Eine Kuh macht Muh

viele Kühe machen Mühe. Jedenfalls war das auf dem Bauernhof, auf dem wir in unseren Urlauben die frisch gemolkene Milch holten, eine wirklich mühsame Arbeit. Durch den Kommentaraustausch mit Eva angeregt, habe ich meine gescannten Dias durchforstet und  auch Fotos dieses Hofes in Bayern gefunden. In all den Jahren gehörte der Spaziergang über die „Milchstraße“ zum allabendlichen Ritual.

Immer wieder erstaunt es mich beim Ansehen alter Fotos, wie häufig ich Frisur und Figur gewechselt habe. Warum hat mir bloß niemand diese Wagenradsonnenbrille ausgeredet?

Dass meine große Liebe den Katzen gehört, wird durch die Bilder auch belegt – einen Hund sucht ihr vergebens.

Ach, ja, Ziel dieser Urlaube war das Feriendorf Grafenau. Ich kannte es schon aus meiner Kindheit. Meine Eltern waren finanziell nicht in der Lage, für sich und ihre vier Kinder gemeinsame Reisen zu finanzieren. Da war dieses Dorf, erbaut für Westberliner ärmere Familien aus Mitteln der Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“, die einzige Möglichkeit, als ganze Familie zu verreisen. Überwiegend wurden wir Kinder aber verschickt. Als unser erster Sohn geboren wurde, wollten wir kindgerechte Urlaube verbringen und mir fiel Grafenau wieder ein. Außerhalb der Schulferien standen die Feriendörfer auch besser verdienenden Familien mit noch nicht schulpflichtigen Kindern und Senioren zur Verfügung. Jedes Jahr kamen meine Mutter und ihr Lebensgefährte für ein paar Tage zu Besuch.

In einem Jahr fuhr sogar meine Oma und ihr Mann mit uns gemeinsam nach Grafenau.  Die Anfahrt erfolgte mit Sonderzügen ab Bahnhof Zoo. Das war für alle Kinder schon ein abenteuerlicher Start. Jeder Familie standen, je nach Anzahl der Familienmitglieder, ein oder zwei Zugabteile zur Verfügung.

Oft wurden während dieser Fahrt die ersten Freundschaften geschlossen, denn die Reise dauerte ca. 12 Stunden. Allerdings fuhren diese Züge des nachts, so dass die Kinder einen Großteil der Fahrt verschliefen. Das hing aber auch davon ab, wie freundlich die Grenzkontrolleure der DDR waren. Die meisten kamen leise in die Abteile und schalteten nur das Notlicht für die Kontrolle der Ausweispapiere an. Manche polterten aber auch sehr laut durch die Gänge, so dass viele Eltern viel Mühe hatten, ihre aus dem Schlaf hochgeschreckten Kinder wieder zu beruhigen. Während dieser zwei Stops, während derer auch  die Lokomotiven gewechselt wurden, patrouillierten auf beiden Seiten des Zuges Grenzer mit Hunden. Es schien stets so, als ob ein kollektives Aufatmen durch den Zug ging, wenn dieser sich wieder in Bewegung setzte. Meine Nase erinnert sich noch ganz genau daran, wie es roch, wenn beim Halt in Deggendorf früh am Morgen die Fenster geöffnet wurden. Es roch nach Land, nach Freiheit, nach Ferien!

Wir haben diese Urlaube sehr genossen. Es gab keinen Großstadtstress. Im Feriendorf fuhren keine Autos, so dass die Kinder gefahrlos draußen spielen konnten. Die Eltern mussten nicht täglich kochen, da das Essen in den Gasthöfen sehr preiswert war. Und die Menschen waren sehr kinderfreundlich.

Der Abend der Abfahrt war für alle immer ein trauriger.

Vor zwei Wochen besuchte uns eine Freundin, die wir vor 34 Jahren in Grafenau kennen gelernt haben. Wir haben nach der Einschulung unserer Kinder keinen Feriendorfurlaub mehr machen dürfen. Auch die folgenden Reisen waren schön. Das Wandern im Hochgebirge, die Wochen an Nord- und später auch Ostsee, Holland, Kreta und die Türkei; aber für mich und meinen Mann waren die Grafenaureisen die schönsten Urlaube unseres Lebens.

Mein älter Sohn, der ja öfter dort war als der jüngere, brauchte nach den drei Wochen immer eine ganze Zeit, bis er sich wieder an das Stadtleben gewöhnt hatte. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum er in einer ländlichen Ecke Berlins ein Haus gebaut hat; zusammen mit anderen Familien, in einer dorfähnlichen Gemeinschaft. Auch dort fahren keine Autos, die Kinder können draußen spielen und sich gegenseitig besuchen. Nur Kühe gibt es keine!
Und wie immer gilt auch hier: Anklicken und die Bilder werden groß

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15 Antworten zu Eine Kuh macht Muh

  1. Eine schöner Bericht! Das erinnert mich sehr an unsere Kindheits-Urlaube … wir waren fünf Kinder. Und die Zugfahrt durch die DDR hätte ich auch so beschrieben. Unser Bauernhof war in St. Johann. 🙂

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    • Elvira schreibt:

      Unser war in Rosenau. Der Weg vom Feriendorf dorthin lässt sich vergleichen mit einer Höhenwanderung. Rechts und links waren Wiesen und Felder, die ins „Tal“ hinab führten. Wir sind einmal sehr spät abends, als es schon dunkel warm dort entlang gegangen und haben uns auf eine Bank gesetzt. Es war stockfinster und der Sternenhimmel war gigantisch. So etwas habe ich Jahrzehnte später erst wieder erlebt, unter einem völlig anderen Sternenhimmel am anderen Ende der Welt. Und dennoch würde ich viel darum geben, diesen ersten noch einmal mit dieser Intensität erleben zu dürfen.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  2. vivilacht schreibt:

    Ich war noch nie in Grafenau, obwohl ich gesehen habe, dass es gar nciht weit von Straubing liegt. Als Kind war ihc in den Ferien immer in Bad Wiessee, in einem Kinderheim. Da habe ich nur gute Erinnerungen.
    Als wir von der Schule einen Besuch in Berlin machten, da durfte ich (gerade noch) auch mit allen mit dem Zug fahren. Der ging ja damals auch noch durch die DDR. Da gab es auch die Grenzer mit den Hunden und da genau an diesem Tag der „6 Tage Krieg“ losging, hatte die Lehrerin sehr viel Angst, dass man mir vielleicht Schwierigkeiten machen koennte, trotz deutschem Pass. Ganz einfach wegen meines Namens. Aber alles ging glatt. Nur habe ich dann damals von Berlin nicht viel mitbekommen, da ich mit meinem Transistor rumlief um zu hoeren, was es in den Nachrichten gibt.
    Wir waren ja vor 9 Jahren dann 4 Monate in Berlin, da habe ich alles nachgeholt

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    • Elvira schreibt:

      Ich muss gerade an all die Kinder (und ihre Eltern, so sie noch welche haben) denken, die jetzt auf der Flucht sind – vor Krieg, vor Hunger, vor Krankheit. Wie dankbar müssen wir doch sein.
      Ich kam im Jahr nach dem Mauerbau nach langer Krankheit und Reha nach Berlin zurück. Verstehen konnte ich nicht, was da passiert war, ich war ja noch ein kleines Kind, aber das, was so in der Luft lag, war sehr bedrückend. Ich kann mir gut vorstellen, wie es Dir ergangen sein muss, weg von Zuhause, nur durch ein Radio mit dem Geschehen verbunden. Und immer noch kein Frieden.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  3. Ingrid schreibt:

    Was für wunderbare Erinnerungen. Danke fürs Teilhaben-Lassen. Ich erinnere mich auch an Campingurlaube, wo wir mit so wenig zufrieden und glücklich waren.
    Das mit den Frisuren kenne ich; ich wünschte, ich wäre damals bei einer geblieben, die mir stand. Es war bei mir noch extremer mit kurz und lang. Und diese Riesensonnenbrillen waren mal modern.
    Liebe Grüße, Ingrid

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    • Elvira schreibt:

      Mir kam beim Schreiben auch in den Sinn, mit wie wenig wir ausgekommen sind und doch rundherum zufrieden waren. Es gab nicht mal einen Backofen in der Küche der Feriendorfhäuser, dabei hatte ich extra eine Auflaufform mitgeschleppt, da Aufläufe ja immer ein schnelles Essen waren. Wir hatten drei Wochen kein Auto und waren nur zu Fuß unterwegs. Das Feriendorf liegt auf einer Anhöhe, steile Straßen mussten bezwungen werden. Dafür gab es tolle Kinderbuggys zu leihen. Da wir nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen konnten/mussten, haben wir sehr intensiv die Zeit miteinander genossen. Als die Kinder dann älter wurden (das letzte Mal war der Große sechs Jahre alt) haben wir natürlich auch Ausflüge mit der Bahn gemacht. Aber überwiegend waren wir in den Wäldern und Wiesen der Umgebung unterwegs.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  4. Eva schreibt:

    Beeindruckende Reisen ins einfache Leben und in die Vergangenheit. Man braucht – wenigstens mit kleinen Kinder – so wenig, um glücklich und zufrieden zu sein. Auch heute noch, finde ich.

    Es geht sicher nicht nur mir so, dass ich in Deinem Bericht Parallelen zu eigenen Reisen – sowohl als Kind als auch als Elternteil – finden kann. Auch Deine DDR-Grenzerfahrungen kommen mir vertraut vor … Geschichten, die einem wie aus der Zeit gefallen vorkommen, so viel ist passiert in all den Jahren.

    Lieben Gruß
    Eva

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    • Elvira schreibt:

      Sehr viel Gutes und auch ziemlich viel weniger Gutes. Der Fall der innerdeutschen Grenze ist für mich immer noch einer der guten Höhepunkte (hätte ich doch sonst nicht die Enkelkinder, die ich jetzt habe). Weniger gut daran ist, dass viele Menschen, besonders aus den neuen Bundesländern, auf der Strecke geblieben sind. Wie die Betriebe wurden auch sie irgendwie abgewickelt. Immer hat die Medaille zwei Seiten.
      Solche Reisen in die Vergangenheit haben für mich etwas Klärendes. Neben dem eher melancholisch geprägten Seufzer: „Ach, ja, war das schön“, steht auch stets der Satz: „Ja, das war schön! Wir hatten es doch wirklich gut!“ Und es hilft mir manches Mal, mich und meinen Mann wieder mit anderen Augen zu sehen, oder besser gesagt, durch die Augen der Frau, die noch nicht einmal dreißig Jahre jung war.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  5. wildgans schreibt:

    Dieses Familienurlaubsding zu betrachten hat mir sehr gefallen!
    Wir sind immer mit mindestens einer anderen Familie zusammen gereist, so dass wir manchmal auf bis zu 12 Kinder kamen. In die Hohe Tatra, in die Nähe einer Fußballschule in Skt.Peter Ording, in so ein Center Park-Ding an der belgischen Küste usw.- tja, daran hast Du mich jetzt erinnert…
    Danke. (Manchmal schaust Du aus, wie ein großes, leicht feministisches Latzhosenmädchen)-

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    • Elvira schreibt:

      Das war ich (auf den den ganz alten Bildern gerade mal 26)! Aber Männer mochte ich dennoch ganz gerne. Ich war in der Frauenfriedensbewegung. Aber nie in der dadürfenmännernichtrein-liga. Manchmal fühle ich mich heute wie ein HB-Männchen, wenn ich so Sprüche von 17jähriger Kollegin höre wie: Ich habe aufgehört zu rauchen, weil sich das für Mädchen nicht gehört. Rauchen aufhören: o.k., aber nur, weil ich ein Mädchen bin? Wofür bin ich auf die Straße gegangen??

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  6. Ruthie schreibt:

    1. Die Bilder sind einfach klasse!
    2. Du siehst hübsch aus!
    3. Die Brillen waren halt so – andere gab es grad nicht.
    4. Der Süße gefällt mir supergut! Ist das immer noch Dein Süßer?
    5. Latzhosen scheinen auch mal modern gewesen zu sein 😉
    6. Ihr habt einen ganz schönen Aufwand betreiben müssen, um Ferien genießen zu können…
    Toll, danke!

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    • Elvira schreibt:

      1. Leider konnte ich nicht alle retten. Einige Dias waren schon durch einen Pilz zerstört.
      2. Fand ich damals nicht – heute schon
      3. Die muss mir wohl gefallen haben
      4. Ich hab zwei Süße – oder meinst Du den mit Bart?
      5. Latzhosen waren damals auch ein politisches Statement.
      6. Wir haben immer drei Koffer vorgeschickt 😮 Es hatte ein kleines bisschen was von Abenteuerurlaub.
      Gerne!

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      • Ruthie schreibt:

        Nachdem sich hier wieder was getan hat, habe ich eine Benachrichtigung bekommen. Ich wusste, dass ich die Bilder kenne, aber dass der Beitrag schon wieder so lange her ist, hätte ich nicht gedacht!! Zu 4. Ja, ich meinte den mit Bart 😉

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  7. Simon graf schreibt:

    Uns gehört der hof bei dem die kuh aus dem fenster schaut
    Wissen sie zufällig von wann die aufnahmen sind?

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