Lesen wir gemeinsam?

Nein, ich möchte an dieser Stelle nicht zu einem gemeinsamen Leseabend einladen!

Die Frage, ob das Rot der Paprika in meinem Gemüsekorb von mir genauso wahrgenommen wird wie von meinem Mann, wird sich nie beantworten lassen. Wir wissen nicht, ob unser Rot eines Gegenstandes auch das Rot eines Mitbetrachters ist. Das betrifft jede Farbe und lässt sich auf viele andere Dinge übertragen. Nur nicht auf das Lesen eines Textes. Dachte ich bis heute. Ich spreche hier nicht über die Interpretationsmöglichkeiten eines Textes, sondern um die Worte, die den Text ausmachen. Wenn ich einen Zeitungsartikel lese und den an meinen Mann oder einen Freund weitergebe, liest der genau den selben Text, Wort für Wort. Was aber ist mit einem Artikel in der  Onlineausgabe einer Zeitung, einer Zeitschrift oder eines anderen Mediums? Lese ich genau das, was mein Nachbar, mein Sohn, meine Kollegin oder Du liest? Wie ich darauf komme, dass das nicht so sein könnte? Durch ein sehr beachtenswertes Interview mit Evgeny Morozov, einem jungen Wissenschaftler und Netzkritiker. 2011 erregte er Aufsehen mit seinem Buch „The Net Delusion“. Dort belegt er, dass erst westliche Regierungen die autoritären Regime technologisch hochgerüstet haben. Aber das nur nebenbei. Zurück zum Thema. An Beispielen von Google, Amazon und facebook erklärt Morozov, wie gefährlich das Netz sein kann. Wer z.B. alles nur noch über Kindle wahrnimmt, verrät Amazon nicht nur, welche Bücher er liest, sondern auch, was er mag oder nicht mag, welche Wörter er kennt oder nicht kennt, welcher Bildungsgrad daraus zu schließen ist, wie seine Augen sich bewegen. Morozov stellt die Frage, was passiert, wenn all diese Daten gesammelt wurden. Ob Zeitungsverlage nicht auch daran interessiert wären? Die Inhalte könnten dann ganz exakt auf den Kunden zugeschnitten werden. Je mehr Amazon-Daten die Redaktion hätte, desso angepasster könnten sie reagieren. Es könnte dann geschehen, dass hundert Menschen denselben Link anklicken und denken, dass sie denselben Artikel lesen. Aber dem ist nicht so! Der Artikel ist seinem Leser angepasst worden. Morozov zeigt an einem Beispiel, wie die Gesellschaft dadurch immer mehr in Informierte und Uninformierte zerfallen könnte und die Kommunikation zwischen beiden sich immer schwieriger gestalten würde, weil ja beide denken, sie hätten denselben Artikel gelesen. Er führt dann aus, dass in Amerika ein großer Teil politischer Kampagnen bereits individualisiert ist. Der Bürger bekommt die Versprechen zu lesen, die speziell auf ihn zugeschnitten sind.

Wer den ganzen Artikel lesen mag kann seine Suchmaschine gerne beauftragen, er steht heute im Magazin der Berliner Zeitung. Natürlich weiß dann  der Datensammler, was uns gerade interessiert und umtreibt und verunsichert (oder auch nicht). Letztendlich schützt uns wahrscheinlich nur der Dauerstatus: Offline!

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28 Antworten zu Lesen wir gemeinsam?

  1. leonieloewin schreibt:

    gehe jetzt offline 😉 liebe Grüße Leonie

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  2. Hans-Georg schreibt:

    Ich suche seit ein paar Tagen übrigens über Ixquick. Ich ixquicke jetzt und google nicht mehr.

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  3. Frau Momo schreibt:

    Ich google schon lange nicht mehr. Ich gehe immer über Ecosia. Darüber dann zwar doch zu Google, aber Google kennt mich so nicht. Tut es natürlich doch letztlich, aber es ist schon erschreckend wie weit sich das mal so große Horrorszenario von Aldeous Huxley mittlerweile selbst überholt hat.

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    • Elvira schreibt:

      Google ist nicht DAS Problem. In diesem Fall ist es Amazon. Was Google über mich weiß ist eine Sache, was aber mit den Daten gemacht werden kann, die Amazon über den Kindle sammelt und an Zeitungsverlage (guter Werbekunde!) weitergibt UND was die dann machen können, das erschreckt mich sehr. Stell Dir nur mal vor, Du liest in einem Artikel über Hamburger Flohmärkte, dass auf Deinem Lieblingsmarkt ein Stand von Foodwatch Infos über den nächsten goldenen Windbeutel gibt, während Dein Mann in demselben Artikel über das Angebot diverser elektronischer Gerätschaften aus Geschäftsaufgabe liest. In Deinem Artikel steht aber nichts davon, wie in seinem nicht s über Foodwatch. Das ist ja noch eine harmlose Vorstellung, spinn sie aber mal weiter!

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      • Frau Momo schreibt:

        Ich habe kein Konto bei Amazon. Das habe ich vor Jahren gelöscht. Wenn ich Bücher kaufen will, tue ich das im kleinen Buchladen um die Ecke und außerdem vertreibt mir Amazon zuviel Nazi-Müll. Aber ich lese natürlich Zeitung online. Sowas wie ein Kindle kommt mir eh nicht ins Haus. Ich finde schon Zeitung online lesen eigentlich pervers, aber ich kann so einfach mehrere Zeitungen lesen, bzw. mehrere Artikel zu einem Thema, das mich interessiert.
        Die Verknüpfungen gehen ja noch munter weiter über Payback und Kundenkarten, über die EC Karte. Ich habe auch nur letztere. Kundenkarten kommen mir nicht ins Portemonnaie. Ich kann mich auch nicht ganz entziehen, aber da wo es möglich ist, tue ich es noch.

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        • Elvira schreibt:

          Ich spiele schon mit dem Gedanken an einen E-Reader. Allerdings wird der von meinem Buchhändler angeboten, der an jedem E-Book seinen Anteil verdient. Der Reader wird über seinen Laden registriert und diese Reistraturnummer wird bei jedem Kauf in einem speziellen Onlineshop abgefragt. Aber so ganz kann ich mich noch nicht entschließen. Aber immer, wenn ich unterwegs bin und wieder einen dicken Schmöker mitschleppe, keimt dieser Gedanke auf. Auf der anderen Seite spricht mein soziales Empfinden dagegen, da ich jedes Buch, das ich nicht behalte (also fast alle neueren) verschenke. Mit einem E-Book geht das nicht mehr.

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  4. Himmelhoch schreibt:

    Vielleicht sind Leute (wie z.B. auch ich), die jahrelang von der Stasi überwacht wurden, etwas abgebrühter in dieser Beziehung als andere. – Vielleicht oder sicher waren damals die technischen Möglichkeiten in der DDR nicht annähernd so gut wie heute. Ich habe mich nämlich immer gefragt: Was wollen die mit den unendlich langen Abhörprotokollen machen bei harmlosen Leuten – es muss doch eine Strafarbeit gewesen sein, diese abzuhören. Geschickte Staatsfeinde vereinbaren doch sicherlich harmlose Codewörter oder Sätze, die nicht gleich „Terror“ oder „Anarchie“ heißen 🙂 – Ich stehe dieser ganzen Googleüberwachung zum Beispiel relativ gelassen gegenüber – sollen sie doch meine Vorlieben speichern, meine Abneigungen kategorisieren – ich werde sie nicht daran hindern können.
    Dir wünsche ich einen schönen Sonntag – hat es bei euch heute gegen 3.00 Uhr auch so gekracht????

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  5. Elvira schreibt:

    Ja, es hat extrem viel geblitzt und gekracht. Direkt vor meinem Fenster (keine Gardinen oder andere Verdunklungen davor) schien ein ganzer Planet zu explodieren. Kurzfristig habe ich das Fenster geschlossen, weil selbst mein Bett dKrachen zu übertragen schien.
    Schau bitte auch mal meine Kommentarantwort bei Frau Momo an.

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    • Himmelhoch schreibt:

      Aber Elvira, lesen wir nicht schon in gewissem Sinne von allein so selektiv, dass wir uns nur das rauspicken, was uns interessiert und das andere eher außer Acht lassen? Bei diesem Überangebot von Infos geht es wahrscheinlich gar nicht anders. Dreist, wenn zwei einen absolut gleichen Text schnell lesen müssen, der verschiedene Interessengebiete berührt, eines über Quilten, eines über Kaninchenlangohrzucht (Beispiel), wird jeder am Ende nur, (aus Zeitgründen nur) über die Informationen Bescheid wissen, die ihn interessieren. – Und du meinst, jeder soll weiterhin alles zur Verfügung haben. Hm, ja, vielleicht!

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  6. Elvira schreibt:

    Natürlich entnehmen wir Artikeln nur das, was uns wirklich interessiert. Dann könnte man mich aber über einen Quiltbeitrag informieren und dem Kaninchenzüchter ebenfalls eine entsprechende Info zukommen lassen. Mir geht es um die politischen Möglichkeiten. Nehmen wir mal an, ich lese in einem Online (!)-Zeitungsartikel, dass Minister XYZ verspricht, nach der nächsten Wiederwahl die Stoffpreise zu senken (weil ihm natürlich meine Leidenschaft bekannt ist). Ein anderer Leser liest aber von dem Versprechen die Stoffpreise zu erhöhen, damit die Stoffhersteller ein besseres Einkommen erzielen (dass dieser Leser in der Textilbranche tätig ist, weiß Minister XYZ, b.z.w. die für ihn arbeitenden Sachverständigen, selbstverständlich auch). Zwei Menschen würden ihn unter sich völlig widersprechenden Aussagen wählen. Lass mich jetzt mal auch noch den Textilmenschen treffen und das Versprechen über den grünen Klee loben, der würde vielleicht sagen, dass es auch endlich an der Zeit wäre, die Stoffpreise anzuheben. Wie würde ich da gucken? Ungläubig! Vielleicht würden wir uns streiten? Das ist nur eine harmlose Fiktion – aber wenn ich sie mir weiter ausmale, wird mir doch etwas mulmig.

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  7. Renate schreibt:

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Hab auch schon den Artikel in der Berliner Zeitung gelesen. Und als Suchmaschine benutze ich nun auch Ixquick.

    Vor 35 Jahren hab ich 1984 gelesen und gedacht: was für utopische Vorstellungen. Mittlerweile sind die Huxleys Phantasien längst überholt. Diese Totalüberwachung, die wir zu erheblichem Teil selbst zulassen, finde ich sehr gefährlich. Denn sie kann jederzeit missbraucht werden. Und mit diesem Missbrauch müssen wir rechnen, denn „Ethik“ ist nicht des Menschen LIeblingswort. An seiner Stelle stehen die Begriffe: Macht, Geld und Sex.

    Bedauerlich. Ein Leben mit ethischen Werten gefällt mir besser und gestalte mein ganz persönliches kleines Leben auch entsprechend. Zumindest bemühe ich mich darum.

    Viele Grüße vom Ammersee
    Renate

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    • Elvira schreibt:

      Hallo, Renate! Deinen Kommentar habe ich aus dem Spamordner gefischt. Ab und an schaue ich doch mal nach, ob sich ein Nicht-Spammer dorthin verirrt hat. Ixquick benutze ich überwiegend, aber manchmal muss ich doch googeln. Obwohl ich der Überzeugung bin, dass die größte aller Suchmaschinen bereits alles über mich weiß, was sie wissen will, möchte ich dem Konzern zeigen, dass er nicht der einzige ist. Bei Amazon habe ich früher ab und an etwas bestellt. Ich bummel dort zwar immer noch gerne durch die Buchabteilungen – bestelle dann aber bei unserem Buchhändler im Bezirk. Die kleinen Geschäfte müssen so sehr um ihre Existenz kämpfen, dass ich mich wohler fühle, wenn ich mich einen oder zwei Tge später aufs Fahrrad schwinge und meine Bücher bei dem netten Händler abhole.
      Über Ethik und Moral habe ich an dieser Stelle einige Gedanken öffentlich gemacht und bin sehr dankbar, dass es doch viele Menschen gibt, deren Anspruch an das Leben aus mehr besteht als „Brot (Fast Food) und Spiele (Fernsehen)“.
      Liebe Grüße von Elvira

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  8. Himmelhoch schreibt:

    Elvira, so hatte ich das auch nicht gedacht, dass die Informationen regelrecht verfälscht werden. Ich dachte, dass Stoffliebhaber und Stoffhasser den gleichen Artikel lesen können, dieser aber dem Stoff-Gleichgültigen nicht angezeigt wird, weil der ihn ja eh nicht lesen würde. Will er sich dennoch mal über Stoffe informieren, bleiben ihm genügend Quellen.
    Soooooooooooo hatte ich das gedacht resp. verstanden!

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  9. der_emil schreibt:

    Grausliche Vorstellung!

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    • Elvira schreibt:

      Ja, aber durchaus im Bereich des Möglichen. Ich habe eben für Clara den Artikel verlinkt, von dem ich einen Ausschnitt zusammengefasst für meinen Beitrag zusammengefasst habe.

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  10. mayarosa schreibt:

    Gruselig diese Vision. Bei den Suchmaschinenergebnissen ist es übrigens schon so. Google zeigt nicht allen das gleiche beim gleichen Suchwort, sondern lernt, was der betreffende vorher schon mal gesucht hat oder sonst so anklickt und präsentiert dann die passenden Suchergebnisse. Das Werbung nach Nutzungsverhalten eingeblendet wird, ist ja hinlänglich bekannt.
    Jenseits dessen… hat diese Individualisiererei noch eine ganz andere Dimension: Wenn jeder eine Wirklichkeit nicht nur individuell wahrnimmt, sondern eine faktisch andere Wirklichkeit präsentiert bekommt, erschwert das das Miteinander, die Kommunikation und erhöht die Missverständnisrate, weil jeder nur noch seine kleine Welt kennt (und das verallgemeinert).

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  11. Elvira schreibt:

    Genau darauf wollte Evgeny Morozov hinaus. Wenn ich mich mit einigen Menschen unterhalte, bin ich schon bestürzt, wie verallgemeinernd ihr Weltbild ist, jegliches kritische Gespräch wird abgeblockt. Ich hatte das Thema WhatsApp im Kollegenkreis angesprochen und auf die bekannten Gefahren aufmerksam gemacht, darauf, dass u.a. das gesamte Adressbuch an einen Server in Kaliforniern gesendet wird. Das hat weder die Kolleginen noch einen Chef gestört, mit dem ich das Thema auch erörterte. „Hat schließlich jeder! Und warum soll ich das App deaktivieren, wenn meine vielen Freunde das haben und somit durch deren App meine Daten sowieso da gespeichert werden….“ Ich spiele mit dem Gedanken mir im Herbst ein Smartphone zuzulegen, WhatsApp wird da nicht drauf sein!

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  12. april schreibt:

    ‚Brave New World‘, schlimmer als Orwell sich das je erträumt hat. Nach dem Lesen des Artikels von Morozov müsste man dann auch mit dem Bloggen aufhören.

    Ich frage mich letzten Endes immer: Wie gehe ich damit um? Kann man sich eigentlich überhaupt noch sachlich informieren? Welche Rolle spielt der Konsum?

    Nachdenkliche Grüße,
    April

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    • Elvira schreibt:

      An meine unfreiwillige Transparenz habe ich mich schon gewöhnt. Wenn ich blogge, twittere und meine Freundschaften über facebook pflege, muss ich mir dessen bewusst sein (die letzten beiden Aktivitäten gehören nicht zu meinem Standard). Ich glaube, dass wir mehr oder weniger interessierten „Normalbürger“ nicht erfassen können, welche Möglichkeiten sich für Wirtschaft, Politik und kriminelle Strukturen auftun.

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      • april schreibt:

        Was Konsum’informationen‘ anbetrifft, werden Manipulationen dieser Art bei mir nicht sehr erfolgreich sein. Gezielte politische und gesellschaftliche Beeinflussungen kann ich natürlich viel schwerer erkennen.

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  13. Eva schreibt:

    Danke für den Hinweis auf dieses interessante Interview. Man macht sich ja schon länger so seine Gedanken, z. B. wenn Amazon nicht nur Kauf- sondern auch (uneingeloggtes) Suchverhalten mit entsprechenden Mails quittiert. Der neue IP-Standard IPv6 eröffnet dann in Zukunft vielleicht noch bessere Möglichkeiten für Datensammler und Text-/Informationspersonalisierer
    http://m.faz.net/aktuell/wirtschaft/neue-ip-adressen-das-internet-wird-umgebaut-11775996.html

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  14. aquasdemarco schreibt:

    Wenn du dir die Liste mit den Firmen anschaust, die ggogle gehören, dann ist Amazon als Datensammler eine Art Kindergeburtstag dagegen:-)

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  15. aquasdemarco schreibt:

    Übrugends hat Apple auch den Big Brother Award 2013 gewonnen, nur einmal so am Rande

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