Lesestoff

„…Das Gelände der Psychiatrie, in der ich aufwuchs, und auch die außerhalb der Anstaltsmauern liegenden Gärten, Häuser, Straßen und Gebüsche waren wie verändert, und ich entdeckte lauter Dinge, die mir in Begleitung meiner Mutter oder meiner Brüder noch nie aufgefallen waren. Ich machte etwas größere Schritte und kam mir unglaublich erwachsen vor. Dadurch, dass ich ein Einzelner war, vereinzelten sich auch die Dinge um mich herum….

…An der Hand meiner Mutter hatte ich meist vor mich hin geträumt oder mit ihr geredet und mich, nie auf den Weg achtend, zur Schule bringen lassen wie einen Brief zum Briefkasten….

…Es gibt Tage, die sind so vollgestopft mit großen Ereignissen, dass das Erinnerungsnetz immer engmaschiger wird und schließlich lauter unbedeutende Dinge mit herausfischt, die eigentlich für das Vergessen prädestiniert wären. Wie Schmarotzer saugen sich diese nichtigen Begebenheiten an den Sensationen fest und überdauern so die Zeit, hängen wie Misteln an Hochzeiten und Begräbnissen…

…Mein Vater studierte den Prospekt weiter von seiner Seite aus. Ich stützte die Hände auf die Knie und beugte den Kopf vor. Ganz langsam hob da mein sitzender Vater die Werbung in die Höhe. Die papierne Trennwand fuhr nach oben und unsere Gesichter waren direkt voreinander. Da, wo eben noch die Frau den Zaun gepinselt hatte, war jetzt das vertraute Vatergesicht. Wir lachten, und wie ein Magier ließ er den Prospekt wieder sinken…“

Ein sehr bemerkenswertes Buch von Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich so, wie es nie war“. Hier gibt es eine ausführliche Rezension. Natürlich ist es zum einen der Ort, an dem der Autor aufwuchs, der viel Schreib- und Lesestoff bietet: Mitten auf dem Gelände einer großen Kinder- und Jugendpsychiatrie wohnte er mit seinem Vater, dem Direktor der Einrichtung, seiner Mutter und zwei älteren Brüdern. Zum anderen ist es die Sprachgewandtheit des Autors, die mich beeindruckt, das Schaffen neuer Wortgebilde und sein feiner Humor. Und dann ist da noch dieser unverfälschte Blick auf die Menschen, unter denen er aufwuchs, deren Anderssein er so völlig normal aus kindlicher Perspektive beschreibt. Ich habe  vielleicht erst ein Drittel gelesen, kann das Buch aber nur schwer aus der Hand legen. Nur ein Päuschen für diese Empfehlung habe ich mir genommen.

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Eine Antwort zu Lesestoff

  1. Frau Momo schreibt:

    Das Buch ist auch schon auf meinem Reader, ebenso wie das zweite von ihm, hab es aber bisher nur angelesen

    Gefällt mir

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