Zeugnis ablegen

kann viel heißen. In meinem Fall geht es um zwei Schulzeugnisse und Einträge in meinem Poesiealbum. Diese Dokumente haben mir sehr geholfen, die Zeitspanne meiner Erkrankung und der Rekonvaleszenz zu recherchieren. Dass ich lange krank war, wusste ich, wie lange das wirklich war, wurde mir hierbei erst so richtig bewusst.

Das erste Zeugnis ist aus der ersten Klasse und sagt nur aus, dass bei der stillen und stets freundlichen und höflichen Schülerin eine Beurteilung nicht möglich ist, da sie seit dem 24.10.1960 erkrankt ist. Fehltage: 116. Das zweite Zeugnis ist aus der Kinderklinik im Allgäu, ausgestellt am 1.2.1962 für das Schuljahr 61/62. Die Kernaussage ist, dass die Schülerin viel Unterricht versäumt hat und eifrig nachholen muss. Das Betragen der stillen Schülerin verdiene Lob. Dann  Zensuren: in deutscher Sprache (2), Schrift (3), Heimatkunde (2) und Rechnen (3). Interessant fand ich, dass das Zeugnis zu meinen Eltern geschickt wurde und von meiner Mutter am 20. Februar unterschrieben wurde. Ob es dann wiederum in die Klinik gesandt wurde, weiß ich nicht. Denn ich war ja noch bis nach Ostern dort.

Die Einträge aus meinem Poesialbum habe ich gescannt.img062 img059 img060 img061

Am liebevollsten ist sicher der Eintrag mit der Zeichnung, einfach der Mühe wegen, die sich Frl. Kristin gemacht hat. Am klügsten aber ist das Zitat von Frl. Heidi. Ahnte sie, wie ich mich entwickeln würde? Dass ich stets auf das Gerede der Leute achten, alles ernst nehmen und auf mich beziehen würde? Dass ich abhängig werden würde von dem Wohlwollen meiner Mitmenschen, ihre Liebe und Zuneigung messen würde an ihren Worten? Und immer bei mir die Schuld suchen würde, wenn es an den wohlwollenden oder liebenden Worten mangelte? Leider habe ich diesen Spruch Morgensterns als Kind nicht verstanden. Nicht als Teenager, nicht als junge und nicht als älter werdende Frau. Erst als ich auf die 50 zuging, erschloss er sich mir – ohne dass ich ihn bis dahin jemals wieder gelesen hätte. Als er mir jetzt in die Hand fiel, dachte ich, wie gut, dass ich nicht mehr alles so ernst nehme, was meine Mitmenschen so sagen. Und dass ich gelernt habe, mit ihnen darüber zu sprechen, wenn es mir wichtig ist und sie mir wichtig sind.
Man soll nicht zu oft in die Vergangenheit sehen, höre ich immer wieder. Und doch ist es dort geschehen, wie wir zu dem wurden, was wir heute sind. So viele Menschen haben Dinge zu uns gesagt, die uns geprägt haben, die wir ernst nahmen, und die doch nur so dahergeschwätzt wurden. Aus Unüberlegtheit oder um die kleinen Schutzbefohlenen zu ärgern oder gar zu quälen. Versprechen wurden gegeben, aber nicht eingehalten. Tröstende Worte sollten es sein, an die man sich klammerte, voller Hoffnung, und die doch nur leerer Trost waren.
Was ich daraus für eine Lehre zog, war die Gewissheit, niemals ein nicht einzuhaltendes Versprechen zu geben und niemals meine Kinder zu belügen. Manche Wahrheiten sind schwer zu ertragen, aber viel, viel besser als Lügen, wenn man sie als solche erkannt hat und den Vertrauensbruch, den sie bedeuten.

Dieses Kapitel meiner Lebensgeschichte möchte ich hier beenden. Einen Nachtrag wird es aber geben, wenn sich die Fotos wieder anfinden. Jetzt aber gehen wir ins wohlverdiente Wochenende. Ich wünsche euch allen sonnige Tage, werdet und bleibt gesund, kommt gut an, wo immer euch eure Reise auch hinführen mag!

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7 Antworten zu Zeugnis ablegen

  1. vivilacht schreibt:

    Ich finde es auch sehr gut, dass man den Kinder lieber die Wahrheit sagt, dass man Versprechen haelt, oder es eben nicht verspricht.
    Mein Sohn hatte mir immer gesagt, als er ungefaehr 6 war, aber Mami, du hast es versprochen, obwohl er genau wusste, dass ich nur ein „vielleicht“ gesagt hatte, aber er wusste ganz genau, dass auch ich Versprechen halte

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  2. Ulli schreibt:

    Liebe Elvira, ein bisschen beneide ich dich, dass du noch deine Poesiealben hast, bei mir verschwanden sie schon in meiner ersten WG, als ich sie, zusammen mit anderen Schätzen, in einen blauen Sack vor meine Türe stellte, dummerweise genau neben die mit dem Bauschutt und fauler Weise habe ich ihn nicht gleich auf den Speicher getragen, sondern fuhr in die kleine Stadt zum WE-Einkauf, in dieser Zeit fuhren andere unserer WG zur Mülldeponie 😦

    das Bild von Frl. Kristin mag ich sehr und das Gedicht von Christian Morgenstern auch-
    Lügen, das ist so ein besonderes Thema, ich hatte aufgrund meiner Geschichte auch den Vorsatz meine Kinder nie anzulügen, was ich auch nicht tat, aber später fragte ich mich dann doch, ob ich sie mit meiner Wahrheitsliebe nicht auch so manches Mal überfordert habe …

    herzlichen Dank für deinen Ausflug in diese schwere Zeit, der bei mir doch so einiges an Erinnerungen hoch gespült hat

    herzliche Grüße zum WE
    Ulli

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  3. leonieloewin schreibt:

    Danke für das Zeigen der alten und so persönlichen Dokumente. Ich wünsche auch Dir ein schönes Wochenende Leonie

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  4. piri ulbrich schreibt:

    Weißt du Elvira, wir dürfen Kinder nicht als kleine Erwachsene sehen, aber für dumm verkaufen, dürfen wir sie auch nicht. Kinder wissen mehr, als wir ahnen und merken sich mehr, als uns lieb ist.

    Wenn ich dein Poesiealbum so anschaue, bedaure ich sehr, dass ich selber nie eins hatte – ich fand es damals total albern! Jetzt hätte ich gerne diese Erinnerungen…

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    • Elvira schreibt:

      Heute sind diese Alben ja standardisiert. Da gibt es eines für die Freunde aus der Kita, dann die für die Schulfreunde. Die Texte sind vorgegeben, müssen nur noch ergänz werden mit Namen u.s.w. Auch wenn früher in jedem Poesiealbum so ziemlich dieselben Sprüche eingetragen wurden („Ehre die Mutter, so lange sie lebt, wenn sie gestorben ist, ist es zu spät“ oder „Rosen Tulpen Nelken, alle Blumen welken, nur die eine welket nicht, und die heißt Vergissmeinnicht“ war inj edem Album) so haben sich die Kinder doch viel Mühe gegeben. Meistens wurde noch gezeichnet oder eine Oblate eingeklebt (gibt es Oblaten heute noch? Hach, wie haben wir die gesammelt, aber das ist ein anderes Thema).

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  5. Franka schreibt:

    Ob das jetzt eine Art Aufarbeitung ist /war? Wenn ja, wäre das ja gut für dich.

    Eine Zeitlang habe ich die Tatsache abgelehnt, dass wir in der Kindheit sehr stark geprägt werden (jeder ist seines Glückes Schmied). Wenn ich aber bedenke, was ich gerade lese (Buch), dann sind die Einflüsse anscheinend doch sehr stark und da hilft vielleicht doch der Blick in die Vergangenheit, um einiges zu lösen. Ich wünsche dir eine schöne, für dich gute Auszeit. ♥

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    • Elvira schreibt:

      Nein, eine Aufarbeitung war das jetzt nicht mehr. Das wurde vor längerer Zeit schon erledigt. Es wurde nur gerade zum Thema während meiner Erkältung und durch das intensive Nachdenken über das Auf- und Ausräumen.

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