I love you

Die Botschaft war nicht für mich – auch nicht für meinen Hund. Denn er kann sie wahrscheinlich nicht als solche riechen. Aus dem Alter ist er vielleicht auch schon raus.

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Ich habe mich gefragt, wie alt dieses Mädchen wohl ist, das ihre Liebe mit Kreide auf dem Weg verkündet. Woher ich weiß, dass es kein Junge ist? Ich weiß es nicht, ich vermute es einfach. Es ist ein Mädchending! Ich fühlte das ferne Mädchen in mir. Diese Zeit um die 13, 14, als das Blut lauter zu rauschen begann und der Herzschlag sich beschleunigte, wenn er mich ansah. Nein, er sah mich nicht an, er sah durch mich hindurch. Sein Blick galt der Schönen, die selbstbewusst über den Schulhof ging, die ihr Haar so lässig in den Nacken werfen konnte und deren Gang nichts irdisches hatte. Die nicht rot wurde, wenn er sie ansprach, die ihn  links liegen lassen konnte und die doch genau wusste, dass er ihr wie ein Hündchen folgen würde. Wie beneidete ich sie! Ich, die Schüchterne, die Fernverliebte, die Pummelige. Ich ließ mir die Haare wachsen, hüftlang, versteckte mich hinter Make-up – und wurde bemerkt. Liebesbriefe, auf Zettel geschrieben. Willst du mit mir gehn? Ja. Nein. Bitte ankreuzen. Weitergereicht durch die Klasse. Von Hand zu Hand bis zu mir. Herzklopfen, Blutrauschen. Ja? Nein? Lieber Nein. Später dann Ja. Beim nächsten oder übernächsten Versuch. Herzen auf dem Schultisch. So viele. Von mir, von den Mädchen vor mir. Nur nicht erwischen lassen. I love you. Einfacher als ich liebe dich. Erste Küsse. Erster Liebeskummer. Abgrundtiefer Schmerz. Kein Mädchen, kein Junge, kein Mensch auf der Welt hat je so gefühlt. Wie kann die Welt sich nur weiter drehen? Und sie drehte sich weiter, jedes Mal. Irgendwann war ich es, die sagte, es ist aus. Jungen weinten nicht, damals. Du sollst nie wieder glücklich werden. Ich habe sie nie vergessen. Diese Worte, von ihm, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Sie schwebten über mir. Begleiter jeder Liebesbeziehung. Bis der eine kam, der sie vergessen machte.

All das ging mir durch den Kopf bei diesem Kreideschwur. Die Welt dreht sich weiter. Immer und immer und immer. Und mit ihr die Liebe, die ganz junge, erste, unerfahrene, spannende, immer und immer neue und einzigartige Liebe.

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10 Antworten zu I love you

  1. leonieloewin schreibt:

    Das hast Du wunderschön geschrieben. Ganz liebe Grüße Leonie

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  2. Silberdistel schreibt:

    Es ist schon interessant und auch irgendwie toll, wie man manchmal durch die Zeit zurückkatapultiert wird, wenn man solche kleinen KREIDE-Entdeckungen macht wie Du hier. Schön hast Du das geschrieben und danke, dass Du das mit uns geteilt hast.
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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  3. bubblegumcandy schreibt:

    erinnerungen sind wirklich die schoensten dinge die es gibt im leben. sie bleiben einem erhalten, egal wie lange es auch schon her ist. das hast du alles sehr schoen geschrieben liebe Elvira

    lg
    Sammy

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  4. Und das Schlimmschöne daran ist, dass sich jede Lieber wieder wie die einzig Wahre anfühlt. Und wenn sie zerbricht, war es noch nie so schlimm, wie „dieses Mal“.

    Schön beschrieben! Vor allem gefällt mir, was so ein einfacher Schriftzug auf der Straße an Emotionen auslösen kann. Das allein ist es doch schon wert, hm?! ;o)

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    • Elvira schreibt:

      Ich vermute, dass diese Einzigartigkeit jeder Liebe auch der Grund für die unüberschaubar große Anzahl Liebesliteratur und Liebesfilme ist. Der Mensch versucht die Liebe zu verstehen und zu entschlüsseln, aber wahrscheinlich ist das unmöglich. Dabei lieben wir vom ersten Atemzug an. Die Liebe wird mit uns geboren und gebiert im Laufe eines Menschenleben viele neue Lieben. Davon ist jede einzigartig und einmalig.

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      • Eine sehr schöne Umschreibung! Ja, genau SO scheint es zu sein. Und schlussendlich erklären lassen sich Gefühle nie. So unterschiedlich, wie die Menschen selbst, sind Emotionen. Wer wollte da verbindliche „Regeln“ aufstellen, die sich auf alle anwenden lassen?

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        • Elvira schreibt:

          Ich frage mich oft, wie Gefühle sich entwickeln. Ein Mensch wird geboren und fühlt. Wenn das Menschlein Glück hat fühlt es etwas, das wir mit Geborgenheit beschreiben würden. Seine Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme und Nähe werden erfüllt. Es besteht (vermute ich) ausschließlich aus Gefühl. Wann wird aus diesem Geborgenheitsgefühl die Liebe? Ich schrieb weiter oben, dass wir vom ersten Atemzug lieben, aber ist das so? Sind die allerersten Gefühle nicht eher Angst? Und im Laufe des Lebens erleben wir immer mehr Emotionen, bis hin zum Hass. Ich finde, das ist ein spanendes Thema.

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          • Das ist ohne Frage ein sehr spannendes Leben. Vor allem, weil ja bei jedem Menschen, vom ersten bis zum letzten Atemzug, ganz unterschiedliche Bedingungen gegeben sind. Das allein lässt ja den Schluss zu, dass zwei Menschen niemals genau das Gleiche fühlen können. Jeder hat seine ganz eigenen Erinnerungen. An Gutes ebenso, wie an Schlechtes. Erfahrungen, die ihn geprägt haben. Gefühle, die ihm Harmonie oder Hilflosigkeit vermittelt haben.

            Vielleicht ist es deshalb häufig so schwer, seinen „passenden Deckel“ zu finden. Beide Gefühlswelten sollten möglichst gut zusammen passen. Da braucht es schon viel Glück, um „den“ Menschen zu finden. Viel Glück und … viel Liebe!

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