Fremd

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Wie ist er hierher gekommen? Welche Odyssee liegt hinter ihm? Er erinnert sich noch sehr gut an seine Heimat. Und an seine Schwestern und Brüder. Nie war er alleine. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Ihm oblag es, im nahen Dorfladen die Einkäufe zu erledigen. War er damit fertig, durfte er sich wieder mit seinen Geschwistern treffen. Sie hingen sehr aneinander. Doch eines Tages wurden sie gewaltsam getrennt. Zunächst glaubte er noch, er dürfe wieder zurück. Aber seine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Nachdem ihm alles genommen wurde, was er an jenem Tag zu kaufen hatte, wurde er alleine zurückgelassen. Er wusste, dass seine Geschwister in der Nähe sein mussten. Ohne Hilfe aber konnte er sie nicht erreichen. Jugendliche machten sich einen Spaß daraus, ihn zu ärgern. Sie warfen ihn um, traten nach ihm und versteckten ihn schließlich in einem Gebüsch. Viele Tage und Nächte lag er dort. Einsam und voller Angst, sie würden wiederkommen. Kinder zerrten ihn schließlich hervor. Sie nahmen ihn mit. Noch weiter weg von seinen Brüdern und Schwestern. Er verstand nicht, was die Kinder von ihm wollten. Ihre Spiele waren ihm fremd. Und so verloren sie schnell das Interesse an ihm. Sie ließen ihn unter einem Baum zurück. Er beobachtete, wie die Blätter ihre grüne Farbe verloren. Waren sie krank? Er konnte sich das nicht erklären. Und plötzlich löste sich Blatt für Blatt. Sanft segelten sie durch die Luft und legten sich ihm zu Füßen. Ein bunter Teppich breitete sich um ihn aus. Seine Schönheit rührte ihn. Wie gerne würde er das seinen Geschwistern zeigen können. Aber etwas sagte ihm, dass er sie nicht wiedersehen würde. So steht er dort, allein in der Fremde. Wenn ihr ihn seht, überseht ihn nicht!

51,2 Millionen Menschen waren laut Uno-Flüchtlingshilfe bis Ende 2013 auf der Flucht. Auf der Flucht vor Hunger und vor Krieg. Menschen, die nichts weiter wollen, als ihr Leben und das ihrer Familien zu retten. Menschen, die durch Lebensmittel- und Bodenspekulationen um ihr täglich Brot gebracht werden. Menschen, die verhungern müssen, damit andere noch satter werden, die doch unersättlich sind. Menschen, die ihrer Religion oder ihrer Ethnie wegen verfolgt, vergewaltigt, gefoltert und getötet werden. Millionen Kinder, die ihre Familien verloren haben. Menschen, die sich nach langer Flucht in Sicherheit wähnen und feststellen müssen, dass sie nicht willkommen sind. Es ist an uns, das zu ändern!

 

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10 Antworten zu Fremd

  1. piri ulbrich schreibt:

    Ist das dein Text? Darf ich ihn beim Inklusionsabend benutzen? Er ist so stark!

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  2. leonieloewin schreibt:

    Beeindruckende Gedanken rund um den verlassenen Einkaufswagen – und wichtig. Liebe Grüße Leonie

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    • Elvira schreibt:

      Das Thema Flüchtlinge schlägt ja leider hohe Wellen. Gerade hier in Berlin zum Teil sehr negativ besetzt. Ich glaube, dass viele Menschen vergessen haben, was es heißt, auf der Flucht zu sein. Und noch mehr Menschen Flucht nicht kennen (wobei ich hoffe, dass das auch so bleiben wird). Wir, die wir Flucht vor Krieg und Hunger nicht kennen, können uns wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen, wie es den über 50 Millionen Menschen geht. Manchmal, wenn ich abends in mein kuscheliges Bett gehe, denke ich daran, dass es so viele Menschen gibt, die nicht in dieser Sicherheit leben können. Aber vorstellen, so richtig vorstellen, kann ich mir das nicht.

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  3. wildgans schreibt:

    Vorstellen kann ich mir das auch nicht. Intensiv hat dein Text „eingeschlagen“!

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  4. Gudrun schreibt:

    Ich kann es mir auch nicht vorstellen, aber jeder Gedanke daran dreht mir den Magen um. Ein elendes, flaues Gefühl. Und das einzige was Europa einfällt, ist die Grenze zu verrammeln und noch mehr Waffen zu liefern, die ganz bestimmt keine Probleme lösen. Warum keine Brunnen, Textilfabriken, Wasseraufbereitungsanlagen, Forschungseinrichtungen ….?
    Der deutsche Astronaut hat es bei seiner Ankuft auf der Erde schon irgendwie auf den Punkt gebracht. Die Erde ist schön anzusehen, hat aber ganz viel Schwarz drumherum und wirkt zerbrechlich. Es tut weh, von da oben Umweltschäden zu sehen und Kriege.

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  5. Ruthie schreibt:

    Es ist alles gesagt. Toller Text!

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