Dinge, dich ich nicht glauben kann

und die dennoch wahr sind:

Ein Bäcker muss 5000€ Steuern für Backwaren nachzahlen, die er der Tafel gespendet hat – und die sonst im Müll gelandet wären, da sie vom Vortag waren. Ähnliche Bescheide gingen Metzgern, Obsthändlern und anderen lebensmittelspendenden Einzelhändlern zu.

Die Krankenkassen sorgen sich um ihre muslimischen Beitragszahler, deren Fastenmonat Ramadan heute beginnt. Da wir jetzt Hochsommer haben und somit 17 Stunden die Sonne für Helligkeit sorgt, sehen die Kassen die Gesundheit der Fastenden in Gefahr. Ich frage mich gerade, aus welchen Gefilden der Ramadan wohl kommt. Aus kalten und nur kurzfristig hellen Ländern? Und warum so plötzlich diese Sorge? Erst die Beschneidung, jetzt der Ramadan. Ein Schelm, der böses dabei denkt!

Ein Foto auf der Titelseite meiner Abozeitung zeigt Trauernde nach dem Attentat in Bulgarien in enger Umarmung. Rechts und links im Hintergrund etwas unscharf Journalisten mit Kameras, vor den trauernden Personen ist niemand zu sehen. Stand der Fotograf direkt vor ihnen? Hat er zwischen andere hindurch gezoomt? Muss uns das Ausmaß dieses – oder anderer – schrecklichen Ereignisse wirklich erst durch solche Bilder nahegebracht werden? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Die Zeitschrift Öko-Test warnt davor, Babys und Kleinkindern Reiswaffeln als kalorienarme Knabberei anzubieten. Der Arsen- und Acrylamidgehalt sei so bedenklich, dass auch Erwachsene den Konsum reduzieren sollten. Selbst Bioprodukte erhielten ein „ungenügend“. Ein einziges Produkt hatte eine akzeptable Schadstoffmenge. Wie hoch ist eigentlich die Auflage dieser Zeitschrift? Will sagen: Wie viele Menschen haben das wohl gelesen?

In den BER und die Kanzler-U-Bahn werden Milliarden gepumpt, ohne dass ein Ende absehbar wäre. Der Masterplan zum Ausbau des Radwegenetzes in Berlin wird vom Finanzsenator und dem Innensenator aber aus Kostengründen nicht abgesegnet.

Ich stehe von meinem Arbeitsplatz auf und halte einem schwerstbehinderten Patienten die Ausgangstür auf. Neben dessen Dank ernte ich von einem anderen Patienten – der übrigens direkt neben dieser Tür stand – einen bitterbösen Blick. Er musste doch tatsächlich 30 Sekunden länger darauf warten bedient zu werden. Dafür wurde ich nicht von ihm gegrüßt, sondern er knallte mir seine Versichertenkarte und die Praxisgebühr auf die Anmeldung mit den Worten: „Überweisung zum Urologen“.

All das sind Kleinigkeiten, nichts Weltbewegendes, oder doch? Zeugen diese Dinge in ihrer Summe nicht vom Werteverfall und der zunehmenden sozialen Kälte unserer Gesellschaft? Manchmal bekomme ich Angst!

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14 Antworten zu Dinge, dich ich nicht glauben kann

  1. sweetkoffie schreibt:

    Ich dachte auch, das sei ein Scherz, als ich das gestern las.
    Soziale Kälte? ja, ganz sicher.
    Ich muß gerade an Pippi Langstrumpf denken:
    „Widewidewitt, ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ … das Land, die Gesellschaft sind wir …

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    • Elvira schreibt:

      Aber nicht die ganze Gesellschaft wird kälter und egoistischer. Es gibt so viele Menschen, die sich in sozialen Projekten jedweder Art engagieren und sich ihre Herzensbildung bewahrt haben. Dennoch wird das Klima kühler, die Ellenboger werden spitzer und härter ausgefahren, die „Zauberworte“ seltener benutzt. Pippi hat sich ihre welt gemacht – aber es war eine liebenswerte Welt

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      • sweetkoffie schreibt:

        Elvira, das meine ich damit, wir sollten uns unsere Welt liebenswert machen, je mehr mittun, umso besser wird es.

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        • Elvira schreibt:

          Ich versuche das auch fast jeden Tag. Allerdings habe ich häufig das Gefühl, dass auch bei mir dieses „Na, und!“ greift, dieses „Was kann ich schon ändern? Das war schon immer so!“. Ich muss mich für eine Baustelle entscheiden, vielleicht auch zwei, bei denen ich mitwirken kann. Und ich muss aufpassen, dass mir die anderen nicht gleichgültig werden. Denn Gleichgültigkeit wäre wirklich schlimm.

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          • sweetkoffie schreibt:

            Das geht mir auch so. Wir können nicht jeder die ganze Welt retten, aber wenn jeder von uns an einer Stelle sein Bestes gibt, dann wäre das schon hilfreich. Ich denke, Gleichgültigkeit ist das Ende von Allem. Deshalb finde ich auch Deinen Artikel gut, weil er mich wieder einmal mit der Nase draufstößt.

            Liebe Grüße und einen schönen Restfreitag
            SK

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  2. Gudrun schreibt:

    Liebe Elvira, Sweetkoffie hat Recht. Wir machen die Gesellschaft, im Großen wie im Kleinen. Manchmal ist es ermüdend, sicher, aber versuchen sollten wir es immer wieder.
    Gestern musste ich ein Paket von der Pos abholen. Ich war an meinem neuen Wohnort noch nie auf diesen Postamt. Als ich einen Mann traf, sprach ich ihn an, ob ich ihn etwas fragen darf: „Nee, lieber nicht!“; kam es harsch zurück, und: „Egal, was Sie wollen oder, wo Sie hinwollen, es interessiert mich nicht.“ Das war so ein kleiner Tritt. Die Großen sehe ich jeden Tag in den Nachrichten.
    Im Moment bin ich ein wenig müde. Aber das wird schon wieder.

    Liebe Grüße von der Gudrun

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  3. Frau Momo schreibt:

    Die Kunst besteht vermutlich darin, weiter dem Schwerbehinderten die Tür aufzuhalten und dem anderen seinen Egoismus klarzumachen.
    Das mit der Steuernachzahlung finde ich ja ungeheuerlich. Die Tafeln helfen die Armen dieser Gesellschaft, die vom Staat im Stich gelassen werden und die, die den Tafeln ihre Hilfe möglich machen, sollen auch noch dafür blechen.
    Von der damit vermiedenen Lebensvernichtung mal ganz zu schweigen.

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  4. Pingback: Geht’s noch « Mensch lebt nur einmal

  5. isa schreibt:

    Was die Anwendung unsere Gesetze angeht kann ich auch oft nur noch den Kopf schütteln. Wir haben so viele Gesetze, weil gesunder Menschenverstand nicht definierbar ist. Hier ist auch so ein Knaller:
    „Einer EU-Verordnung zufolge sind Tagesmütter „Lebensmittelunternehmerinnen“ – wie Restaurants oder Brotfabriken.
    Alle Tagesmütter müssen sich als Lebensmittelunternehmer anmelden. Sie müssen sich schulen und nach Paragraf 43 des Infektionsschutzgesetzes belehren lassen. In der Küche soll ein zweites Waschbecken für das Händewaschen vorhanden sein, die Kühlschranktemperatur soll gemessen und dokumentiert werden, Kassenbons sollen aufbewahrt, und beim Umgang mit Lebensmitteln soll helle Schutzkleidung getragen werden. Der Leitfaden umfasst noch viele Punkte mehr bis hin zur Überprüfung durch Lebensmittelkontrolleure.“ von L.Erdmann Spiegel online Politik
    Der ganze Artikel ist hier zu lesen: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tagesmuetter-protestieren-gegen-neue-hygiene-vorschriften-a-828161.html

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  6. Frau Blau schreibt:

    ja, mir macht das auch manchmal Angst, da kann ich dich nur zu gut verstehen! gleichzeitig sehe ich aber eben auch viele, viele Menschen, die es anders machen, die ihr Bestes geben, vor allen Dingen ihr offenes Herz teilen… das ist wohl der Weg… manchmal geht es nicht, wer von uns ist schon Mutter Theresa?!
    Ich bemühe mich neuerdings sogar zu den Unfreundlichen freundlich zu sein und da geschehen manchmal kleine Wunder… mein Mann sagt manchmal: wer von den Menschen braucht eigentlich unsere Liebe?
    Ja… schwierige Übung, besonders wenn man nicht immer wieder auch gut für sich sorgt. Wenn ich mich ausblute, bin ich auch nicht mehr hilfreich… es geht also auch um die Balance

    danke dir für all diese Zeilen, ich habe gerade wieder einmal Nachrichtensperre… manchmal will ich von dieser Welt nichts wissen…

    herzliche Grüße

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    • Elvira schreibt:

      Ich habe seit Freitag früh keine Nachrichten gehört oder gesehen und war an keinem PC (meinen Beitrag am Samstag hatte ich schon vorbereitet). Dafür habe ich meine Enkelin gehütet, mit ihr gespielt, von ihr gelernt, die Eltern etwas entlastet, die ein Häuschen für ihren Garten aufbauten, einen netten Abend mit der anderen Oma verbracht, nachdem unsere Enkeltochter endlich schlief – und jetzt sitze ich wieder hier und haben das Gefühl zwischen zwei Welten hin- und hergereist zu sein.
      Liebe Grüße von Elvira

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