Manche Beiträge schreibt man heute anders

Ich wollte diesem Beitrag ursprünglich einen anderen Titel geben. Nicht nur der Titel hat sich geändert, auch der Inhalt dieses Posts. Die Überschrift hätte „Geköpft“ lauten sollen und weitererzählen wollte ich die Geschichte der Kopf hängenlassenden Monika. Ich habe sie am Mittwoch in die Puppenklinik gebracht. Dort wird sie ein bis zwei Wochen bleiben müssen. Frau Doktor Pille (mit der hatte die Puppenärztin allerdings überhaupt keine Ähnlichkeit) versprach die vollständige Genesung der „Großen Ursula“ (so heißt die Puppe von Schildkröt in Wirklichkeit). Bevor meine Puppe in den Reparaturkorb gelegt werden konnte, musste ihr der Kopf abgeschnitten werden. Die Frau, die das mürbe gewordene Gummiband durchschnitt, versicherte mir – ich muss wohl etwas entsetzt dreingeschaut haben – dass sie das nie tun würde, wenn Kinder dabei wären. Als ich diese Fortsetzung eben schon im Kopf vorformuliert hatte und die zuerst gewählte Überschrift eintippte, hat sich, als ich das Wort da geschrieben las, alles in mir dagegen gesträubt. Ich dachte an die Opfer der IS-Terroristen, an deren öffentliche Enthauptung, an die Trauer und die Ohnmacht der Angehörigen. Wie könnte ich das Vorgehen bei der Reparatur einer Puppe also so betiteln? Mir wird wieder einmal bewusst, wie schnell sich beim Schreiben Gedanken entwickeln und ursprüngliche Pläne verworfen werden müssen, wie schnell aus dem Beschreiben einer harmlosen Geschichte Fragen nach Respekt und Würde entstehen. Kann man, darf man, einfach noch unbedarft losschreiben? Wo hört die schriftstellerische Freiheit auf? Mir erschien es auf jeden Fall falsch, es fühlte sich nicht gut an. Vielleicht sollte dieses Gefühl das ausschlaggebende Kriterium dafür sein, was jeder für sich als richtig oder falsch definiert.

 

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15 Antworten zu Manche Beiträge schreibt man heute anders

  1. Ulli schreibt:

    ja, man muss es immer wieder selbst überprüfen und vor sich selbst vertreten können, egal ob Bild oder text, das finde ich auch, besonders im öffentlichen Raum!

    herzliche Nikolausgrüsse Ulli

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  2. leonieloewin schreibt:

    Wichtig ist für mich, dass ich es im Moment vertreten kann, was ich schreibe. Allerdings kann das am nächsten Tag oder im nächsten Jahr auch wieder anders aussehen. Gefühle, Einstellungen ändern sich. Doch das einmal geschriebene Wort lässt sich selten wieder einsammeln. liebe Grüße Leonie

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    • Elvira schreibt:

      In zwei, drei Wochen wäre das vielleicht kein Thema mehr gewesen. Aber jetzt standen die Bilder so deutlich vor meinen Augen, dass es einfach nicht ging.
      Liebe Grüße von
      Elvira

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  3. Der Emil schreibt:

    Meinst Du wirklich, ständig die Schere im Kopf mitschleppen zu müssen, sie immer und immer wieder und überall ansetzen zu müssen? (Wenn das Anais Nin getan hätte oder Pauline Reage, oder wenn Anna Seghers, Gottfried Benn, George Gordon Byron, Astrid Lindgren — nein, ich mag es mir nicht vorstellen. Schlimm genug, daß heutzutage wegen der gendermainstreamerei und der political correctness Werke umgeschrieben, von unliebsam gewordenen Worten gesäubert werden! MiniWahr ist real, scheint mir!)

    Wieviel Macht geben wir solchen Pfeifen wie denen von der ISIS, wenn wir unsere Kreativität deretwegen verformen, freiwillig?

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    • Elvira schreibt:

      Schriebe ich ein Buch oder ein Gedicht, würde ich das auch zum Thema nehmen. Den Terror, die Folgen, für die Opfer und für jeden. Aber in diesem konkreten Fall fühlte es sich einfach nicht richtig an. Ich höre gerne auf meinen Bauch, der mir ganz schön gewichtig zuraunt, wo lang ich gehen soll. Manches zu lange darüber Nachdenken führte mich zu oft in die Irre.
      Dass Bücher umgeschrieben werden sollen, halte ich für absolut verkehrt. Sie sind Zeugnisse ihrer Zeit. Sprache ist lebendig und aus dem Negerkuss ist schon lange der Schaumkuss geworden.

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  4. JM Volckmann schreibt:

    Kann man, darf man unbedarft losschreiben? Nein, man muss es sogar. Bücher, Kapitel, Beiträge, Sätze, Silben, Buchstaben, Laute, ja selbst Pixel sind nur Werkzeuge. Sie transportieren, was wir in sie hineinweben. Nur dadurch, dass wir mit ihnen etwas ausdrücken, werden sie magieerfüllt, aber die Macht eines Wortes entsteht nicht aus sich selbst heraus. Wenn wir aufhören, bestimmte Wörter zu benutzen, dann überlassen wir die Werkzeugkisten den Terroristen und Demagogen. Schlimm genug, dass Schülern im Deutschunterricht beigebracht wurde, dass sie beim Buchstabieren Doppel-S zu sagen haben und nicht SS, weil das negativ konnotierte Buchstaben sind. Aber es sind nur Buchstaben. Buchstabiere ich „Essen“ denke ich nicht an die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dann dürfte ich irgendwann gar nicht mehr sprechen, schreiben, denken.

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  5. perlengazelle schreibt:

    Das Wort an sich ist nicht schlimm. Schlimm ist nur, was Menschen mit den Worten machen. Und welche Taten den Worten folgen. Albern finde ich es, wenn der Negerkönig bei Pippi zum Südseekönig mutiert. Jedes Jahr werden neue Wörter auf den Index gesetzt. Und bald werden ganze Bücher umgeschrieben?

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  6. Ingrid schreibt:

    Ich bin zwar auch der Meinung, dass man es übertreiben kann mit der ‚political correctness‘, aber dein Unbehagen verstehe ich dennoch. Es ist einfach so, dass man unter dem Wort ‚geköpft‘ etwas Gewaltsames versteht (Guillotine), auch wenn man nicht an den IS denkt. Aber nach diesen Ereignissen drängen sich einem unwillkürlich diese Nachrichten auf.
    Schade ist, wenn man die Unbefangenheit beim Sprechen, vielleicht auch beim Denken verliert …

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    • quiltfru schreibt:

      Ich kann Dein Unbehagen bei diesem Wort durchaus verstehen. Zuoft müssen wir es heutzutage hören. Man sollte immer auf sein Bauchgefühl hören. Allerdings finde ich, dass man sich generell nicht in der Sprache verbiegen lassen soll. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden, in aller Deutlichkeit und wenn nötig auch Härte. Lachhaft finde ich das Verbot von „Neger“, spricht doch Dr. Martin Lu“
      ther Kind selbst von „negro“ Und wenn man von moderner Sprache ausgeht, dann kann ich auch nur „Nein Danke“ sagen, denn Worte wie „geil, fuck, etc“ brauche ich überhaupt nicht!!

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  7. Hallo Elvira 🙂
    Ich verstehe deine Gedankengänge. Mir wäre auch unwohl dabei, so eine banale Sache wie eine Puppenreparatur, sprachlich in die Nähe von entsetzlichen Verbrechen zu rücken, nur weil der Titel schön reißerisch klingt.
    Es hat meiner Meinung nach nichts mit einer „Schere im Kopf“ oder „political correctness“ zu tun, weil du aus Mitgefühl handelst. Dein Handeln entspringt dem Respekt vor den Angehörigen der Opfer. Das spricht für dich.
    Diese ganze Buchumschreiberei ist dagegen das Letzte. Eine Unverschämtheit und Respektlosigkeit gegenüber den Autoren. Wer hatte eigentlich diese wirklich selten dämliche Idee?
    Einen schönen zweiten Advent.
    Grüßli 🙂

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  8. vivilacht schreibt:

    du hattest vollkommen recht, einen anderen Titel zu waehlen. Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute war, als sie den Gummi durchschnitt. Ich habe hier bei dir, als ich die anderen Antworten nachlas, erst einmal uebelegen muessen, wegen dem Doppel S. Ich hatte es als Kind als „Doppel S“ gelernt, und dachte, so sollte und muesste es sein. Ich kam gar nciht auf einen anderen Gedanken. Aber dass man Buecher umschreiben will oder soll, das finde ich wirklich unnoetig.

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    • Elvira schreibt:

      Absolut unnötig ist das. Es sind Bücher ihrer Zeit, die heute sicher anders geschrieben werden würden. Aber diese Bücher müssen so erhalten bleiben wie sie sind.
      Liebe Grüße von
      Elvira

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