Regie-Anweisung zum Babyhüten

Als mein Erstgeborener gut sechs Monate alt war, sind mein Mann und ich das erste Mal seit der Geburt gemeinsam ausgegangen. Ich weiß nicht mehr, was wir unternahmen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, ob ich sehr beunruhigt war, das Baby in der Obhut meiner Mutter zu lassen. Dass ich es war, steht dennoch außer Frage. Denn in der Hinterlassenschaft der Oma, die damals jünger war als ich heute, fand sich dieses Dokument.

Anweisung

Meine Mutter hat mich und meine drei jüngeren Brüder großgezogen, in zunächst sehr beengten Wohnverhältnissen und mit einem Budget, das ihr wahre Zauberkräfte abverlangt haben muss. Sie war eine einfache Frau ohne großartige Schulbildung. Aber sie hat es geschafft, dass alle ihre Kinder zu anständigen Erwachsenen wurden. Und sie hatte damals Humor, denn auf die Rückseite meiner „Regieanweisung“ hat sie geschrieben:

Anweisung..Antwort

Im Laufe der folgenden Jahre verlor sich ihr Humor. Sie musste Verluste ertragen, auch ein Kind zu Grabe tragen. Und irgendwann muss sie aufgewacht sein und erkannt haben, dass sich alle ihre unerfüllten Träume in diesem Leben nicht mehr erfüllen würden.

Ihr Geburtstag steht vor der Tür. Und desto näher er rückt, desto mehr muss ich an sie denken. An diese Frau, die ihren ersten Enkel kurz nach seiner Geburt liebevoll im Arm hält. An diese Frau, die so unglaublich jung aussah vor 33 Jahren. An diese Frau, der ich so ähnlich sehe und der ich so ähnlich bin. Meine Mutter!

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23 Antworten zu Regie-Anweisung zum Babyhüten

  1. Himmelhoch schreibt:

    Diese Antwort deiner Mutter ist so herrlich, schade, dass ihr Humor nicht bis zum Ende ihres Lebens angehalten hat.
    Diese Worte hätte ich auch schreiben können, wenn die jungen Mamas so überängstlich sind. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass sich Kinder an eine andere Umgebung anpassen und nicht immer mit dem „gleichen Löffel gefüttert werden müssen“ 🙂
    Von den wenigen Fotos her, die ich von dir gesehen habe, würde ich auch eine Ähnlichkeit bestätigen.
    Liebe Grüße zu dir von Clara

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    • Elvira schreibt:

      Nun bin ich selbst Oma und habe, wie bei schon so vielen anderen Gelegenheiten festgestellt, dass sich (fast) alles immer wiederholt. Manchmal bedauer ich es sehr, dass meine Mutter nicht mehr die Genugtuung bekam zu sagen: „Siehste, hab ich doch gesagt!“. Mir gibt diese Erkenntnis eine gewisse Gelassenheit und ich muss mir nicht auf die Zunge beißen um nicht zu sagen: „Warte mal ab bis….“, weil ich es es einfach weiß. Ob das mit Altersweisheit gemeint ist?
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht! Ich gehe jetzt noch meine letzte Hunderunde und nehme dann die stabile Seitenlage ein 😉
      Liebe Grüße von Elvira

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  2. Frau Momo schreibt:

    Ich hab gerade so lachen müssen über den Zettel Deine Mutter. Herrlich. Traurig, das das Leben ihr so mitgespielt hat, das sie diesen Humor verloren hat.

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  3. Elvira schreibt:

    Irgendwann denkt man noch, dass es nicht zu spät ist für all die kleinen Dinge, die man sich als junger Mensch erträumt hat. Die Zeit, die vor einem liegt, scheint so unglaublich lang zu sein. Dann kommen Schicksalsschläge, Zerwürfnisse, Krankheiten, Tod. Dazwischen immer wieder kleine Phasen voller Leben. Und plötzlich ist die Zeit, die doch noch gerade vor einem lag, vorbei. Der Zollstock hat nur noch wenige Zentimeter. Und man ist alleine, über viele Jahre. Die Kinder haben eigene Familien und immer weniger Zeit. Ein Sohn stirbt, der andere bekommt eine lebensgefährliche Erkrankung, einer ist schon vor vielen Jahren weggezogen, die Tochter wohnt zwar nebenan, aber hat, aus ihrer Sicht, viel zu wenig Zeit für sie. Eines Tages fragt man sich, was soll jetzt noch kommen? Manchmal denke ich, unser Leben besteht fast nur aus Warten. Immer warten wir auf etwas, können es kaum aushalten, bis die Zeit vergeht. 13 werden, volljährig sein, Schule und Ausbildung beenden. Warten auf Mr.Right, auf die Geburt, auf den Urlaub, auf die Rente. Wir warten auf das Klingeln des Telefons, auf den Anruf der Kinder. Wir verwarten unsere Zeit. Und dann gibt es eines Tages nichts mehr, auf das das Warten sich noch lohnen würde.
    Ich er-warte noch ein bisschen. und werde mich sehr bemühen, meinen Humor dabei nicht zu verlieren.
    Gute Nacht, liebe Frau Momo!
    LG,
    Elvira

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    • scrooge schreibt:

      Ich glaube, bis du deinen Humor verlierst, wird noch viel passieren.

      Bei meiner Mutter ist es im Moment ein bisschen ähnlich: Sie muss sich jetzt, wo mein Vater nicht mehr da ist, ihr Leben neu einrichten. Mein Bruder und ich versuchen jetzt, Dinge zu planen, auf die sie sich freuen kann, damit sie nicht das Gefühl hat, dass ihr Leben auch vorbei ist. Aber ich denke, sie wird es schaffen. Zum Glück wohnt mein Bruder einigermaßen in der Nähe, ich bin ja 800 km weit weg.

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      • Elvira schreibt:

        Meine Mutter und ich haben es uns nicht immer leicht gemacht. So ähnlich wir uns gewesen sein mochten, es trennten uns auf der anderen Seite Welten. Ich sehe es jetzt bei meinen Söhnen. Sie haben so viel zu tun mit dem Einrichten ihres Lebens, dass sie in späteren Jahren nicht wissen können, wie es uns jetzt wirklich gerade gegangen ist, obwohl sie immer fragen und interessiert sind. Ich habe erst viel viel später begriffen, wie meiner Mutter, die ein wahres Klammer-Muttertier war, zumute gewesen sein muss, als wir uns total abgenabelt hatten. Obwohl man sich nie wirklich ganz abnabelt. Die Nabelschnur trennt endgültig erst der Tod.
        Sich im Leben neu einrichten, wenn das nur so einfach wäre, wie eine neue Wohnung einrichten, nicht wahr? Man kann leider nicht probewohnen in den neuen Entwürfen. Mein Leben wird auch gerade ein bisschen renoviert. Nicht einfach!
        Liebe Grüße von Elvira

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  4. mayarosa schreibt:

    Herrlich. Der Kommentar deiner Mutter ist großartig, schade, dass ihr Humor nicht durchhielt … und ein bisschen traurig.
    „Manchmal denke ich, unser Leben besteht fast nur aus Warten. Immer warten wir auf etwas, können es kaum aushalten, bis die Zeit vergeht. 13 werden, volljährig sein, Schule und Ausbildung beenden. Warten auf Mr.Right, auf die Geburt, auf den Urlaub, auf die Rente. Wir warten auf das Klingeln des Telefons, auf den Anruf der Kinder. Wir verwarten unsere Zeit. Und dann gibt es eines Tages nichts mehr, auf das das Warten sich noch lohnen würde.“
    Das beschreibst du wunderschön. Die logische Aufforderung danach lautet: nicht warten, auch nicht (er)warten, sondern leben. Jetzt, nicht irgendwann. Und dazu gehört wohl auch, sich in seinem Wohlfühlen weitgehend unabhängig zu machen von den Handlungen anderer. Das ist wohl das Schwerste dabei.

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    • Elvira schreibt:

      Ich habe heute Leben in seiner unverfälschesten Art er-leben dürfen. Meine beiden Enkelkinder hatten viel Spaß zusammen. Emil liebt seine Cousine abgöttisch und Laura hat richtig mit ihm gespielt und rumgealbert. Lene rumorte im Bauch ihrer Mama zum Krach der anderen Kinder und das Wohnzimmer wurde eine wahre Spielhölle. Da es sehr unbeständiges Wetter war, konnte der Garten nur sporadisch genutzt werden.
      Liebe Grüße von Elvira

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  5. monisertel schreibt:

    Liebe Elvira,
    Dein (wunderschöner) Artikel hat mich sehr berührt ♥
    Liebe Grüße
    moni

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  6. Elvira schreibt:

    Aber hoffentlich auch schmunzeln lassen!
    Liebe Grüße von Elvira

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  7. wildgans schreibt:

    Besonders diese handgeschriebenen „Behandlungsanleitungen“ sind köstlich anrührend! Und das Foto …unbeschreiblich. So, so schön!
    Gruß von Sonja

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  8. Elvira schreibt:

    Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich viele Dinge heute über den PC ausdrucken kann. Persönliche Briefe schreibe ich meistens immer noch mit der Hand – aber meine schrift ist im Laufe der Jahre eine Katastrophe geworden (wahrscheinlich habe ich mich bei meinen Arbeitgebern angesteckt).
    Liebe Grüße von Elvira

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  9. april schreibt:

    Zuerst muss man schmunzeln, wie ‚pingelig‘ die jungen Mütter sind, dann lachen, welch‘ trotzigen Humor deine Mutter entwickelt hatte. Und dann die Rührung, wenn man dieses Zärtlichkeit ausdrückende Foto sieht. (Im ersten Moment dachte ich, das seiest du.) Schade, wenn jemand ‚wartet‘, dass etwas kommt – meine Mutter übrigens auch. Es ist meine feste Überzeugung, dass man nicht warten darf, dass irgendeiner etwas tut, sondern man muss selber machen. Das ist ein richtig gutes Thema …

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  10. Elvira schreibt:

    Stimmt, ein gutes Thema!
    Ich glaube, die meisten „Erstmütter“ sind so. Zwar haben mir meine Kinder keine Bedienungsanleitungen geschrieben, aber genaue Instruktionen bekam ich auch. Und ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich trotz der Erfahrung mit meinen Söhnen, dankbar darüber war und bin. Zwar habe ich das Windelwechseln nicht verlernt oder wie ich ein Baby halten muss, aber andere Dinge haben sich grundlegend geändert. War bei meinen Kindern die Bauchlage beim Schalfen absolutes „Muss“, so ist das heute grundsätzlich abzulehnen. Und die Rituale beim Zubettbringen sind ja auch in jeder Familie unterschiedlich.
    Beim zweiten Kind gab es übrigens kein Drehbuch mehr von mir 😉

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  11. Eva schreibt:

    Nachdem ich Deine Anweisung und die „passende“ Antwort gelesen habe, bedaure ich, dass ich meine Regieanweisungen immer nur mündlich gab. Ein rührendes Erinnerungsstück – in vielerlei Hinsicht.
    Wie viele große Träume Deiner Mutter wohl unerfüllt blieben, dass sie darüber ihren Humor verlor?
    Nachdenklich grüßt
    Eva

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  12. shabbaton schreibt:

    ich finde den Humor deiner Mutter hier wundervoll, schade, dass es nicht anhielt, laut dem war sie eine ganz besondere Frau. Ich hatte keine Gelegenheit, meine Eltern als Babysitter einzusetzen, denn wenn sie zu uns zu Besuch kamen, mehrmals im Jahr und immer fuer mindestens 2 – 3 Wochen, dann wollten sie die Aufmerksamkeit, (mehr die Schwiegereltern, als die Eltern) und ich konnte meine KInder nicht ihnen ueberlassen und rausgehen. erst als sie aelter waren und wir dorthin zu Besuch fuhren, da konnte ich es machen.
    Bei meinen Enkeln bekam ich keine Anweisung. Der Aelteste – seit einer Woche ein Schuljunge – der ist praktisch mit uns mit aufgewachsen. Er war die ersten 3 Jahre sehr sehr viel bei mir, dann auch die naechsten und das geht so bis heut. Nur heut kuemmere ich mich mehr um die Aelteren und weniger um das Baby. Aber sie schlafen des oefteren bei mir, mal 2 zusammen mal nur einer und ich habe immer alles Haus, was sie brauchen.

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  13. isa schreibt:

    Ich kann zwar die humorvolle Antwort deiner Mutter und die Regie-Anweisungen nicht lesen, aber das Thema, sein eigenes Leben zu entwickeln, wenn die Brut selbständig wird oder das Warten müssen einer Mutter, die nicht recht zum Zug kommt um ihr eigenes Leben weiter zu entwickeln sind mir sehr nah. Da lohnt es sich manchmal doch ein bisschen intensiver Biographiearbeit zu leisten. Möglich die Altersweisheit kommt aus einer ehrlichen Lebensreflektion. Du hast hast auf jeden Fall schon viel davon. Es ist richtig schön das von dir lesen zu können. Danke Elvira für deine offenen Gedanken.

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  14. isa schreibt:

    Heute bin ich nun doch noch in den Genuß gekommen den herrlichen Humor deiner Mutter zu erfahren. Ein Tröpfchen Bitterkeit mag ja vielleicht auch darin verpackt sein. Ich amüsiere mich hier köstlich! Meine Mutter war genauso alt. Ein bisschen von dieser Haltung hätte ich ihr im Umgang mit ihren erwachsenen Kindern gewünscht

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