Trauer. Nur ein klein wenig Bedauern schwingt mit, weil sie das Fortleben ihrer Familie nicht mehr miterleben können. Und dann denke ich mir, dass winzige Teile von ihnen in mir und meinen Kindern und deren Kindern weiterleben – so lange, bis es es keine Nachkommen mehr gibt.
      Durch meine Heirat sind zwei weitere Tanten in mein Leben getreten. Leider konnte ich sie nicht so oft sehen, da sie im Ostteil der Stadt lebten. Die eine war für meinen Mann in seiner Kindheit so ähnlich, wie es Tante Emma für mich war.
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht!
      Liebe Grüße von
      Elvira
      (die jetzt die stabile Seitenlage einnehmen wird)

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      • Himmelhoch schreibt:

        Ich bin inzwischen zur Rückenschläferin mutiert, da die Hüfte meist schmerzt, wenn ich auf der Seite liege. Inzwischen schlafe ich rückwärts – sicherlich schnarchend – wunderbar.
        Gute Nacht!

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  2. leonieloewin schreibt:

    Liebe Elvira, ich finde es unheimlich schön, dass Du hier Deine Erinnerungen an „Deine“ Tante Emma festgehalten hast. So erlangt sie ein wenig Unsterblichkeit, Ich habe Deinen heutigen Blog gerne und mit Spannung gelesen. Liebe Grüße Leonie

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    • Elvira schreibt:

      Wenn sie das wüsste, dass heute ein Bild von ihr auf geheimnisvolle Wege um die Welt geht, würde sie sicher mit dem Kopf schütteln und sagen: Kindchen, was es aber auch heute alles gibt. Und, da bin ich mir ganz sicher, würde sie sich zeigen lassen, wie das möglich ist.
      Liebe Grüße von Elvira
      P.S. Mein heutiger Artikel ist leider ganz anders gestrickt

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  3. Eva schreibt:

    Liebevoll sympathische Erinnerungen an einen besonderen Menschen, liebe Elvira.
    Es ist schon eigenartig, man denkt lange nicht an jemanden und plötzlich aus dem Nichts heraus hat man ein Bild vor Augen. Sind es Geräusche, Gerüche, irgendwelche Kleinode oder besondere Begegnungen, die die Erinnerungen wecken?
    Heute warst Du es, die mich an meine „Tante Emmas“ erinnert hat. Sehr unterschiedliche Frauen, die aber ebenso diese von Dir beschriebene unglaubliche Ruhe, Geduld und Herzlichkeit hatten, die man heute nicht mehr allzu oft findet.
    Wünsche Dir einen schönen Tag
    Eva

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    • Elvira schreibt:

      Wie schön, dass es auch für Dich diese Tanten gab. Ich glaube, dass es in einigen Ecken dieser Welt immer noch Menschen gibt, die diese Eigenschaften besitzen und wo Familie, in welchen Konstellationen auch immer, den Stellenwert hat, der in unserer hektischen, wachstumsorientierten Ellenbogengesellschaft verloren gegangen ist. Wenn ich aber lese und höre wie auf der anderen Seite Bücher, Seminare und was weiß ich Hochkonjunktur haben, in denen Harmonie, Ausgeglichenheit und alles andere in dieser Richtung versprochen wird, dann hoffe ich, dass das nicht nur aus Egoismus erlernt wird. Liebe Grüße von Elvira

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  4. Birgitt schreibt:

    …sehr schön und berührend hast du die Geschichte deiner Tante aufgeschrieben, liebe Elvira,
    schön dass es sie für dich gab und das du dies Erinnerungen mit uns teilst…sie soll ein Vorbild für viele sein, denn es gibt so viele Kinder, denen eine Tante Emma gut täte…einfach jemand, der sich für sie interessiert und sie annimmt so wie sie sind…

    lieber Gruß von Birgitt

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  5. april schreibt:

    Was für eine anrührende Erinnerung. Sie wäre bestimmt ganz stolz, von dir so gewürdigt zu werden (und von uns). Denn wer hätte nicht gerne eine solche Tante gehabt! Ich hatte eine Großmutter, die so ähnlich war. Da denkt man mit Wohlbehagen und glücklichem Lächeln dran zurück. Tante Emma sieht übrigens auch ganz lieb aus; man sieht ihr die Herzensgüte an.
    LG, April

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    • Elvira schreibt:

      Vielleicht war es ja nicht so, aber ich hatte immer den Eindruck, als ob sie nie Sorgen gehabt hätte – dabei war der Verlust ihrer Kinder und ihres Mannes sicher nicht einfach für sie. Um ihren lebensunterhalt zu verdienen musste sie sicher auch hart arbeiten.

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  6. wildgans schreibt:

    Was für eine warme, liebevolle Tantenbeschreibung!
    Solche Menschen sind im Nachhinein für so manches Kind eine Art Lebensrettung, Rettung vor einer Verhärtung; der Glaube an das Gute im Menschen wäre ohne solche verloren gegangen….Ich hatte auch eine solche Tante Emma in der Verwandtschaft, die war ein echter Satansbraten, biestig, harsch, böse, strotzte aber vor Kraft, musste sich im Krieg schwer durchbeißen, transportierte ganze Sofas auf ihrem alten Fahrrad- nichts war ihr unmöglich- nur konnte sie keine Liebe (mehr) geben und ertragen.
    Gruß von Sonja

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  7. Ich bin gerade völlig zufällig auf dieser Seite gelandet, nachdem ich „Tante Emma“ in der Bildansicht gegooglet habe. Ich dachte: „Oh, ein Foto von einer Tante Emma? Mal sehen, was dahinter steckt.“ Und nachdem ich den ersten Absatz las, war für mich klar, dass ich alles lesen wollte. Aus demselben Grund nämlich, dass irgendwann einfach niemand mehr da sein würde, der über meine Urgroßeltern nichts mehr zu sagen wüsste, wollte ich mal Ahnenforschung betreiben. Leider ging das sehr schnell seinem Ende entgegen, nachdem mein Opa väterlicherseits (ich wollte nur väterlicherseits forschen) schon nicht mal in den Kirchenbüchern aufgefunden werden konnte, was mich sehr verärgerte. Ich durfte in dem Kirchendingsamt leider nicht selbst herumstöbern, sondern das machte so ein schrecklich klischeehaftes blasses Amtsmännlein mit weißen Stoffhandschuhen. Die hätte ich mir nun auch anziehen können, aber als Normalo darf man das da halt nicht. Dafür damals pro Stunde irgendwie ca. 20 Euro (oder war es noch DM?) auf den Tisch legen, das durfte ich. Naja, das ging dann also schön nach hinten los.

    Ich habe mich leider erst rech spät für die Urgroßeltern zu interessieren begonnen, als nur noch ein Bruder meines Opas und dessen Frau lebten, da waren die beiden auch schon weit über 80 und bald darauf auch gestorben. Ich konnte aber noch einige Eckdaten bekommen, mit denen ich dann aber wie gesagt nicht wirklich viel anfangen konnte.

    Ich finde es toll, dass du das so aufgeschrieben hast. Auch wenn ich ein wildfremder Mensch für dich und deine Familie bin, so weiß ich nun, dass es deine Tante Emma gab und sie wird dadurch ja auch nur bekannter. Meine noch einzige Oma starb vor 6 Jahren auch mit 95 (meine anderen Großeltern sind bereits 1977, 1981 und 1982 gestorben) und sie war bis ca. 3 Jahre vor ihrem Tod noch geistig fit und hat auch ihren Haushalt allein gemacht. Dann kam die Demenz. Oma hatte zwar Falten, aber dafür hatte sie Blutwerte wie ’ne junge Frau, wie ihr Arzt immer sagte. Sie schwor auf Knoblauch und aß seit Jahrzehnten jeden Morgen dasselbe Müsli.

    Ich mag solche Erinnerungen, wie du sie hier aufgeschrieben hast. Ob die Nachwelt nun zur Familie gehört oder nicht, es sind nicht ausschließlich irgendwelche sog. Promis, die der Welt in Erinnerung bleiben sollten, sondern gerade die Menschen, die einem wirklich in liebevoller Erinnerung sind, weil sei einem nahestanden, aus welchen Gründen auch immer.

    Es freut mich, dass du eine solche Tante Emma hattest. So mancher Fiesling wäre heute mit Sicherheit ein besserer Mensch, hätte er in seiner Kindheit und Jugend auch so jemanden gehabt.

    Liebe Grüße

    Caro

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  8. Elvira schreibt:

    Ich glaube, dass es die bedingungslose Hinwendung zu einem Menschen ist, die ihm das Gefühl gibt, wertvoll und ganz zu sein. Zu wissen, angenommen und ernst genommen zu werden, trotz irgendwelcher Unzulänglichkeiten. Diese Menschen gibt es nur noch selten. Dem Rest sieht man den erhobenen Zeigefinger schon von weitem an.
    Liebe Grüße auch an Dich!
    Elvira

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