Fensterln

Ich bin Voyeur, das gestehe ich hier ganz offen. Denn ich schaue gerne in anderer Leute Fenster. In Berlin ist das ganz einfach. Weite Strecken der S- und U-Bahn führen ganz dicht an alten Mietshäusern vorbei. Manchmal könnte man glatt eine Gardine berühren. Vor einigen Jahren musste ich mehrmals in der Woche eine dieser langen Strecken fahren. Im Winter, wenn es schön dunkel war, luden diese morgens und abends einfach zum Gucken ein. Nur für kurze Momente boten sie Einblicke in fremde Leben. Vor einigen Tagen ging ich am Abend durch unsere Siedlung. Die Weihnachtsbeleuchtungen waren, bis auf wenige Ausnahmen, verschwunden. Als ich so die Fenster sah, fielen mir wieder die S-Bahnfahrten ein und ich verringerte meinen Schritt. Schlendernd betrachtete ich die Häuseraugen. Wie unterschiedlich sie beleuchtet waren. Da gab es diese warmen, einladenden Farben, hinter kurzen Gardinen, die nichts verbargen. Mir schien, als lebten dort Menschen, mit denen ich gerne zusammensäße. Es war, als lüde das Licht mich ein. Dann waren da Fenster,  durch die nur schwach das Licht nach draußen drang. Lange Vorhänge, ordentlich gefaltet, sperrten die Blicke aus und gaben doch so viel preis. Einige Fenster zierten Bogengardinen. Unter ihnen, auf den Fensterbänken, Zimmerpflanzen, schwarz im Gegenlicht der Stehlampe. An der Wand ein Gemälde, daneben eine Pendeluhr. So sah es bei meinen Großeltern aus. Ich stellte mir vor, wie die Möbel aussehen könnten. Jugendstil vielleicht. Brokatumhäkelte Tischdeckchen und Sofaschoner. Viele Fenster sahen abweisend aus, mit ihren weißen und kalten Lichtern. Und dann gab es die große Zahl der Fenster, hinter denen sich graublaue Schatten flackernd durch den Raum bewegen. Alles können sie bedeuten. Liebe bezeugen oder Morde, Schnulzensänger beleuchten oder Wanderer begleiten, Nachrichten ins Zimmer schleudern oder die letzte Katastrophe in Endlosschleife bebrennpunkten. Nichts sagen diese Schatten mir über die Menschen hinter den Fenstern. Vielleicht betrügt mich aber auch das anheimelnde Licht. Möglicherweise leben keine gastfreundlichen Menschen in diesem warmen Licht, das so viel Gemütlichkeit ausstrahlt. Was, wenn das alles nur Kulissen sind? Kulissen in Häuser-Fassaden. Wenn die Dinge ganz anders sind als sie scheinen? Ein Blick in fremde Fenster gewährt noch keinen Einblick in fremde Leben. So bleibt es der Phantasie überlassen, was sie aus dem schnell Erhaschten macht. Aus den Lichtern, den Gardinen, dem Fensterschmuck. Ich schaue auch gerne in meine Fenster. Wenn ich morgens mit dem Hund gehe. Dann lasse ich das Licht in meinem Zimmer an und die kleinen Lämpchen auf dem Blumenbrett im Wohnzimmer. Warm sieht mein Zimmer von draußen aus. Die kurzen orangefarbenen Gardinen geben den Blick frei auf den Holzschrank an der gegenüberliegenden Wand. Im Wohnzimmer sehe ich durch die geöffnete Balkontür das wandfüllende Regal voller Bücher. Die Zimmerpflanzen werden durch die kleinen Lichter warm angestrahlt. Gemütlich sieht das aus. Was sehen wohl andere Menschen? Stellen sie sich ähnliche Fragen wie ich? Vermuten sie die Kulisse einer Gemütlichkeit vorgaukelnden Rollenspielerin? Vielleicht stellen sie sich keine Fragen? Beachten die vielen Fenster überhaupt nicht? Ich denke gerade an den Film „Dogville“ von Lars von Trier. Nicht an den Inhalt. Aber an die Kulisse. Dieses Theater. Alles war so offensichtlich und doch intim. So viel Einblick und doch so viel Verborgenes. Wie die Fenster in den Häusern.

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14 Antworten zu Fensterln

  1. Hallo Elvira 🙂
    Ich schaue auch gerne in Fenster und Gärten. Da ich täglich Bahn fahre, gibt es entlang der Strecke einiges zu sehen. Leider werden jetzt überall Lärmschutzwände hochgezogen. Sicherlich ein Segen für die Anwohner, aber für neugierige Nasen wie mich wirds dann langweilig 😉
    Ich denke oft über Menschen nach; wenn ich wo warte und sie beobachte oder ich höre irgendwelche Geschichten von Menschen, die sich auffällig oder auch blöd verhalten.
    Ich frage mich dann, was dazu führte, dass sich der Mensch so verhält.
    Ist natürlich immer nur Spekulation 😀
    Grüßli zum Wochenende 😉

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  2. leonieloewin schreibt:

    Auch ich habe früher beim Bahnfahren wir häufig überlegt, wer wohl in den Wohnungen und Häusern wohnen könnte, wie die Menschen leben und was sie erleben. Besonders nah passieren die Gleise die Häuser und Wohnungen in den größeren Städten wie Berlin, Hamburg und München heran. LG und ein schönes Wochenende wünscht Leonie

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    • Elvira schreibt:

      So, mein Restwochenende wird jetzt ruhig ausklingen. Heute waren alle vier Enkelkinder mit ihren Eltern hier. Zwei der Kinder das erste Mal. Karlchen hat sich wunderbar benommen – nur das einjährige Mädchen und sein etwas älterer Bruder hatten Angst. Aber es wird sich noch an den Hund gewöhnen.
      Liebe Grüße von Elvira

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  3. perlengazelle schreibt:

    Ich lausche lieber beim Bahnfahren oder beim Warten in der Schlange vor der Kasse. Da erfährt man mehr als bei einem kurzen Blick ins Fenster. Interessant, dabei zu spekulieren, in welchem Verhältnis die Gesprächspartner zueinander stehen. Vater und Tochter? Älterer Mann mit blutjunger Geliebten? Oft komme ich so ins Gespräch mit Wildfremden. Manchmal muss ich aber auch ein klammheimliches Kichern unterdrücken. Wenn`s denn zu sehr wie bei Loriot klingt.
    Interessant war es, als wir eine Zeit lang einen Telephonanschluss hatten, der uns in fremde Gespräche verband. Kurios wurde es, als mein Gatte einem Gespräch lauschte, bei dem ein Mann einem anderen umständlich erzählte, dass er ins Archiv wollte und meinem Gatten der Spruch: „Da gehörste auch hin!“ entfuhr. Was wiederum von der anderen Seite gehört wurde … da hat der Gatte schnell aufgelegt. 🙂

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    • Elvira schreibt:

      Beim Bahnfahren sind die Gespräche meistens so einseitig (Kommunikation durchs Handy). Da stell ich mir manchmal vor, was der andere Teilnehmer wohl so erzählen mag. Strom geht seltsame Wege, ist ein Lieblingsspruch meines Mannes. Wir hatten Sportfreunde, die in der Nähe der RIAS-Sendetürme wohnten. Mitunter kam es vor, dass man Radio hören konnte, wenn man in der Küche den Wasserhahn aufdrehte.
      Liebe Grüße von Elvira

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  4. Franka schreibt:

    Da kann man sich schon einige Gedanken machen und wahrscheinlich könnte man auch Geschichten dazu schreiben, erfundene. Wir haben gestern nicht schlecht gestaunt (auf dem Weg zu einer Verabredung, zu Fuß), als wir in einer ganz tristen Gegend plötzlich vor einem hell erleuchteten Fenster mit einer Weihnachtslandschaft mit ganz vielen Häuschen standen. Es war zwar kitschig, aber doch sehr liebevoll gemacht und anscheinend mit Stolz präsentiert.
    Wie mag es wohl sein, wenn man weiß, die Leute in der S-Bahn können rein gucken? 😉

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    • Elvira schreibt:

      Ich denke, wer das nicht mag, wir sich blickdichte Gardinen anschaffen. Viel mehr würde mich der ewige Bahnkrach stören. Von der Strecke kann man auch wunderbar in die Hinterhöfe schauen. Manche sind wahre Oasen.

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  5. monisertel schreibt:

    Liebe Elvira,
    ich habe mir auch schon oft die gleichen Gedanken gemacht, ähnliche Fragen gestellt und – vor allem – meiner Phantasie freien Lauf gelassen. Es ist meistens besser, wenn man nicht allzu genau Bescheid weiß. Das Geheimnisvolle ist reizvoll!
    Angenehmen Sonntag
    moni

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    • Elvira schreibt:

      Vielleicht sind viele Romane so entstanden? Oder Kurzgeschichten? Krimis mit Sicherheit auch. Da gibt es das Wort Fenster sogar im Titel.
      Hab noch ein schönes Wochenende!
      Elvira

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  6. Hans-Georg schreibt:

    Auch ich schau gern nach links und rechts in beleuchtete Zimmer, wenn ich durch die Strassen gehe, einfach um zu sehen, wie andere Menschen leben – soweit man das im Vorbeigehen überhaupt feststellen kann.
    Wir haben keine Gardinen vor den Fenstern, alles ist offen. Gut, wir wohnen in der 3. Etage. Vorbeigehende können nicht hereinschauen, uns aber an den bodentiefen Fenstern an unseren Arbeitsplätzen sitzen sehen. Von ein paar anderen Wohnungen kann man auch einen Blick erhaschen. Aber das ist uns egal. Und wenn mich mal jemand sieht, wie ich nackig durch die Wohung husche – na und!

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  7. Ulli schreibt:

    ach schön, liebe Elvira, da hast du die Idee schon in die Tat umgesetzt. Ja, das sind die Fragen, die ich mir auch stelle, wenn ich fensterl. Ich erinnere mich durch dich wieder an all die vielen Hochbahnfahrten, damals noch der Linie 1 (ich lebte ja über ein Jahrzehnt am schlesischen Tor), gerade fährt der Film ab … danke dafür …

    heute stelle ich noch drei Abendfenster ein und ich erlaube mir deinen Artikel zu verlinken, ich hoffe, dass dies okay ist …

    herzliche Abendgrüße
    Ulli

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  8. Pingback: Abendfenster (oder es wird Nacht in einer kleinen Stadt 2. Teil) |

  9. Eva schreibt:

    Fensterln? Na, Du bist mir eine! 😉
    Oh ja, man macht sich auf seinen Wegen schon so seine Gedanken zu Ein-, Aus- und Durchblicken. Letztlich ist dann doch alles nur Fassade, hinter der die Wahrheit verborgen bleibt. Aber das kann uns und unserer Phantasie ja egal sein.

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