Ist Khaki schon Beige? Teil 2

Kennst ihr das Buch „Tschick“? Die Gedanken über die beigen Rentner macht sich der 14jährige Maik, als er an einem touristischen Ausflugsziel darüber philosophiert, warum die alten Menschen, die da aus den Bussen strömen, alle irgendwie gleich aussehen, eben beige. Und er stellt sich Fragen nach dem Leben dieser Rentner. Er spekuliert, dass unter dieser Masse sicher auch mal die Jahrgangsschönsten waren, die, in die alle verliebt waren und die sich jetzt von den anderen beigen Rentnerinnen nicht mehr unterscheiden lassen. Die Frage nach der Jackenfarbe war in meinem letzten Beitrag nur der Aufhänger für dieses Zitat. Denn Maik – oder besser, sein Autor – hat nicht nur das Kleidungsbeige der RentnerInnen gesehen. Die Wahrnehmung dieses Äußeren durch den 14jährigen und die Fragen, die er sich stellt, markieren einen wichtigen Schritt in das „Erwachsenwerden“, denn die letzte Frage muss zwangsläufig lauten: Werde auch ich so? Werde ich eines Tages in der beigen Masse untergehen? Was wird von mir bleiben? Wird irgendein anderer 14jähriger mich  dann sehen und sich fragen, ob mein Leben früher bunt war? Ob ich Träume hatte? Ähnliche Fragen stellt sich Maik auch, als er auf einem Gipfel eine Holzhütte findet, die über und über mit Schnitzereien bedeckt ist. Touristen hatten ihre Namen eingeritzt. Der älteste Eintrag war ein Name mit der Jahreszahl 1903. Und Maik muss daran denken, dass er in 100 Jahren tot sein wird und er fragt sich, was von diesem Mann noch übrig war, der 1903 seinen Namen hier eingeritzt hat. Dass sich niemand mehr an ihn erinnern wird, dass seine Familie auch schon tot sein wird, zwei Weltkriege wahrscheinlich Hab und Gut  zerstörten und dieser in Holz geschnitzte Name vielleicht der einzige Beweis seiner Existenz war.

Ich kenne alte Menschen, die immer Beweise ihres Lebens in ihren Taschen haben. Eine alte, sehr vornehme und stets perfekt gekleidete Frau zog im Wartezimmer unserer Praxis regelmäßig ein kleines Fotoalbum aus ihrer Handtasche. Darin befanden sich ausschließlich Fotos einer sehr schönen jungen Frau. Sie konnte es nicht ertragen, von ihren Mitmenschen als die alte Frau gesehen zu werden, die sie jetzt war. Sie musste (auch sich?) beweisen, dass sie vor vielen Jahren eine bemerkenswert schöne Frau war. Ich glaube, dass es vielen alten Menschen so ergeht. Sie werden nur noch als alt wahrgenommen. Dass diese Menschen eine Biographie haben, jung waren, Träume, langweilige oder aufgeregte Leben hatten, scheint kaum jemanden zu interessieren.

Mich hat an diesem Buch nicht nur diese Stelle fasziniert, ich habe viele Lesezeichen gesetzt. Es ist ein kluges Buch. Es ist humorvoll, ich musste an einigen Stellen laut lachen (in der U-Bahn!). Es ist tiefgründig und philosophisch. Es sollte Schullesestoff werden! Und Eltern sollten es lesen. Ach, was! Alle Erwachsene sollten es lesen! Es bewahrt uns u.a. vielleicht davor, uns zu früh in beige Menschen zu verwandeln. Denn das machen viele schon lange vor ihrem Rentenalter.

Ich bedauere es sehr, dass ich  erst durch den Freitod  Wolfgang Herrndorfs auf ihn und dieses Buch aufmerksam wurde.

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5 Antworten zu Ist Khaki schon Beige? Teil 2

  1. Franka schreibt:

    Ich bedaure es auch, denn mir geht es genau so. So ist das oft im Leben …
    Kennst du sein Tagebuch? http://www.wolfgang-herrndorf.de/

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  2. wildganss schreibt:

    Eine Künstlerin, die an einem sehr berühmten Platz wohnte, erzählte mir, dass da immer die Ausflugsbusse der Rentner parkten und diese, wenn die Türen geöffent würden, sich so entbeignen oder entbeschen würden…alle gleich angezogen, was die Farben angeht, ist ja auch hellgrau dabei, dunkelblau, ein neckisches Altrosa u.ä…..
    Ja, Herrndorf konnte exzellent schreiben!

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  3. Gudrun schreibt:

    Dass du ganz laut gelacht hast (und das in der U-Bahn! 😀 ) zeigt aber schon, dass man sich doch schon durch sein Lachen abheben kann. Mit einer Kollegin konnte ich aus dem Laden, in dem wir arbeiteten, den Eingangsbereich des großen Einkaufszentrums beobachten. Uns fiel auf, dass gerade ältere Menschen eine Einheitsfrisur hatten, die Damen meist graumellierte Kaltwelle, fast die gleichen Klamotten anhatten (wer redet denen bloß den Schnitt und die Farbe ein?), zusammengekniffene Münder hatten, er vorneweg latschte und sie hinterher hutschte. Man konnte schon von Weitem sehen, wer schlecht gelaunt gleich den Laden betrat.
    Es gab auch andere. Er hielt ihre Hand und half ihr, beide steckten die Köpfe zusammen und kicherten, ihr Lächeln war ansteckend.
    Klar, wir reden oft über den Jugendwahn, der immer wieder erfolgreich die Gemüter erhitzt. Manches kann man nicht ändern, annehmen muss man ihn für sich nicht. Gegen den zusammengekniffenen Mund kann man etwas unternehmen.
    Liebe Grüße von der Gudrun

    PS: Ich glaube, das Lachen bleibt immer jung.

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  4. perlengazelle schreibt:

    Bitte nicht als Schullektüre. Wir haben den Fänger im Roggen im Englischkurs gelesen. Danach war es jahrelang verpönt.
    Graumelierte Kaltwellendamen tragen eine Silberzwiebel. 😉
    Ob Farben auf den Charakter (oder Zustand) schließen lassen? Hmmm … ich bevorzuge blau. Bin aber so gut wie nie angeheitert. Heiter schon.

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