Ich kann das Maul nicht halten

Mit mir geht gerade eine Veränderung vor. Ich rede immer öfter schon, während ich noch denken sollte/müsste/könnte.  So wie vorgestern. Auf der Arbeit. Eine neue, ortsfremde Kollegin wird nach einem Arzt gefragt. Eines meiner Ohren ist immer bei ihr, damit ich sofort eingreifen kann, wenn sie nicht weiter weiß oder  falsche Angaben macht. Den bewussten Arzt und die Adresse konnte sie nicht kennen. Also mischte ich mich in das Gespräch ein und nannte Namen und Straße. Daraufhin musste die Patientin, mit der ich gerade zu tun hatte, auch „hilfreich“ einspringen: „Da ist übrigens jetzt noch ein neuer Arzt. Ein Ausländer. ABER ein netter!“ Und da kamen sie schon aus meinem Mund, diese Worte, die kaum gedacht schon gesagt werden wollten: „Ach? Und alle anderen Ausländer sind nicht nett?“ „Nein, manche nicht!“ „Dann ist ja gut! Das haben sie ja dann mit uns Deutschen gemeinsam.“ Die Patientin schaute mich etwas irritiert an, das habe sie SO doch nicht gemeint. „Doch! Das haben Sie! Das ist nämlich der alltägliche Rassismus, der unsere Gesellschaft immer mehr vergiftet!“ Dann bin ich aufgestanden und gegangen, bevor ich völlig unprofessionell weiter geredet hätte. Mich stinken solche Äußerungen dermaßen an. Sie machen mich wütend und meistens auch sprachlos.

Gestern haben sich unsere türkischstämmigen Nachbarn bei uns verabschiedet. Sie haben nicht nur eine größere Wohnung gefunden, sondern auch nette Nachbarn, die ihnen beim Einzug hilfreich unter die Arme gegriffen  und mit Kaffee und Kuchen bewirtet haben. Etwas ganz Selbstverständliches, sollte man meinen, nicht wahr? Mit den Worten meiner oben erwähnten Patientin könnte man sagen: Die haben jetzt zwar wieder deutsche Nachbarn, aber nette!

In diesem Sinne: Lasst den täglichen Rassismus nicht zu!

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8 Antworten zu Ich kann das Maul nicht halten

  1. vivilacht schreibt:

    mir bleibt hier nix anderes uebrig, als dir die Hand zu druecken und zuzustimmen. Ich habe in meinem Leben oft genug gehoert, dass ich nicht aussehe wie ….. (was ja genau in diese Richtung geht, wie du weisst)

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  2. Martin schreibt:

    Was hättest Du denn gesagt, wenn Du noch eine Weile darüber nachgedacht hättest, hmm? Vielleicht gar nichts. Und wärst dann hinterher wütend auf Dich, dass Du in dem Moment _nicht_ das Maul aufgemacht hast, als es angebracht war.
    Ich finde, Du hast genau das gesagt, was gesagt werden musste, wodurch dein Gegenüber die Gelegenheit hatte etwas zu erkennen.

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  3. Franka schreibt:

    Tja, in solch‘ einem kleinen Wort kommt dann zum Vorschein, was jemand denkt. Ich find’s gut, dass du damit rausgeplatzt bist.

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  4. perlengazelle schreibt:

    Mir wäre haargenau der gleiche Kommentar wie dir raus gerutscht.

    Wer dem Satz: „Ich habe nichts gegen Ausländer,“ ein „aber …“ hinterher schiebt, hat etwas gegen Ausländer. Gehört in der heute-show.

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  5. Clara Himmelhoch schreibt:

    Ich kann solche Diskriminierungen ja auch auf den Tod nicht leiden und mache fast immer den Mund auf.
    Viele Jahre vorher – aber auch viel zu viele Jahre nach der Wende – wurden ja die Leute aus der DDR zum Teil auch wie lästige Ausländer behandelt. Meine ureigenste Erfahrung hatte ich mal hier aufgeschrieben:
    http://chh150845.wordpress.com/2010/04/12/ost-west-erfahrung/
    Und keiner von den anderen kam mir zur Hilfe – warum auch? Was hatte ich auch in einer Westberliner Firma verloren?

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  6. Gudrun schreibt:

    Mich machen solche oft dahergeplapperten Äußerungen immer maßlos traurig und auch wütend. Manche sind sich sicher nicht bewusst, was sie daher plappern, aber bis zu so richtig schlimmen Auseinandersetzungen ist es da nicht mehr weit. In einem Leipziger Stadtteil organisiert sich schon wieder eine Gruppe Protestler. Diemal will man den Bau einer Moschee verhindern. Schließlich ist eine Schule daneben. Den Kopf der Protestler kenne ich schon aus meiner Kindheit. Wir wohnten schon damals in einem Ort. Nach der Wende hat er sich einen Namen in der DSU gemacht, und jetzt „werkelt“ er als CDU-Stadtrat. Manche solcher deutschnationaler Leute kreuzen den eigenen Weg immer wieder.

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    • Elvira schreibt:

      Ob er weiß, das J.W.von Goethe einen zum Christentum konvertierten Muslim in seiner Ahnengalerie hat?

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    • pixelspielerei schreibt:

      „Manche sind sich sicher nicht bewusst, was sie daher plappern“

      Ich denke schon, dass sie sich dessen sehr bewusst sind. Sie kapieren nur nicht, wie sehr sie sich mit solchen Bemerkungen selbst bloßstellen. Da hilft nur immer wieder Contra, bis sie es kapieren. Aber ob das jemals so sein wird …

      Andererseits ist es doch auch schön, wenn solche Wesen ihre Dummheit gleich bekannt geben. Dann weiß man wenigstens sofort, woran man ist und kann in eine andere Richtung weiter gehen. ☺

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