Essen in Augenhöhe und Loch im Arsch

Da bekommt ein Altenpflegeheim ein Sehr gut, wenn es den Speiseplan in großer Schrift und in Augenhöhe für Rollstuhlfahrer in die Flure hängt. Eine Eins wird auch vergeben, wenn die Dekubitusfälle ordentlich in einem Ordner dokumentiert werden. Das sind nur zwei Kriterien, die der Pflege-TÜV kontrolliert und bewertet. Dieser TÜV vergibt dann die Gesamtnote für die Heime, Residenzen und wie sich die Aufbewahrungsanstalten für alte, pflegebedürftige Menschen noch so nennen. Das ist doch toll! Da rollt die alte Dame, so sie es kann, in ihrem Rolli auf den Flur und studiert die Speisekarte. Welche Leckereien wohl diese Woche kreiert werden? Frisches, saisonales Gemüse? Bioqualität? Ein oder zwei Extraangebote für vegetarisch oder vegan lebende Heimbewohner? Hallo! Aufwachen! Nicht das Essen wurde bewertet. Das hat niemand gekostet. Einzig das Aushängen der Speisekarte in Augenhöhe, gut lesbar auch für Sehbehinderte, bekam eine Note. Dass das Gemüse aus der Dose nur noch zu Pampe zerkocht auf dem Teller landet, interessiert nicht. Auch nicht, ob den alten Menschen das Essen überhaupt schmeckt. Geschweige denn, ob sie überhaupt genug essen und trinken. Das kontrolliert niemand!

Und der Dekubitus?  Rechte Gesäßhälfte, 3×2 cm, mit XYZ behandelt, Heilung nach Tag irgendwann. Dafür Bestnote. Nicht für die Behandlung, nein, für die lückenlose Dokumentation. Hat aber einer der TÜV-Menschen gefragt, warum der Heimbewohner eine offene Stelle am Hintern oder den Fersen bekommen musste? Und, weil der Grund ja klar auf der Hand liegt, sofort veranlasst, dass der Personalschlüssel nach oben korrigiert wird und jedes Bett mit einer Antidekubitusmatratze ausgerüstet wird? Hallo! Wieder aufwachen! Dafür fehlt das Geld. Wer soll das denn bezahlen? Und das mir jetzt niemand mit Argumenten aus den Blödmedien kommt. Erst mal Geld in die Kitas und Schulen stecken. Die Kinder sind die Zukunft. Klar sind sie das. Aber sie sind auch die alten Menschen von übermorgen! Es gibt kein Entweder Oder!! Denn dann spielen wir die Menschen gegeneinander aus. Ich will, dass meine vier Enkel wie alle andern Kinder auch einen guten Personalschlüssel in ihren Kitas, später in ihren Schulen und Horts haben. Dass sie gefordert und gefördert werden. Dass sie in Kita und Schule nicht abgespeist werden, sondern dass das Essen aus hochwertigen Lebensmitteln besteht. Ich will aber auch, dass die zu alten Menschen gewordenen ehemaligen Kinder, die wieder gefüttert und gewindelt werden müssen, eine menschenwürdige Pflege erhalten.

Natürlich kostet das Geld!  Ich will hier nicht ins gleiche Horn blasen wie die meisten Stammtischphrasendrescher. Aber einige der Prestigeprojekte, mit denen sich manche Menschen ihre Denkmäler setzen  und ihre Profilneurose befriedigen wollen, sind so überflüssig wie ein Kropf.

Oder ist das alles ganz anders? Viel simpler? Beim Zwischenspeichern via campageno das hier gefunden: Die Geschichte von Schulden und Eseln.

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16 Antworten zu Essen in Augenhöhe und Loch im Arsch

  1. Clara Himmelhoch schreibt:

    Die verlinkte Geschichte ist ja phänomenal, so traurig sie für die Bewohner und andere ausgeht, die ihr Geld verlieren. Aber ich finde, sie ist nahe an der Wirklichkeit dran.
    Doch bei dem ersten Teil kann ich uns allen nur die Daumen drücken, dass Deutschlands Finanzen nicht noch mehr den Bach runtergehen, sonst werden Bildung, Kultur, Pflege und andere Sachen total nach hinten rutschen.

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  2. wildganss schreibt:

    Die Wortwahl in Deiner Überschrift verblüfft mich.
    Passt allerdings!

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  3. vivilacht schreibt:

    in Israel habe ich dieses Punktsystem nciht kennengelernt. Dort bin ich in alle in Frage kommenden Heime hin, war in Zimmern, habe die Leute angesehen, wie sie aussehen, wie das Essen aussieht und wieviele in einem Zimmer sind und wieviel Pflegepersonal fuer die Abteilung zustaendig ist. Danach haben wir das Beste genommen und sind auch jeden Tag dort gewesen, als mein vater dann dort war. Aber all diese sind in Israel halb privat, d.h. ausser was die Krankenkasse zahlt, man muss dazu zahlen.
    So wie du es beschreibst, das habe ich auch leider schon oefters gelesen und es tut einem das Herz weh

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  4. Franka schreibt:

    Die Überschrift klingt sehr wütend. Zur Sache könnte ich nun ‚Romane schreiben‘ und über die Ursache der ganzen Misere rätseln … Aber das würde hier den Rahmen sprengen.
    LG, ‚Franka‘

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    • Elvira schreibt:

      Ja, das klingt nicht nur so. Es gibt Tage, da kann ich die Dinge weder schön reden, noch in schöne, gepflegte Worte verpacken. Eine Kollegin kam vor einiger Zeit aus einer Ja, das klingt nicht nur so. Es gibt Tage, da kann ich die Dinge weder schön reden, noch in schöne, gepflegte Worte verpacken. Eine Kollegin kam vor einiger Zeit aus einer Seniorenresidenz (sie nahm einer Patientin, die nur zur Kurzzeitpflege dort untergebracht war, Blut ab) zurück und war den ganzen Tag kaum noch ansprechbar. Die alten Menschen dort wurden weder misshandelt noch wirkten sie übermäßig verwahrlost, dennoch empfand meine Kollegin die Atmosphäre dort als hochgradig deprimierend (und sie ist eine sehr lebensfrohe junge Frau). Mich ärgert die Bürokratie so sehr, die Mentalität, die Papier mehr bewertet als den (noch) lebenden Menschen.

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      • Franka schreibt:

        Sie kann aber auch aus ganz anderen Gründen deprimiert gewesen sein. Das muss nichts mit der Bürokratie zu tun haben (was sicher von oben‘ angeordnet wird, damit nichts Schlimmes passiert.) Vielleicht hat sie einfach an sich selbst oder an Angehörige gedacht …
        Sicher gibt es Missstände, aber auch die besten Heime (ich kenne ein solches) erzeugen beim Besucher ein Gefühl der Trostlosigkeit und Traurigkeit. Weiter unten fragst du: „Liegt es an unserer Zeit?“ Das kann man sicher mit ‚ja‘ beantworten. Unsere Gesellschaft ist so strukturiert, dass die Alten, die nicht mehr können, stören und lästig sind. Die Verwandten haben keine Zeit, weil sie arbeiten müssen (kein Vorwurf). Wohnungen und Häuser sind nicht so gebaut, dass alte Menschen darin gepflegt werden können. Es gibt keine Gemeinschaften mehr, die so etwas auffangen können, damit sich die Last auf mehrere verteilt.
        … *seufz* …

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        • Elvira schreibt:

          In Deutschland gibt es bisher lediglich 3000 Alten-/Generationenhäuser. Das wäre eine Alternative – vielleicht wäre das eine Alternative. Wenigstens bis zur evtl. Schwerstpflegebedürftigkeit.

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  5. Eva schreibt:

    Dein Aufschrei ist noch lange nicht vollständig. Mir fielen beim Lesen noch ganz spontan die pharmazeutischen Hilfsmittel ein, die zur Ruhigstellung/Arbeitserleichterung (?) munter verteilt und dokumentiert werden … und und und … Oh ja, bei diesem Thema hab auch ich immer wieder eine unsägliche Wut im Bauch.

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  6. Elvira schreibt:

    Was können wir tun? Ich weiß es einfach nicht! Mein Mann meint, ich solle das alles nicht zu sehr an mich heran lassen. Manchmal kocht es aber einfach über. Liegt es an unserer Zeit? Sind wir zu überinformiert? Können wir all das überhaupt noch fassen? Oder greift da schon der Verdrängungsmechanismus? Wahrscheinlich ist das so. Sonst hätten wir nur noch Wut im Bauch. Und damit wäre niemanden gedient.

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    • Gudrun schreibt:

      Lass nicht alles an dich heran. Oh ja, den Satz höre ich auch öfter, liebe Elvira. Aber man lebt ja nicht unter einer Käseglocke, nicht wahr.

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    • Eva schreibt:

      Ach Elvira, wir sind, wie wir sind und können nicht aus unserer Haut. Empathie ist ein tolle Eigenschaft und Wut im Bauch setzt oftmals kreative Energie frei. Es darf Dich nur nicht auffressen und krank machen. Ich denke, solange Du darüber reden/schreiben kannst und Dir Luft verschaffst, ist es gut so. Und Du hast ja – bei allem was ich hier so lese – immer auch einen ausgeprägten Sinn für die schönen, angenehmen Dinge des Lebens.
      Bleib so wie Du bist
      Eva

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  7. Frau Momo schreibt:

    Und da liegt eine alte Dame zwei Wochen tot in ihrem Zimmer, weil das Essen immer nur vor die Tür gestellt wird und das volle einfach wieder mitgenommen, ohne das sich jemand Gedanken macht… Mir graut schon vor der eigenen Pflegebedürftigkeit.

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  8. isa schreibt:

    Interesse für das Wohl der Gemeinschaft und Empörung ist das Mindeste, was man bei solchen Missständen zeigen kann. Offener Protest und Unbequem werden ist wirkungsvoller. Aber heute wird Wettbewerb und Anpassung vom Kindesbeinen an gefördert, nicht aber selbständiges Denken und Handeln. Es heißt: sich Fit machen für die Wirtschaft, die eigenen Chancen auf dem Markt ausbauen, alle Vorteile nutzen für sich selbst nutzen, koste es was es wolle!
    Außerdem hat dieses kostenträchtige Qualitätszertifikatsgehabe nichts, aber auch gar nichts gebessert. Die könnten sich ihre überteuerten ISO-Zertifikate also sonst wo hinpacken.
    ***
    Vielleicht magst du diese Fotoserie mal anschauen, wenn du sie noch nicht kennst:
    http://www.photographyserved.com/gallery/Novartis-Reflections-Campaign/329834

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    • Elvira schreibt:

      Nein die Photos kenne ich noch nicht. QMS ist für mich ein wirklich rotes Tuch. Ich bin QMS-Beauftragte in unserer Praxis und weiß daher nur zu genau, was es letztendlich bedeutet.

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