TBC

ist eine Krankheit, die es auf diesem Planeten leider immer noch gibt. 1,6 Millionen Menschen sind 2009 weltweit daran gestorben. In Deutschland ist sie seltener geworden, dennoch erkrankten bei uns im gleichen Zeitraum 4444 Menschen, von denen 154 starben (Quelle).

Ich hatte Glück! Denn ich bin eine Betroffene, die diese Krankheit überlebt hat.  Nicht 2009, aber 1960 erkrankte ich an einer offenen Lungen-TBC. Ich war sechs Jahre alt und besuchte gerade die erste Klasse. Meine Einschulung wurde zu Ostern gefeiert, ab 24. Oktober durfte ich nicht mehr in die Schule gehen. An den Ausbruch der Krankheit habe ich nur sehr schwache Erinnerungen. Ich war erkältet, hustete, und dieser Husten hörte nicht auf. Es wäre meine Schuld, dass ich so krank geworden bin, sagte meine Mutter. Hätte ich in der Hofpause den Mantel angezogen, wäre das nicht geschehen. Nun, es sollte sich bald herausstellen, dass kein Mantel der Welt mich vor dieser Krankheit hätte schützen können. Nachdem die Diagnose feststand, wurde ich aus meinem alten Leben gerissen. Ich kam in eine Lungenheilanstalt. Ein Krankenzimmer zunächst für mich alleine. Ohne Kontakt zu meiner Familie. Dann wurde ich in ein Zweibettzimmer verlegt. In die Wand zum Krankenhausflur war eine große Glasscheibe eingelassen. Es gab eine Telefonverbindung vom Zimmer in den Flur. Jetzt konnte ich meine Eltern wenigstens sehen. Das Sprechen mit ihnen durch das Telefon war schwierig. Es gab so viele Tränen. Auf beiden Seiten der Scheibe. Was mich rettete, waren Bücher. Mein Großvater hatte mir schon vor der Einschulung das Lesen beigebracht. Es war noch etwas holprig, aber ich wurde schnell richtig gut. Die Krankenschwestern waren sicher froh, dass ich nicht so viele Probleme machte und versorgten mich mit reichlich Lesestoff. Ich glaube, damals begann meine Leseleidenschaft. Es gab einen Ausweg, eine Tür, durch die ich einfach dieses Zimmer verlassen konnte.

Es gab noch eine andere Tür, die direkt aus dem Krankenzimmer in eine kleine Grünanlage führte. Diese Tür schloss unten nicht richtig mit dem Boden ab. Es gab so einen kleinen Schlitz. Durch diesen schob meine Oma mir ab und an, in Butterbrotpapier eingewickelt, ein paar Scheiben gekochten Schinken. Sie wusste, wie gerne ich diesen aß. In dieser Zeit wurden  Klapperlatschen modern. Ihr wisst schon, diese Holzsandalen mit der Lederlasche. Eines Tages stand meine Mutter  hinter der Scheibe und winkte mit einem Schuhkarton. Sie hatte mir diese Klapperlatschen gekauft. Vielleicht war das zu Weihnachten? Vielleicht zu meinem Geburtstag im Januar. Ich weiß das nicht mehr.

Irgendwann war ich nicht mehr ansteckend und meine Eltern durften mich wieder in die Arme nehmen. Es war im Sommer des darauffolgenden Jahres. Diese drei Fotos hat eine Krankenschwester an jenem Tag gemacht. Ausgerechnet das Bild, auf dem sie mit mir zusammensteht, gehört zu den vermissten. Wer mit dem Begriff Klapperlatschen nichts anzufangen wusste, auf den Fotos könnt ihr sie sehen.

Ich zog in ein Mehrbettzimmer um. Zu sechst oder zu acht waren wir untergebracht. Ich weiß nicht mehr, wie das mit dem Radio funktionierte, aber wir hörten oft Musik. An ein Lied kann ich mich genau erinnern: Ein Schiff wird kommen. Für mich kam aber kein Schiff, sondern eine Gehirnerschütterung. Ich saß auf dem Gitter am Kopfende meines Bettes und lehnte mich an die Wand, als ein größeres Kind kam und das Bett wegzog. Heute frage ich mich, wie das hat geschehen können. Ich stürzte jedenfalls vom Bett, landete direkt auf dem Hinterkopf und zog mir neben einer Platzwunde besagte Gehirnerschütterung zu. Eine Narbe erinnert mich noch heute daran. Zu Zeiten, als ich meine Haare streichholzkurz trug, musste ich die Frisörin immer auf diese Narbe aufmerksam machen, da dort keine Haare mehr wachsen. Dort durfte das Haar nicht zu kurz geschnitten werden.

Wenn ich mir die Fotos so ansehe, dann würde ich zu gerne gerne wissen, wie es meiner Mutter mit der Trennung ging. Wie haben meine jüngeren Brüder das aufgenommen? Was wurde ihnen gesagt? Ich erinnere mich nicht daran, dass sie im Krankenhaus zu Besuch gewesen sind. Aber ich habe so viel vergessen aus dieser Zeit.

Woran ich mich auch erinnere sind die vielen Tabletten und Spritzen und das häufige Durchleuchten. Dieses Durchleuchten begleitete mich noch einige Jahre. Und dann gab es eine Untersuchung, an die ich mich nur noch schemenhaft erinnere. Ob sie in Heckeshorn oder der Kinder-Klinik in Bayern durchgeführt wurde, weiß ich auch nicht mehr. Ich erinnere mich aber, dass mir stehend ein Schlauch durch den Mund eingeführt wurde. Den Geschmack, keine Ahnung, was das für ein Material war, ich denke da immer an Gummi, werde ich nie vergessen.

Nach Hause durfte ich nach meiner Genesung aber immer noch nicht. Direkt von Heckeshorn aus wurde ich in die Prinzregent-Luitpold-Kinder-Klinik ins Allgäu gefahren.

Wie es dort weitergegangen ist, berichte ich dann demnächst.

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16 Antworten zu TBC

  1. wildgans schreibt:

    Das ist eine gute Intensivstbeschreibung! Da waren meine sechs Wochen KH-Aufenthalt auf auch so einer Isolierstation wegen Scharlach ja ein Klacks.
    Hat das Kind, welches das Bett wegzog, es bereut, weißt du das noch?
    Klapperlatschen, haaach.-

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    • Elvira schreibt:

      Nein, ich weiß das nicht. Ich erinnere mich nur, wie eines der Kinder (dieses?) schreiend in den Flur lief, worauf die Schwestern in unser Zimmer stürzten. Danach weiß ich nichts mehr. Wenn ich mir die Szene heute so vorstelle und die Erfahrungen mit stark blutenden Kopfplatzwunden meiner Kinder mit einbeziehe, vermute ich mal, dass das bei der Größe meiner Narbe, eine ziemliche Schweinerei gegeben haben muss.

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  2. leonieloewin schreibt:

    Danke für das Teilen dieses wirklich sehr persönlichen Berichts. Diese Zeit war als Kind bestimmt nicht einfach für Dich und ich kann mir gut vorstellen, dass Du Dich an viele Begebenheiten und Dinge noch heute gut erinnern kannst. LG Leonie

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    • Elvira schreibt:

      Ich erinnerte mich auch plötzlich an Karamellpudding. Nur kann ich den nicht richtig zuordnen. Entweder gab es den in einem der Krankenhäuser oder in späteren Jahren bei Ferienverschickungen in Kinderheime. Aber ich möchte jetzt sofort solch einen Pudding essen!!

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  3. vivilacht schreibt:

    ich kann mir gut vorstellen, wie du dich damals gefuehlt hast. Ganz allein und mit dieser Krankheit. Das hat dich auch mitgepraegt, zu dem Menschen, der du jetzt bist.

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    • Elvira schreibt:

      Schade, dass ich nicht mehr weiß, wie es den anderen Kindern ging. Denn um mich herum gab es sehr viele Kinder mit der gleichen Krankheit und den Folgen. Wäre ich älter gewesen, wäre es sicher auch einfacher geworden.

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  4. Franka schreibt:

    Das war sicher ein traumatisches Erlebnis, das noch lange nachgewirkt hat. Gut, dass du dich erinnerst … das ist auch eine Art von Verarbeitung. Und man sieht mal wieder, wie wichtig Bücher für den Menschen sein können.
    LG, ‚Franka‘

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    • Elvira schreibt:

      Heute muss ich so oft an all die vielen Kinder denken, die in Syrien verwaist sind, an all die Kinder, die durch Krieg und Hunger alleine auf sich gestellt sind, abhängig von dem guten Willen der meistens auch hilflosen Erwachsenen. Und bei der Hilfe von außen geht es zunächst ums blanke Überleben, um Essen und Obdach. Wie geht es diesen jungen, zarten Seelen? Wohin flüchten sie sich, um all das aushalten zu können? Ja, mir haben Bücher geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar!

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  5. piri ulbrich schreibt:

    Als einjährige hatte ich TBC – ich kann mich nicht erinnern, weiß nur, dass ich oft an die See geschickt wurde. Vielleicht/Wahrscheinlich ist meine jetzige Lungenerkrankung auch eine Folge davon…
    Nachdem ich lese, was du durchgemacht hast, bin ich froh, dass ich das nicht mehr weiß. Bei den vielen Kuren haben mir Bücher auch sehr geholfen mich in Welten zu flüchten, die schön oder ganz anders waren.

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    • Elvira schreibt:

      Ich habe ja in der letzten Zeit öfter Atemwegsinfekte gehabt. Vielleicht sollte ich mal eine Reha an der See beantragen. Ach, davon könnte ich gleich träumen: lange Spaziergänge am Meer, alleine mit mir und meinen Gedanken. Aber daraus wird wohl leider nichts.

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  6. Ulli schreibt:

    danke Elvira für diese sehr persönliche Geschichte, du meine Güte, was für eine lange Zeit du ohne deine Familie hast zubringen müssen!
    Ich habe mal als Kind eine Freundin im KH besucht, die sich ein Bein gebrochen hatte und betete fortan jeden Abend, dass ich bitte nie in einem KH liegen muss, musste ich dann als Kind auch nie, erst später, aber da war ich schon erwachsen und konnte es gut verkraften …
    war das eigentlich auch der Grund, dass du als Kind nach Norwegen kamst? na, wir werden es ja erfahren …

    geht es dir denn nun wieder besser?

    herzliche Grüße
    Ulli

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  7. Gudrun schreibt:

    Oh das ist eine lange Zeit, so alleine als Kind. Das habe ich zum Glück nicht erleben müssen. Ich hatte eine bulgarische Schauspielerin im Zimmer. Wir verstanden die Sprache des anderen nicht, aber abends, wenn es duster wurde spilete sie mir Schattenspiel-Märchen vor. Und ich schlief ein. Es ist immer gut, wenn man jemand hat, an den man sich anlehnen kann. Es ersetzt nicht die Familie und Freunde, aber es gibt ein ganz kleines bissel Wärme und Geborgenheit.
    Liebe Grüße von der Gudrun

    Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich, gell?

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  8. scratchysgarden schreibt:

    Weißt du was ich dachte beim Lesen? Welch Glück dass du diese Krankheit 1960 und nicht 2014 bekommen hast. Wenn man so über diese multiresistente Form liest, dann kann einem grausen. Ich musste auch an meine Kinderzeit mit Blinddarm im KH denken, damals noch ein unglaublich langer Aufenthalt im Gegensatz zu heute und kaum Besuch. Hat man den Kindern damals einfach mehr zugemutet?

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    • Elvira schreibt:

      Ja, das hat man wohl. Wenn Du alleine daran denkst, wie selbstverständlich Kinder schon früh mit anpacken mussten. Bei uns sicher nicht in dem Ausmaß wie das heute in anderen Ländern geschieht. Manchmal denke ich mir, dass wir heute sehr ausgiebig darüber nachdenken, was einer Kinderseele schaden könnte. Wir denken so lange darüber nach, dass wir kaum mitbekommen, wie es dem Kind gerade geht. Ein gesundes Mittelmaß sollte man schon suchen. Ich hoffe sehr, dass mir ein Krankenhausaufenthalt lange erspart bleiben wird. Wie viele Patienten anschließend mit MRSA zu uns in die Praxis kommen, ist erschreckend.

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