Konsumgedanken oder Menschen wie ich sind Schuld an der Krise

Als ich letztens mein Gästeklo putzte, fiel mir auf, dass sich am oberen Rand des Fliesenspiegels  offensichtlich Fliesen gelöst haben. Ganz einfach konnte ich eine Fliese abnehmen, dann eine zweite, eine dritte, schließlich fehlten vier Fliesen. Ein Klopftest machte hörbar, dass mindestens zwei Fliesenreihen nicht mehr fest an der Wand haften. Also rief ich unsere Hausverwaltung an und meldete den Schaden. Ob wir denn neu gefliest hätten, wurde ich gefragt. Nein, die Fliesen hängen seit Anbeginn dieses Wohnungsbaus, also 27 Jahre. Wie denn dann so etwas passieren könne, war die nächste Frage. Spontan antwortete ich, dass ich das nicht wisse, ich wäre weder Fliese noch Fliesenkleber. Und übrigens würde ich es auch nicht auf neue Fliesen anlegen, dann nämlich hätte ich die losen einfach zu Boden fallen lassen. Da es diese Keramiken heute nicht mehr gibt, schon gar nicht in diesem unsäglichen Grün, wäre es wahrscheinlich auf eine Neuverfliesung herausgekommen. Warum ich die Chance nicht genutzt habe? Ganz einfach: Ich, mein Mann, Familie oder Gäste gehen auf das Gästeklo, verrichten ihre langen oder kurzen Geschäfte, und verlassen das Klo wieder. Wenn jemand in dem klitzekleinen Raum etwas sehen möchte, kann er sich gerahmte Bilder ansehen, die an der Wand hängen und die die potthässlichste Fliese vergessen machen. Warum sollte ich also neue Fliesen haben wollen? Die alten sind noch ganz und werden wieder fachmännisch angeklebt und verfugt. Ich habe immerhin Fliesen an der Wand. Ich habe sogar ein Gästeklo. Und noch ein Badezimmer (mit blauen Fliesen). Ich habe eine Wohnung mit Bad und Gästeklo und Küche und Balkon und viel Platz und wohne mitten im Grünen. Ich kann wählen, auf welchem Klo ich meine Notdurft verrichte.  Ich gehöre, weltweit gesehen, einer Minderheit an, die im Luxus lebt!

Ich brauche auch keinen Schrank voller Schuhe, Hosen, Röcke, Mäntel, Handtaschen. Wozu? Hauptsache ich habe genug zum Wechseln, damit ich sauber diesen Luxus genießen kann. Das hat auch nichts mit geilem Geiz zu tun. Eher etwas mit dem Älterwerden. Denn so habe ich nicht immer gedacht. Als wir in diese Wohnung einzogen, bin ich durch die Bauhäuser gezogen und habe von schönen Fliesen geträumt. Aber mein Mann war dagegen. Warum etwas rausschmeißen, das neu und ganz ist, uns nur nicht 100%ig gefällt? Ich musste ihm da Recht geben, wenn auch kleinlaut. Wie fast alle Frauen war ich schuh- und handtaschenverrückt, auch eine gewisse Sammelleidenschaft für Uhren muss ich gestehen. Dafür interessierte mich Schmuck noch nie. Und auch Mode war mir egal. Ich kaufte, wonach mir der Sinn stand. Das hat sich alles radikal geändert. Ich habe ein Paar Schuhe, das ich fast täglich trage. Nicht ganz preiswert, aber wahnsinnig lieb zu meinen Füßen. Im Hochsommer flipfloppe ich und im Winter trage ich meine uralten Bergwanderstiefel. Natürlich habe ich noch fast alle Schuhe von früher. Die Sandalettchen und die feinen Pumps zum Verlobungssommerkleid und zur Hochzeitsfeierrobe meiner Kinder, ein paar wunderschöne Sommerschuhe, die ich aus Australien mitgebracht habe und die nur aus diesem Erinnerungsgrund ihr Dasein in der Kammer fristen dürfen. Ich glaube es sind so um die acht Schuhkartons, die dort lagern. Aber ich brauche deren Inhalte nicht mehr. Was bin ich früher rumgerannt, um die passende Tasche für ein paar Schuhe zu bekommen. Ich wusste kaum noch, wohin mit all den Teilen.

Dafür gönne ich mir heute andere Dinge. Ich habe mir vor einer halben Stunde den Spiderwick bei Amazon (Schande auf mein Haupt!) gekauft. Es gab das Buch wieder für 40€. Ich sage doch, ich lebe im Luxus! Dafür braucht es weder neue Fliesen noch 400 Euroschuhe.

Das allerwertvollste auf der Welt ist sowieso unbezahlbar: Das ist eine funktionierende Familie und gute Freunde! Und denen ist es so etwas von egal, wie mein Bad gefliest ist oder ob meine Schuhe schon drei Jahre alt sind.

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20 Antworten zu Konsumgedanken oder Menschen wie ich sind Schuld an der Krise

  1. leonieloewin schreibt:

    Es ist gut, dass alle Menschen unterschiedlich sind und jeder seine persönlichen Prioritäten setzen kann. Ich selber merke allerdings auch immer mehr, auf was ich alles verzichten kann. In einem tibetischen Buch habe ich einmal gelesen, dass der Mensch letztlich nur die Luft zum Atmen braucht. Soweit bin ich noch nicht, aber ich reduziere mich materiell gesehen mehr und mehr (bis auf die IT Technik :-)) Dass menschliche Werte unbezahlbar und am allerwertvollsten auf der Welt sind – von mir ein eindeutiges JA. Liebe Grüße Leonie

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    • Elvira schreibt:

      Ich glaube, dass dieses Verhalten wirklich etwas mit dem Älterwerden zu tun hat – und ich habe vollstes Verständnis für jeden, der, sofern er es sich leisten kann, gerne konsumiert. Die Ausnahme IT trifft es bei mir allerdings auch!
      Liebe Grüße von Elvira

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  2. Clara Himmelhoch schreibt:

    Elvira, wir – du und ich und all die anderen – sind klug und an keiner Krise schuld – die müssen doch nicht so viel Überflüssiges produzieren.
    Du hast ja mit den 400,00 bei den Schuhen um vieles unertrieben, denn die teuersten kosteten ja 900,00 Euro.
    Ich komme auch mit wenig aus – aber auf meine Rente bezogen ist es offenbar immer noch zu viel – nur mein Vermieter will die Miete nicht senken, höchstens erhöhen.

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  3. Franka schreibt:

    Wir haben auch schon gesagt: Wenn alle so denken und handeln, geht die Wirtschaft zugrunde 😉 Ich schrieb ja schon bei mir, dass ich ein hochinteressantes Buch lese (Skidelsky, Wie viel ist genug?). Nicht alles finde ich interessant, aber einiges gibt mir doch zu denken. Ich habe erst knapp ein Drittel gelesen. Aber ich meine schon jetzt, einiges besser zu verstehen. Es jetzt hier darzulegen würde den Rahmen sprengen. Vielleicht sollte ich doch noch ein zweites Blog aufmachen, denn ins Köln-Blog passt das alles nicht.

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    • Elvira schreibt:

      Ein neues Blog? Das hatte ich auch schon überlegt. Denn in dieses hier stecke ich doch viel mehr als meine Nähprojekte. Wieder. Aber wenn ich es richtig überdenke, ist das auch eine Art Patchwork. Passt vielleicht doch.

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      • Franka schreibt:

        Bei dir passt es, so wie es in meinem früheren Blog auch gepasst hat. Aber zum Titel meines jetzigen passt eben nur Köln und Umgebung. Manchmal denke ich, es ist sogar gut, wenn ich meinen Mund halte 😉

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        • Elvira schreibt:

          Ja, diesen Moment gab es bei mir auch. Danach habe ich einige Posts auf privat gesetzt und mich eine Weile zurückgehalten, ausschließlich über meine Nähprojekte geschrieben. Irgendwann wurden dann wieder andere Themen Inhalte der Artikel. Eine Weile ging ich mit der Idee schwanger, ein neues Blog zu erstellen ohne Hinweise auf dieses hier, einfach abwarten, wie es sich entwickeln würde. Ich hatte noch ein weiteres Blog, das ich aber auch auf Privat gesetzt habe, da es Verknüpfungen zu diesem gab. Ein neues Blog wäre absolut anonym! Diese Anonymität würde ich für niemanden mehr aufgeben. Mal sehen!

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  4. monisertel schreibt:

    Nein, liebe Elvira,
    „wir“ sind ganz gewiss nicht Schuld!!!
    Und wenn wir immer mehr werden (demographischer Wandel kommt in Deutschland an) dann werden die Konsumtempelhändler irgendwann spüren.

    Freut mich, dass es Dein Buch jetzt doch noch gab und Du es Dir gegönnt hast.♥
    Liebe Grüße
    moni

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  5. Gudrun schreibt:

    Also, liebe Elvira, bei dir würde ich auch gerne mal auf das Gästeklo gehen. Das gefällt mir alles, was du schreibst und da wäre mir auch die Farbe der Fliesen egal.
    Die Augenärztin meinte neulich zu mir, als sie begutachten musste, wie sich meine Autoimmunerkrankung am Auge austobt: „Und auf die ganze Schminkerei können wir doch wohl dem Auge zuliebe verzichten, gell.“ Ja, wir konnten. 😀 Es lebt sich auch ohne ganz gut.
    Liebe Grüße von der Gudrun

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    • Elvira schreibt:

      Meine Augen vertragen keine Schminke mehr. Ich habe mich als sehr junge Frau ziemlich kräftig geschminkt (Wie du wieder rumläufst, wie eine N…, Standardsatz meiner Mutter), später nur noch dezent, etwas Lidschatten, Mascara, einfach zum Unterstreichen meiner Augen. Irgendwann reagierten sie empfindlich, wurden rot und brannten. Ich achtete darauf, nur wirklich gute Materialien zu kaufen, aber es half nichts. Heute schminke ich mich nur noch zu besonderen Anlässen.
      Liebe Grüße auch zu Dir!

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  6. Frau Momo schreibt:

    Ich bin da anders, ich habe unendlich viele Schuhe, ich habe mehr Klamotten, als ich wirklich brauche. Ich habe da einen Tick, das gebe ich zu. Allerdings kaufe ich weder Schuhe für 400 Euro, sondern alles an mir ist vom Flohmarkt, von Ebay oder aus dem Second Hand Laden. Ich mag es nun mal, mit Kleidungsstilen zu spielen und ich achte sehr auf das, was ich kaufe und das kann ich mir meistens nur secon hand leisten. Aber all das täuscht mich nicht darüber weg, das das wichtigste im Leben meine Familie ist. Das weiß ich und das lebe ich auch. Das eine schließt das andere für mich nicht aus.

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    • Elvira schreibt:

      Nein, das macht es natürlich nicht. In Deinem Alter war ich ja nicht anders. Da mussten die Handtaschen aber so was von genau zu den Schuhen passen, und wenn ich in allen Läden der Stadt hätte suchen müssen. Das hat sich erst im Laufe der Jahre geändert bis zu dem Punkt heute, an dem es mir völlig gleichgültig ist. Dafür habe ich mir das Buch gekauft 🙂 🙂

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      • Frau Momo schreibt:

        So extrem bin ich aber nicht. Ich habe nicht zu jedem paar Schuhe die passende Tasche 🙂 Aber zur Krise trage ich ja trotzdem bei, denn ich kaufe ja nix neu, außer Unterbuxen 🙂

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  7. vegan50plus schreibt:

    Ich war zwar noch nie wirklich eitel, insofern habe ich bei Klamotten auch als junge Frau nie so viel Geld ausgegeben. Aber ich konnte früher meine Tanten nicht verstehen, die nie ihre Wohnung umräumten und sich keine neuen Möbel gönnten. Während ich mit 20 oder 30 alle paar Jahre meine Möbel umgestellt und auch mal was ausgetauscht habe.
    Jetzt aber fühle ich mich wohl in meiner Wohnung und habe schon ewig nichts mehr umgestellt oder ausgetauscht. Erst wenn etwas kaputt geht, gehe ich auf die Suche nach Ersatz (und bin entweder erschlagen von der Riesenauswahl oder finde nichts, was mir gefällt).
    Ich glaube, man setzt die Prioritäten einfach anders, wenn man älter wird. Ist vielleicht ein Stück Weisheit?
    Auf jeden Fall sehe ich nicht ein, warum ich die Wirtschaft mit Kaufen-kaufen-kaufen unterstützen soll, nur damit alles kurze Zeit später auf den immer höher werdenen Müllbergen landet.
    Was nicht heißen soll, dass ich mir nicht auch ab und zu was gönne. 🙂
    LG
    Christiane

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    • Elvira schreibt:

      Ich habe mir just in diesem Moment – bevor ich bald zur Arbeit los muss – eine Tasse Kaffee und ein Stück Dattelkonfekt gegönnt. „Teufelswerk&Engelsgabe“. Ich habe es mir nicht nur gegönnt, sondern es quasi zelebriert (bei den Preisen für vegane Süßigkeiten muss man das auch). Es ist auch durchaus nicht so, dass mir meine Wohnung gleichgültig ist. Ich kaufe schon Dinge, die ich einfach nur schön finde. So wie im vorletzten Jahr dieses wunderbar schiefe, getöpferte Windlichthaus. Wenn ich die Kerze anzünde, stelle ich mir vor, wie die Künstlerin daran gearbeitet hat, wie sie ein Unikat herstellte und darauf hoffte, dass es ein gemütliches neues Zuhause finden wird. O.k., ich weiß, ich habe unverbesserliche romantische Anwandlungen.
      Liebe Grüße von Elvira

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  8. aussteiger schreibt:

    natürlich sind wir selber schuld, das problem sind nicht die regierungen und die politiker, sondern es sitzt zwischen unseren ohren. die eigentliche macht wird von denjenigen ausgeübt, die die „mächtigen” legitimieren. hier eine nachricht an das „stimmvieh“:
    http://campogeno.wordpress.com/2013/05/24/nachricht-an-das-stimmvieh/

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