Ab in die Kinder-Klinik

Nach meiner Entlassung aus Heckeshorn kam ich in die Prinzregent-Luitpold-Kinder-Klinik nach Scheidegg im Allgäu. Es war das erste Mal, dass ich mir die trennende Glasscheibe und das Telefon zurück wünschte. Denn hier fühlte ich mich ganz alleine. Ein Kind unter vielen, vielen anderen Kindern, ohne Eltern. Vielleicht fiel mir das alles so schwer, da ich in den beiden Jahren vor meiner Erkrankung die schönste Zeit meines Lebens hatte. Den Sommer 1959 und die Sommerferien 1960 verlebte ich bei meinen Gasteltern in Norwegen. Dort fühlte ich mich geborgen und rundum glücklich. Es war eine Zeit wie in Lindgrens Bullerbü. Die Krankheit schnitt mich von all dem ab.
Die Klinik im Allgäu hatte einen katholischen Träger. Ich kann mich nicht erinnern, ob die Trachten der Schwestern Ordens- oder Schwesterntrachten waren. Vermutlich war es Ordenskleidung. Auch an den Alltag erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nicht, wie das Zimmer aussah, wann wir aufstehen mussten oder was es zu essen gab. Auch an den Schulunterricht habe ich keine Erinnerung mehr. Aber es gibt Geschehnisse, die sich tief eingegraben haben in mein Gedächtnis.
Ich erinnere mich daran, wie traurig ich darüber war, das zweite Mal weder Weihnachten noch Geburtstag zu Hause feiern zu dürfen. Das Weihnachtsfest im Allgäu werde ich nie vergessen. Alle Kinder versammelten sich in einer großen Halle. Einige der Kinder wurden in ihren Betten in den Saal geschoben. Bis auf die bettlägerigen mussten alle anderen Kinder stehen. Vorne auf einer Bühne saß der Weihnachtsmann, neben ihm stand ein schwarzer Mann, der Knecht Ruprecht. Er hatte eine Liste in der Hand und rief die Kinder nach vorne, die noch am Daumen lutschten. Ich versuchte, mich hinter einem größeren Mädchen zu verstecken, denn ich lutschte auch noch am Daumen. Mir wurde heiß und ich hatte furchtbare Angst. Wie beschämend musste es sein, durch die Gasse zu schreiten, die die anderen Kinder dem Sündenbock freimachten, damit er bis ganz nach vorne zu diesem angsteinflößenden Mann gehen konnte. Ich wurde nicht aufgerufen! Am Daumen habe ich dennoch lange genuckelt. An alles andere rund um Weihnachten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich weiß nicht mehr, was ich geschenkt bekam. Denn das aller-allerschönste Geschenk war der Besuch meines Opas. Er muss wohl mit dem Zug angereist sein, denn ein Auto besaß niemand in der Familie. Wie lange er bei mir blieb, weiß ich auch nicht mehr. Aber wir sind viel im Schnee spazieren gegangen, und er hat mir wieder vorgelesen. Das habe ich so geliebt. Das Lesen und seinen Geruch nach Zigarre. Auch heute noch drehe ich mich reflexartig um, wenn ich eine bestimmte Sorte Zigarre rieche. Aber das ist selten. Kaum jemand raucht noch diese dicken Stängel. Es war schrecklich, als mein Opa wieder wegfahren musste. Die Einsamkeit wurde noch erdrückender. Später erzählte mir meine Mutter, wie gerne sie mich besucht hätte. Aber sie konnte unmöglich meinen beiden jüngeren Brüder alleine lassen. Ich kann ihre Situation verstehen, aber ich hätte alles in Bewegung gesetzt, um mein Kind, von dem ich so lange getrennt sein muss, wieder zu sehen. Ich konnte auch nie verstehen, wie sie es fertig bringen konnte, mich zweimal zu völlig fremden Menschen in ein anderes Land zu schicken. Dass es die schönste Zeit meiner Kindheit wurde, spielt dabei keine Rolle. Es hätte ja auch die Hölle werden können.
Ein schönes Fest war der Fasching. Meine Tante, eine Schneiderin, nähte mir ein Kleid aus goldfarbenem Taft, über und über mit künstlichen Blumen besetzt. Dazu gab es eine goldene Krone. Ich war eine Blumenkönigin und fühlte mich gut in dieser Verkleidung.
Ein trauriges Fest wurde Ostern. Ich muss vorab noch sagen, dass ich immer ein sehr stilles und braves Mädchen war. Kurz vor Ostern sagte eine Schwester zu mir, dass ich leider noch nicht nach Hause dürfe, weil ich nicht artig gewesen wäre! Für mich brach in diesem Moment nicht nur meine mühsam aufrechterhaltene Welt zusammen, denn ich wusste nicht, was ich Unrechtes gemacht haben könnte. Es war der Moment, von dem an ich immer genauestens darauf achtete, so brav zu sein, wie es von mir erwartet wurde.
Eine andere Erinnerung: Während meines Aufenthaltes musste mir ein Backenzahn gezogen werden. Ein älteres Mädchen begleitete mich durch mehrere Kellergänge zum Zahnarzt. Wieder einmal hatte ich furchtbare Angst und begann unterwegs zu weinen. Der Zahn wurde gezogen, nachdem ich etwas Äther einatmen musste und somit nicht viel von der Prozedur mitbekam. Ganz genau weiß ich noch, wie ich das Mädchen, das mich auch wieder zurück begleitete, immer wieder fragte, ob sie nicht auch geweint hätte, wenn sie noch so klein wie ich gewesen wäre. Sie solle es doch bitte niemanden erzählen. Aber genau das hat sie gemacht. Und ich habe mich geschämt.
Einmal haben wir einen Film sehen dürfen. Freddy, die Gitarre und das Meer. Ich habe Freddy geliebt. Jeder Tagtraum handelte davon. Ich stellte mir vor, ich wäre das Waisenkind, das mit ihm nach Kanada fahren darf. Wie ein Waisenkind fühlte ich mich schließlich. Manchmal glaubte ich, dass ich nie wieder nach Hause käme. Dass diese Krankheit, die vielen Medikamente, die Untersuchungen, dass das alles gar nicht wahr wäre. Ich fühlte mich gefangen, ausgesetzt, minderwertig.
Sicher gab es schöne Momente. Bestimmt waren die meisten Schwestern, Ärzte und Kinder nett. Wahrscheinlich habe ich auch gelacht und Spaß gehabt. Aber davon ist nichts in mir zurückgeblieben.
Ein Foto habe ich nur noch (es sei denn, die anderen finden sich doch noch an). Auf diesem Foto sitze ich auf einem Krankenbett, eine Puppe im Arm. Auf dem Nachttisch steht ein Adventskalender. Das Foto hat kein Datum, was auch unerheblich ist. Denn zwei Weihnachten, 1960 und 1961, verbrachte ich in Kliniken.
mit puppe

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11 Antworten zu Ab in die Kinder-Klinik

  1. vivilacht schreibt:

    liebe Elvira, es ist eine schwere Erinnerung, ich finde es gut, dass du es niederschreibst, das kann dir auch helfen, nicht verstehen, aber doch nochmals damit zum umgehen. Es ist sehr schwer zu verstehen, warum Eltern einen nicht besuchen kommen, warum man sich so allein fuehlen muss. Antworten habe ich natuerlich keine, und die erwartest du ja auch nicht. So eine Kindheit, mit Krankheit, mit viel allein sein, allein gelassen sein, das praegt einen sehr. Ich freue mich, dass es doch auch wenigstens etwas gab, worueber du dich damals freuen konntest. So kleine Lichter, an denen man etwas zehren kann.
    alles Liebe von mir und einen dicken Knuddler

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    • Elvira schreibt:

      Ich vermute, dass wir auch unseren Spaß hatten in den Krankenhäusern. Kinder sind ja auch sehr anpassungsfähig. Diese Zeit war sich Thema in meiner Analyse und hat wirklich sehr geholfen, viele meiner Ängste und Unsicherheiten zu verstehen und somit auch zu überwinden.
      Liebe Grüße an Dich!
      Elvira

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  2. perlengazelle schreibt:

    Eine traumatische Erfahrung für ein Kind. Ich denke, dass in den sechziger Jahren rigoroser mit Kindern umgegangen worden ist. Sie wurden verschickt, allein in die Fremde, und kaum jemand kümmerte sich darum, wie es ihnen seelisch erging. Niemand dachte darüber nach, dass die Anwesenheit der Eltern vielleicht auch den Krankheitsverlauf hätte abkürzen können … das Immunsystem hätte stärken können.
    Heute versucht man es anders. In Essen gibt es zum Beispiel ein Elternhaus in der Nähe des Uniklinikums, damit Eltern von außerhalb eine Möglichkeit zum Wohnen haben, in der Nähe ihrer (krebs)kranken Kinder. Das gibt ihnen auch die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen oder mit den Kindern – sofern sie kräftig genug sind – auch mal die Klinik zu verlassen.

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    • Elvira schreibt:

      Mein älterer Sohn war um sieben Jahre alt, als er einer Nierenbeckenentzündung wegen ein paar Tage im Krankenhaus verbringen musste. Auch ich konnte damals nicht bei ihm bleiben, habe ihn aber jeden Tag besucht. Sein kleinerer Bruder wurde derweil von den Taufpaten verwöhnt. Abends war er aber immer wieder bei uns zu Hause. In der Zeit habe ich erleben müssen, dass es einige Kinder im Krankenhaus gab, die nie Besuch bekamen. Im Spielzimmer habe ich ein paar der Kinder mit in unser Spiel einbezogen oder ihnen vorgelesen. Mein Sohn hat keine schlechten Erinnerungen an die Zeit.
      Wie ich gestern oder vorgestern schon schrieb, muss ich gerade sehr viel an die Kinder denken, die durch Kriege als Waisen in Lagern sind und all die Kinder, die weltweit ausgebeutet werden. Ich wünschte so sehr, dort helfen zu können.
      Liebe Grüße von Elvira

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  3. Gudrun schreibt:

    Manchmal tut es einfach gut, sich Belastendes von der Seele zu schreiben.
    Manche Erwachsene sind so gedankenlos, wenn sie mit Kindern umgehen. Eine Erzieherin in meinem Kindergarten vor vielen Jahren stellte mich vor die Liege, weil ich nicht so gerne schlief. Ich sollte stehen, die Augen zumachen und so, im Stehen, schlafen. Wie sollte das gehen? Der noch größere Ärger war vorprogrammiert.
    Du bist viel sensibler und es war auch eine verdammt harte Zeit für dich. Ich bin einfach ausgerissen aus dem Kindergarten, aber wo solltest du hin? Bestimmt gab es medizinische Gründe, dass du länger bleiben musstest, aber es so zu begründen? Schlimm.
    Kinderseelen sind so verletzlich.
    Liebe Grüße von der Gudrun, die dich jetzt einfach mal drücken würde, wenn sie könnte.

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    • Elvira schreibt:

      Es ist schon merkwürdig! Diese Zeit war lange Thema in der Therapie und schien gut verarbeitet zu sein. Dennoch ist durch dieses Schreiben noch etwas anderes geschehen. Ich habe Abstand gewonnen. Ich sehe mir dieses Kind auf den Fotos an und erkenne es eigentlich nicht, ebenso wenig wie meine Eltern oder meine Oma. In Erinnerung geblieben sind sie mir so, wie sie in ihren alten Jahren waren. Und so kann ich alle mit diesem zärtlichen Abstand betrachten, der überhaupt nicht schmerzt.
      Liebe Grüße an Dich und danke fürs virtuelle drücken.

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  4. piri ulbrich schreibt:

    Mir blutet das Herz, wenn ich dein Schicksal lese. Ich kann nicht mehr schreiben (((Elvira)))

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    • Elvira schreibt:

      Es war eine Zeit von vielen Zeiten in meinem Leben. Es gab gute, weniger gute und wirklich schlechte. Zu den wirklich schlechten Zeiten gehört diese noch nicht. Aber sie war nicht einfach und ich frage mich heute, wie überstehen Kinder noch viel schlimmere Wochen, Monate oder Jahre? Kinder sollten überall auf der Welt Liebe und Geborgenheit erfahren – aber davon sind Millionen Kinder meilenweit entfernt. Ds tut mir weh!
      Danke fürs Drücken und liebe Grüße an Dich!

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  5. Ulli schreibt:

    liebe Elvira,
    während des Lesens wuchs ein Kloß in meinem Hals und ich habe zunächst überlegt, ob ich überhaupt liken will, aber doch, will ich. Weil ich es klasse finde, dass du deine Erinnerungen, die schwer für dich wiegen müssen, mit uns teilst! Danke dafür …
    Wie grausam doch diese Zeit war, allein, dass du hören musstest nicht brav genug gewesen zu sein und dann noch der Alptraum mit Knecht Ruprecht, vor dem ich mich auch immer sehr gefürchtet habe. Vier Jahre lang musste ich diesen schwarzen Mann aushalten, wenn er, mit einer schweren Eisenkette rasselnd, die er hinter sich herzog, über die Schulgänge schritt und unserem Klassenzimmer immer näher kam … aber auch vor dem Nikolaus selbst fürchtete ich mich, denn ich war nicht immer ein braves Mädchen und er sollte doch alles sehen können und was nur stand in seinem goldenen Buch, würde Ruprecht mich mit der Rute hauen?

    Es ist bestimmt sehr schwer so lange Zeit ohne die Eltern, die Geschwister, die Großeltern zu sein. Ach (((Elvira)))

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  6. Elvira schreibt:

    Ich kannte Knecht Ruprecht bis dahin nicht. Zu uns kam der Weihnachtsmann, der zwar auch eine Rute dabei hatte, aber überhaupt nicht angsteinflößend war. Wie furchtbar muss es sein, wenn man wirklich etwas ausgefressen hat und ganz sicher glaubt, dass Knecht Ruprecht das weiß. Und wenn einem Glauben gemacht wird, dass am Daumen nuckeln etwas Schlimmes ist. An das Nuckeln erinnere ich mich noch ganz genau. Es fühlte sich einfach gut an. Ich frage mich heute, wie viele kleine Kinder in der Zeit wieder zu Bettnässern wurden und wie damit umgegangen wurde.
    Herzliche Grüße an Dich und Danke fürs Drücken!

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  7. leonieloewin schreibt:

    Liebe Elvira, ich finde es mutig, dass Du alle diese Erinnerungen, die sicher auch sehr belastend für Dich sind, aufgeschrieben hast. Wie schwer das alles. Ich vermag es mir kaum vorzustellen. Ganz liebe Grüße Leonie

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