Dinosaurierära

img073Diese Karte habe ich heute in einem Karton mit Glückwunsch-, Gruß- und Urlaubskarten im Keller gefunden. Alle geschrieben an meinen jüngeren Sohn und zwischen 30 und 15 Jahre alt. Meine älteste Enkeltochter feiert heute ihren fünften Geburtstag und dieser Anlass ist günstig, meinem Sohn diese Post aus der Vergangenheit zukommen zu lassen. Dabei sind auch Geburtstagseinladungen aus Miniclubzeiten und den ersten Schuljahren, von den Kindern mit großem Eifer gemalt und gebastelt. Warum der Saurier auch dabei war? Nun, mein Sohn interessierte sich sehr für diese Tiere aus der Urzeit. Später hegte und pflegte er deren bedeutend kleinere Nachkommen(?), die sich in ihrem Terrarium sehr wohl fühlten (jedenfalls hatte das für uns den Anschein, denn sie fraßen gut und vermehrten sich auch). Ich saß einige Stunden am Tisch, sortierte und las die Karten. Besonders die meiner Mutter. In ihren geschriebenen Worten lag all die Liebe, die sie nur selten in gesprochene Worte fassen konnte. Mich überkam eine große Traurigkeit und die Sehnsucht nach ihr zerriss mir fast das Herz. Ist es gut, alte Post so lange aufzuheben?  Karten und Briefe haben noch einmal eine andere Qualität als alte Fotos. Sie sprechen uns ganz persönlich an, die Worte sind nur an uns gerichtet, nur für uns bestimmt. Ein Brief ist etwas sehr Intimes . Vieles lese ich heute anders als vor Jahren. Mir fallen Dinge auf, die zwischen den Zeilen stehen, Dinge, die ich, bedingt durch ein nicht ganz spannungsfreies Verhältnis zu meiner Mutter, früher überlesen habe. Oder überlesen wollte. Ich denke heute, dass auch ich ihr viel zu selten gesagt habe, wie sehr ich sie liebe. So wie ich mich nach diesen Worten von ihr sehnte, hat sie sich nach meinen gesehnt. Auch wenn wir in unseren Herzen wissen, dass wir geliebt werden, müssen wir es ab und an auch hören. Und so kam es, dass ich mich plötzlich so fühlte, wie auf der Karte da oben so trefflich formuliert. Ich kann zu dieser Karte keine Quellenangabe machen (die Google-Bildersuche ergab keine Treffer) und auf der Rückseite der Karte steht nur der Name und die Adresse des Geschäftes, in dem ich sie gekauft habe (das war noch zu Zeiten der alten Postleitzahlen in 1000 Berlin 15). Was mir jetzt noch durch den Kopf geht ist die Frage, welche Post die Kinder von heute in 20 oder 30 oder noch mehr Jahren in ihren Kellern oder auf ihren Dachböden finden werden? Ich wünschte mir sehr, dass meine Karten und Briefe an meine Enkel von ihren Eltern aufgehoben werden. In unserem Nachlass werden sie auf jeden Fall die Karten finden, die sie uns (noch von den Eltern) geschrieben haben. Wer weiß, ob sie das in Zeiten von FaceTime, Skype und elektronischer Post später noch machen werden. Aber ich hege die große Hoffnung, dass das Schreiben von echten Karten und Briefen nie aus der Mode kommen wird.

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9 Antworten zu Dinosaurierära

  1. Ulli schreibt:

    ich gehöre auch noch zu der Spezies der Briefe- und Kartenschreiberin, möge dies bitte niemals aufhören!
    danke für deine bewegenden Zeilen
    Ulli

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  2. leonieloewin schreibt:

    Du hast so Recht. Gut, dass Du alles für Deine Kinder und Enkelkinder aufgehoben hast. Ich gehöre zu denen, die nicht so viel aufheben können oder wollen. Doch dafür sind die mir verbliebenen Erinnerungen für mich umso wertvoller. liebe Grüße und einen schönen Sonntagabend Leonie

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    • Elvira schreibt:

      Ich hebe auch nicht alles auf. Nur aus den ersten Kinderjahren waren mir die meisten Dinge wichtig. Ich sehe das daran, wie gerne ich mir heute z.B. mein uraltes Poesiealbum anschaue und mir wünschte, doch noch etwas mehr aus meiner frühen Kindheit zu besitzen.

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  3. Hallo Elvira 🙂
    Ich hebe meine Post auf. Bin auch selber eine Briefe und Kartenschreiberin.
    Vor einigen Tagen erst fand ich die Postkarten, die mein verstorbener Mann vor 16 Jahren aus der Kur an seine Kinder geschickt hatte. Meine Tochter war ganz gerührt, als ich ihr die Karten gab.
    Ich habe auch noch einen Riesenstapel Geschenkgutscheine für Abwaschen und Staubsaugen … *grins*
    Vielleicht sollte ich die mal einlösen …;)
    Grüßli

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    • Elvira schreibt:

      Ach, ja, die Gutscheine der lieben „Kleinen“. Ich habe auch ein paar wirklich lieb gemeinte, aber schwer einlösbaren der lieben „Großen“. Manchmal würde ich die ganz gerne entsorgen, denn sicher machen die ein schlechtes Gewissen, wenn sie im Nachlass gefunden werden. Aber wer weiß, vielleicht verwirklicht sich die Einlösung des eine n oder anderen doch noch. Ich glaube, die Briefe und Karten unserer verstorbenen Liebsten sind dann noch einmal wie ein Gruß aus der Vergangenheit.

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  4. Frau Momo schreibt:

    Leider ist meine eh nie schöne Handschrift durch das dauernde alles am PC schreiben noch unlesbarer geworden….. ich gestehe, ich bin schneller mit einer Mail zur Hand, als das ich einen Brief schreibe. Leider

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  5. perlengazelle schreibt:

    Nicht zu vergessen die Liebesbriefe, -karten, -zettelchen. 🙂
    Im Nachlass meiner Oma finden sich noch Briefe meines Onkels. „Schick mir bitte Kuchen.“ Und „Der Willi schreibt gar nicht.“ Als 18jähriger musste der Onkel in den Krieg ziehen. Willi war sein jüngerer Bruder – mein Vater. Dann Briefe vom Suchdienst des Roten Kreuzes. Er war vermisst. Erst Vermutungen, dann traurige Gewissheit: Der Onkel ist in Russland umgekommen, verhungert wahrscheinlich. Mein Vater war ein weißer Jahrgang und ist davon gekommen.

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    • Elvira schreibt:

      Bis soweit zurück gibt es in unserer Familie keine schriftlichen Zeugnisse. Ich bin schon froh, wenn ich es schaffe, wichtige Daten wie Geburts- und Sterbedatum noch nicht zu lange verstorbener Tanten und Onkel zu bekommen. Es gibt nur noch einen Verwandten, der mir Auskünfte geben kann, der Bruder meiner Mutter – dann ist da niemand mehr vor mir.
      Liebesbriefe habe fast nur ich geschrieben, ich war eine sehr romantische Seele. Ich glaube, einige waren sich sehr peinlich – aber zu ihrer Zeit (und meinen Gefühlen) passend.
      Ich habe nie ein Buch gelesen, das ausschließlich aus Briefwechseln besteht, was sicherlich ein Versäumnis ist.

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      • Hallo Elvira 🙂
        Ja, das ist ein Versäumnis.
        Empfehlen könnte ich: 1.) „84, Charing Road“ eine Freundschaft in Briefen von Helene Hanff.
        2.) „Die Mittwochsbriefe“ ein Roman von Jason Wright Der Roman besteht jedoch nicht ausschließlich aus Briefwechsel. Der spielt jedoch eine bedeutende Rolle.
        Liebe Grüße zum Wochenende 🙂

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