Tageweise Sterben

Man stirbt nicht einfach bumms. Von einem bestimmten Tage an fängt man an zu sterben. Und dann stirbt man und stirbt man und stirbt man. Aus Verlust von Illusionen, Verlust von dem, Verlust von jenem; immer bleibt etwas liegen, immer bröckelt mehr. Es ist nicht wahr, dass man bumms stirbt. Es kommt einem nur so vor. Es ist nur der letzte Strohhalm auf dem Rücken des Kamels, unter dem das Kamel zusammenbricht.

Friedrich Hollaender

Aus einer Traueranzeige. Ich war sehr berührt – und betroffen. Denn wie wahr sind diese Worte! Jeden Tag stirbt ein kleines Stück von mir, verliere ich, was gestern noch mir zu gehören schien. Aufgerissene Gräben werden tiefer, einige werden zu Gräbern. Ich werde empfindlicher, nehme Dinge ernster als früher, reibe mich an ihnen, zerreibe mich mitunter. Worauf ich warte, ist die viel gerühmte Altersweisheit, die Gelassenheit. Aber vielleicht sind das nur die Folgen gestorbener Begeisterung und Leidenschaft? Diese Worte Hollaenders bewegen mich!

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22 Antworten zu Tageweise Sterben

  1. Frau Momo schreibt:

    Solange ich lebe, wächst aber auch viel neues. Manchmal muß altes sterben, damit neues Platz hat. Hätte ich nicht so viel loslassen können, also irgendwie sterben lassen, hätte ich nicht Platz machen können für neues, das mein Leben so bereichert und verändert hat.

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  2. aquasdemarco schreibt:

    Man kann es aber auch andersrum betrachten, es ist die Frage wie iel Bedeutung wir dem sterben beimessen.
    Wir wachsen jeden Tag, an unseren Erfahrungen unseren Einsichten, wir fuettern unser Karma.
    Vielleicht bricht das Kamel ja gar nicht zusammen, somdern steigt auf. Vielleicht war der Strohalm die letzt Weisheit fuer das Kamel, sich nicht an diesem festhalten zu wollen.

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  3. Franka schreibt:

    Was das tatsächliche Sterben anbetrifft, so kann ich das nur bestätigen (aus schmerzlichen Beobachtungen heraus).
    Ich glaube aber nicht, dass ‚Altersweisheit‘ und Gelassenheit mangelnde Begeisterungsfähigkeit ausdrückt. Meiner Meinung nach ist es die Einsicht, an manchen Dingen nichts ändern zu können und sie in Gelassenheit zu ertragen, auch die Einsicht, welche Dinge es wert sind, getan und gedacht zu werden. Wenn man dann nicht resigniert, sondern neue Wege sucht und sich weiterhin für etwas begeistern kann, dann stirbt man noch nicht.

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    • Elvira schreibt:

      Gerade das Begeistern für eine Sache will mir gerade nicht gelingen. Und heute auf der Arbeit (ja, ich weiß, es ist Sonntag) fiel mir ein Arztbrief in die Hände, in dem ich lesen musste, dass ein alter Bekannter jetzt von einer HomeCare -Ärztin betreut wird. Ein ehemaliger Freund sagte mal zu mir, dass er lieber die Lebenden als die Toten besucht (das war seine Ausrede nicht zur Beerdigung meiner Mutter zu kommen). Allerdings hält er sich selbst an diese Aussage nicht mehr. Jedenfalls habe ich den alten Bekannten angerufen und, vielleicht ein letztes Mal, mit ihm gesprochen.
      Herzliche Grüße von Elvira

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      • Franka schreibt:

        Aber das ist doch etwas anderes, wenn man gerade schlechte Nachrichten von guten Freunden oder lieben Menschen hat. Dann kann man sich natürlich nicht begeistern. Aber das kommt hoffentlich wieder. Ich glaube, man darf sich nicht zu sehr auf all das Negative konzentrieren, was rund herum um einen stattfindet.

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  4. Conchi schreibt:

    Das ist ein trauriges Thema, und leider passt es momentan auch.
    Jemand aus meiner Familie stirbt bereits seit einiger Zeit ganz langsam,
    und es tut fürchterlich weh, so hilflos dabei zusehen zu müssen.
    Aber es gibt auch Menschen, die das Glück haben, und nicht so langsam
    und qualvoll sterben zu müssen.

    LG Conchi

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    • Elvira schreibt:

      Es ist beides für die Angehörigen schlimm, die lange Sterbebegleitung ebenso wie der plötzliche Tod. Der einzige Trost beim langsamen Sterben mag sein, dass viele ungesagten Dinge noch gesagt werden können.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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    • Liebe Conchi
      Das Thema Sterben ist immer traurig. Wenn uns ein Familienmitglied verlassen muß, erst recht. Aber die Zeit, die einem Menschen zum Leben bleibt, die sollte man auch leben.
      Ihr bekommt ein Geschenk. Das Geschenk Zeit.
      Zeit, die euch bleibt, dem sterbenem Menschen zu sagen, dass man ihn gerne hatte, Zeit für kleine Freuden: Einen Spaziergang machen, die Zeitung vorlesen, miteinander schweigen, kleine Wünsche erfüllen. Gemeinsam Photos von Früher ansehen und alte Geschichten austauschen. Vielleicht geht auch ein Ausflug. Kommt auf die körperlichen Möglichkeiten an.
      Wenn die Kräfte langsam ganz schwinden, kann auch der Sterbende leichter sagen: Es ist gut. Ich kann loslassen. Und der zurück bleibt, kann leichter sagen: Es ist gut, dass er/sie gehen konnte.
      Es ist nicht einfach. Aber ein plötzlicher Tod, von gleich auf jetzt, ohne Abschied .. unerwartet .. ist für die Angehörigen auch unfassbar hart.
      Ganz liebe Grüße und viel Kraft, um mit eurer familieren Situation gut umgehen zu können
      sendet die Schlafmütze

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  5. Mich bewegen die Worte von Hollaender ebenfalls. Sie sind schmerzlich wahr. Manchmal hat man den Tod längst vor Augen aber man darf ums Verrecken nicht sterben. Das sind wohl die bittersten Wege, die dann noch Stein für Stein für Stein abgeschritten werden müssen.

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  6. Gudrun schreibt:

    Manchmal habe ich eben so meinen Moralischen. Da kommt viel zusammen und da werde ich auch recht empfindsam. Altersweisheit nützt mir da nichts. So wie jetzt gerade zwei Tage lang.
    Es hat mich schon beschäftigt, dass man nicht nur entfreundet wird, wenn man mal nicht das sagt und tut, was gerede gewünscht wird, nein, man ist dann plötzlich Feind. Ich finde es schlimm, wenn das Netz zu Grabenkämpfen genutzt wird. So eine vertane Chance.
    Dann rief mich eine reale Freundin an. Freundin bis zu eben diesem Anruf. Sie hätte in Leipzig in der Innenstadt eine junge Frau sitzen sehen mit zwei künstlichen Beinen ab Knie, plapperte sie los. „Na das ist doch das Letzte! Die (Die?) bekommen doch hier alles und jetzt betteln die immer noch nach mehr. Nein,so geht das nicht. Das muss ein Ende haben.“ Ich war erschrocken, denn so hatte ich sie noch nie reden hören. So kann ich das nicht belassen. Alles half nichts. „Du willst doch auch, dass deine Kinder Arbeit haben in diesem Land?“ Ach, die Leier wieder! Na kurz: ich muss meine Auffasung zu Freundschaft überdenken.
    Gestern stieß ich zu allem Elend auch noch auf einen Beitrag, in dem es einen Journalisten gelungen war in einer chinesischen Pelztierfarm zu filmen. Lebendigen Leibes werden dieTiere gehäutet. Unter unsäglichen Qualen. Mir liefen die Tränen. Und ich bin nicht sehr nahe am Wasser gebaut. Was kann ich dagegen tun? Ich trage keinen Pelz.
    Und genau in solchen Situatiionen stirbt immer etwas in mir.
    Trotzdem. Es gibt auch Gutes. Und wenn die Tränen wieder abgewischt sind, mache ich mich immer wieder auf die Suche. Liebe Elvira, komm, wir können uns trotzdem noch begeistern. Das ist anders als damals in der Jugend, nicht mehr so unbeschwert. Aber es ist möglich. Und Menschen, mit denen man gern auf einer Wellenlänge ist, findet man auch. Du bist für mich so ein Mensch.

    Ach, es ist viel geworden. Ich schreibe aber nicht mehr „überall“. Da kanns auch ab und an ruhig ein Viertel mehr sein. 😀

    Liebe Grüße von der Gudrun

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    • Elvira schreibt:

      Ich danke Dir für diesen ausführlichen Kommentar! Mir geht manchmal auch das Herz über. Dann muss ich etwas loswerden und mache das bei Menschen, die ich eigentlich gar nicht kenne, von denen ich aber hoffe, dass sie mich verstehen. Gerade in en letzten Tagen starb auch bei mir viel, aber das hat nichts mit dem Netz zu tun. Dafür wurde Hoffnungslosigkeit geboren. Aber vielleicht ist die Hoffnung auch nur sterbenskrank und gesundet wieder. Das muss wohl so sein, denn alleine in diesem Wunsch steckt ja schon ein Funken Hoffnung. Was das Netz betrifft, werde ich jeden Konflikt, sollte er mir begegnen, umschiffen. Notfalls sogar das Blog löschen. Ich mag weder Menschen, die schulmeisterlich unterwegs sind und förmlich nach Fehlern bei anderen suchen, noch die, die sich völlig im Ton vergreifen. Auch lasse ich mich nicht vor einen bestimmten Karren spannen. Dabei wäre ich schon beim Thema, das Deine reale Ex-Freundin angeschnitten hat. Heute war ich wieder unterwegs und habe Aufkleber der tiefbraunen hier im Örtchen von Laternen und Verteilerkästen gepult. Grenzen dicht, Asylbetrüger raus, stand darauf. Ich mag mich hier vielleicht nicht groß mit diesen Themen auseinander setzen, was ja auch ab und an moniert wird, aber ich tue etwas. Zwar nur eine Kleinigkeit, aber das immerhin liegt im Rahmen meiner Möglichkeiten. Worte sind schnell geschrieben und werden hier eh von Gleichgesinnten gelesen. Und Abnicken brauche ich nicht.
      Hoffentlich übersehe ich das Etwas nicht, das mich begeistern könnte. Es gibt Dinge, die ich sehr gerne mache, aber Begeisterung ist gerade nicht dabei.
      Ich grüße Dich ganz herzlich!
      Elvira

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  7. monisertel schreibt:

    Liebe Elvira,
    wie recht du hast, wie berührend die Gedanken von Friedrich Hollaender, man muss immer wieder neu lernen, behutsam mit sich umzugehen.
    Altersweisheit und Gelassenheit des Alters sind für mich Worte junger Menschen, die das Alter ein wenig verklären möchten.
    Spontanität, Kreativität, Neugier, das sind die wichtigen Zutaten für ein „gutes Alter“, denke ich. Sich nicht aufreiben an Dingen, die man nicht ändern kann, das muss man jeden Tag neu üben.
    Ganz liebe Grüße und einen angenehmen Sonntagabend,
    moni

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    • Elvira schreibt:

      Ich freue mich schon ein klitzekleines bisschen auf die Adventszeit, denn ich möchte endlich wieder ein Licht am Ende des Tunnels sehen. Und mit jeder Kerze mehr wird es vielleicht auch in mir wieder heller.
      Ganz herzliche Grüße auch an Dich!
      Elvira

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  8. Anneliese schreibt:

    wir lassen jeden Tag ein bisschen von uns zurück, stimmt wenn etws neues dazu kommt und den leeren Platz wieder aufüllt ist es leichter.

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    • Elvira schreibt:

      Und manchmal muss man sich vielleicht von Dingen trennen, die das Leben letztendlich vielleicht sogar leichter werden lassen. Manchmal denke ich, dass ich wohl noch älter werden muss, bis das Loslassen nicht jedes Mal wieder schmerzt. Ich meine hier nicht den Verlust von verstorbenen Menschen, sondern den von noch lebenden. Ein weites Feld, dieses Loslassen.
      Liebe Grüße von Elvira

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  9. Johanna Sturm schreibt:

    Genau die Traueranzeige habe ich auch gelesen und heute danach gesucht. Danke dass du sie dokumentiert hast.

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