Jonglieren mit Keulen und Wörtern

Schon immer gehörten Jongleure zur großen Zirkusfamilie. Als etwas älterer Mensch, der schon etliche Jongleure im Zirkus oder Varieté gesehen hat, riss es mich nicht vom Stuhl, als eine der ersten Nummern im Zirkus Roncalli eine Jonglage war. Aber ehe ich mich versah, starrte ich gebannt ins Manegenrund. Das Jonglieren hat sich offensichtlich dem Zeitgeist angepasst. Die Keulen wirbelten dermaßen schnell durch die Luft, dass sie als einzelne Keule kaum mehr wahrnehmbar waren. Es war wirklich sehr beeindruckend.

Während ich so saß und staunte, dachte es natürlich in mir weiter. Unser Gehirn ist schließlich ein nimmersatter Schwamm, der alles mögliche aufsaugen muss, um es bei passender Gelegenheit in leicht veränderter Form wieder von sich zu geben. Ich dachte so daran, dass ich mitunter einfach nicht verstehe, was Menschen mit den Worten, die da geschliffen aus ihren Mündern purzeln, sagen wollen. Da reiht sich Wort an Wort, manchmal ohne Punkt und Komma, und wenn dann doch endlich ein Punkt zu hören ist, weiß ich nicht mehr, was am Anfang gesagt wurde. Kann es sein, dass diese Menschen eine Jonglierschule besucht haben? Haben sie dort gelernt, wie sie Wörter so schnell durch die Luft schleudern können, dass niemand ihnen mehr folgen kann? Und wenn ihnen ein Wurf misslingt? Ein Wort hinunterfällt? Dann machen sie es wie der Zirkusjongleur. Sie heben es rasch auf und wiederholen das Kunststück. Und alle freuen sich und klatschen! Auch wenn sie nichts verstanden haben. Es hat sich aber gut angehört. Ich glaube, viele Politiker haben solche Schulen besucht. Da wirbeln die Wörter durch die Luft, bilden Kreise und Achten und schnellen hoch in die Luft. Wir schauen zu und merken nicht, wie einzelne Wörter Figuren formen, eingebunden in die Jonglage, und doch etwas völlig anderes zeigen. Denn alles geht so schnell, dass wir nicht mehr folgen können. Oder sollen wir das vielleicht auch nicht?

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4 Antworten zu Jonglieren mit Keulen und Wörtern

  1. piri ulbrich schreibt:

    Schein ist sein und uns etwas vorgaukeln ist einfacher, als tatsächlich richtige Taten folgen zu lassen. Illusionisten, die eine schöne Welt zeigen, denen will man doch eher glauben, als Schwarzmalern.

    Schokoladengrüße aus dem erwachenden Dorf im wilden Süden

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  2. Franka schreibt:

    Natürlich sollen wir nicht folgen können. Vielleicht aber gibt es auch nichts zu folgen und zu verstehen, denn die meisten jonglieren mit leeren Hülsen. Wir sollen still sein und konsumieren.

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  3. Gudrun schreibt:

    Oh, diese Fähigkeit ist nicht nur Politikern eigen. Ich rege mich da nicht mehr auf. Da, wo kein Inhalt ist, muss man nicht darüber reden. Selber welchen gestalten ist da schon eine bessere Wiese.
    Liebe Grüße von der Gudrun mit dem dicken Schal. (immer noch 😦 )

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  4. Ulli schreibt:

    Rhethorik gegen Aussagekraft … ja, ich glaube auch, dass wir nicht mehr folgen sollen … oft denke ich in den letzten Tagen darüber nach, was wir wollten, was wir taten, was geworden ist (wir = meine Generation der späten 1950iger Geborenen) und immer wieder denke ich an das Lied von den Ärzten: wir ham geträumt, es war ne lange Nacht, ich wünscht, wir wären niemals aufgewacht … denn früher hatten auch Politker (die Innen waren selten, bis gar nicht vorhanden) etwas zu sagen …

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