Der kleine Lord und Ferrero-Küsschen

Gäbe es eine Fortsetzung, wie würde sie wohl aussehen? Gestern habe ich mir, nach vielen Jahren Pause, wieder den kleinen Lord angesehen. Mir war nach Wärme, Frieden, Gerechtigkeit und Wohlfühlen zumute. Da kann dieses Märchen ja nicht verkehrt sein. Und so war es auch dieses Mal. Obwohl ich den Film schon einige Male gesehen habe – als unsere Kinder noch Kinder waren, gehörte er zum Adventsritual wie das Plätzchen backen – nahm er mich augenblicklich wieder gefangen. Cedric weckte das Kind in mir, das immer die Welt verbessern, alle Ungerechtigkeiten ausmerzen und nur Gutes tun wollte. So wie, das vermute ich jedenfalls, es die meisten Kinder wollen. Die Realität sieht anders aus, das wissen wir alle. Irgendwann in der Schule hat sie uns eingeholt. Träumereien standen nicht auf dem Stundenplan. Es ging um Leistung, Noten, Versetzungen, Schulabschluss, Studium, Ausbildung, Diplom, Meisterprüfung, Karriere. Dazwischen gab es Lieben, Familiengründungen, Kindererziehung, Scheidungen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Verluste. Manch einer ging in die Politik mit den guten Vorsätzen seiner Kindheit und verlor diese in der Arena des Politikzirkusses. Andere traten wohltätigen Verbänden bei und zerrieben sich in deren Machtgeflechten. Einige begriffen, dass sie nicht die ganze Welt verbessern konnten und engagierten sich in Organisationen, in die sie ihr Fachwissen und ihre Visionen punktuell einsetzen konnten. Viele Menschen arbeiten ehrenamtlich und verbessern im Rahmen ihrer Kräfte und Möglichkeiten die Welt in kleinen Dingen, ohne großes Aufheben davon zu machen.

Wie würde wohl Cedric als Earl sein Erbe verwalten? Würde er sich die Mitmenschlichkeit seiner Kindheit bewahren und seine Pächter wirklich besser behandeln als sein Großvater? Wollen wir das überhaupt wissen? Wollen wir wissen, wie die modernen Lords und Earls mit ihren Pächtern umgehen? Ich möchte die Adels- einfach gegen eine Unternehmerfamilie austauschen. Den Namen Dorincourt durch Ferrero ersetzen. Die Pächter sind in diesem Fall Haselnussfarmer. Diese Farmer beschäftigen im Auftrag der Familie Ferrero, die zu den wohlhabendsten ganz Europas gehört, türkische Wanderarbeiter, denn die Türkei ist der größte Haselnusslieferant. Um die 80000 Tonnen dieser Nüsse verarbeitet Ferrero jährlich. Viele Hände werden zum Pflücken dieser Menge benötigt. Und viele dieser Hände sind noch klein, denn Kinderarbeit gehört auf den Haselnussfeldern zur Tagesordnung. Solch ein Tag beginnt um sechs Uhr für die Kinder, die dann ohne Frühstück (was Nutella ist, wissen die meisten nicht einmal) mit ihren Familien auf die Felder gekarrt werden. 12 Stunden werden sie dort arbeiten und das jeden Tag, Wochenenden gibt es nicht, das könnten sich die Familien auch nicht leisten. In dem Lager bei Cilimli  leben um die 500 Menschen. Vier Bauarbeitertoiletten stehen ihnen zur Verfügung, ein Wasserschlauch versorgt alle mit Wasser.

Dass viele Kinder unter unmenschlichen Bedingungen dafür arbeiten müssen, damit wir die Goldkugeln zu Pyramiden aufschichten und uns an Alkoholkirschen berauschen können, Freunde mit Ferreroküsschen ersatzküssen, das Leben bueno nehmen und der Haselnussbäckerin in den Ausschnitt gucken dürfen, wissen leider immer noch viel zu wenig Menschen. Für die Familie Ferrero hätte das Aufstellen von Toilettenhäusern, die Versorgung mit Wasser und mit Strom wahrscheinlich die Größenordnung eines Fliegenschisses. Und hier schließt sich der Kreis zum kleinen Lord. Denn wo ist der Unterschied zwischen den erbärmlichen Behausungen der Pächter des Earl von Dorincourt Ende des 19.Jahrhunderts  und den Lebensumständen der Haselnusspflücker für die Ferrerofamilie heute?

Wie es scheint, hatte der Film keine nachhaltige Wohlfühlwirkung. Nachhaltiger war der Artikel „Bittere Schokolade – Sklaven der Königsnuss“ in „Die Zeit“ vom 17.Dezember 2014

 

 

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10 Antworten zu Der kleine Lord und Ferrero-Küsschen

  1. leonieloewin schreibt:

    Ich habe den Film auch aus alter „Sentimentalität“ heraus geschaut und ähnliche Gedanken schossen mir durch den Kopf.

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  2. Eva schreibt:

    Ich mag diesen Film … alle Jahre wieder. Die Gründe ihn zu sehen hast Du treffend beschrieben. Gestern habe/n ich/wir aber einem Konzert den Vorzug gegeben – sehr fröhlich, friedlich, leise, laut, poppig-rockig, klangvoll und bewegt bewegend mit vielen netten Menschen in einer wunderschönen Kirche. Das war ein guter Ersatz. 😉

    Du hast die Geschichte des kleinen Lords schön auf die Gegenwart bezogen. Konsument sei wachsam. Ferrero haben wir aus den von Dir und in der Zeit beschriebenen Gründen schon vor einiger Zeit (bis auf eine eher unwesentliche Ausnahme) aus unserem Hause verbannt. „Kinder“-Produkte hatten mit diesem Hintergrundwissen auf einmal einen äußerst schalen Beigeschmack. Ersatz gibt es genug (ganz besonders für die Nussnougatcreme) und meist sogar in besserer Qualität. Und gewisse Kokos-Kugeln … Danke Dir nochmals für diesen Tipp. Wäre mir glatt durchgegangen. 🙂

    Liebe Grüße
    Eva

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    • Elvira schreibt:

      Es geht so schnell, dass ich für meine Enkel eine Tüte Schokobons in der Hand habe, weil das Wissen um die Kinderarbeit leider nicht immer vordergründig vorhanden ist. Ab jetzt ist damit aber wirklich Schluss. Ich überlege, ob ich nicht dem von mir sehr geschätzten Jan-Josef Liefers eine freundliche Mail schicke.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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      • Eva schreibt:

        Und zack, da ist es passiert: Heute bekam ich eine Schachtel alkoholhaltiger „Körschlikörpralinen“ obiger Marke geschenkt. Das war allerdings ein netter Wink mit dem Zaunpfahl mit Bezug zu einem Buch von Sabine Heinrich – unmöglich abzulehnen … und damit schon wieder eine Ausnahme. So viel also zu meinem ökologischen Gewissen. 😦

        Sobald man anfängt, sich mit solchen oder anderen nachhaltigen Themen zu befassen, merkt man wie komplex und undurchschaubar das alles ist. Was mache ich richtig, was falsch? Ich denke, Deine Mail kann auf jeden Fall nicht schaden.

        Lieben Gruß
        Eva

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  3. Frau Momo schreibt:

    Ich mag dieses ganze süße Zeugs sowieso nicht und wenn ich mal Schokolade kaufe, dann meistens im Eine Welt Laden, die schmeckt eh viel besser.

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  4. Elvira schreibt:

    Wir haben in der Praxis wieder über und über Süßigkeiten von den Patienten bekommen. Zwei große Kartons voll. Doch, manche Sachen mag ich sehr gerne. Nur Ferrero und Nestlé bleiben außen vor!
    Liebe Grüße,
    Elvira

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  5. vivilacht schreibt:

    Ich kann dich gut verstehen. Bei mir ist zur Zeit aber ein anderes Problem. Da 2 meiner Enkel ja kein Gluten mehr essen duerfen, da schaut man auf alles. Die Schockolade, die ohne ist, die wir hier gefunden haben und die ihnen schmeckt, das ist die, von der du geschrieben hast und die du nicht mehr kaufen magst. Milka, Ritter und einige andere, bei denen kann es drinnen sein, also duerfen wir sie nicht mehr geben. Und sage einem 6 jaehringen Kind, dass die Schockolade, die er darf und gerne mag, du nciht mehr kaufst.

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    • Elvira schreibt:

      Kommt es mir nur so vor, oder nehmen die Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien dramatisch zu? Alleine zwei meiner Kolleginnen haben eine Lactoseunverträglichkeit, Sohn 2 ein allergisches Asthma. Woran mag das nur liegen? Ja, einem Kind ist das nur schwer zu erklären, da hast Du Recht.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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