Alterssex

Vor ein paar Tagen kam ich unseren Sozialraum und wurde Zeugin, wie sich meine beiden jüngsten Kolleginnen (18 und 21) über eine weitere, ebenfalls noch sehr junge Kollegin (23) unterhielten. Diese hatte auf ihrer fb-Seite Links zu Sexblogs. Davon wusste ich schon, deshalb überraschte mich das Gespräch nicht weiter. Aber mir fiel ein, wie ich  diese Kollegin darauf ansprach. Denn sie schien mir eher, na, ja, wie soll ich das ausdrücken, eher, ach, ich hätte ihr diese Links einfach nicht zugetraut. Obwohl sie eine ausgesprochen sexy Frau ist. Das aber nur nebenbei! Im Laufe dieser Unterhaltung kamen wir auf das Thema Sex der Eltern. Sie winkte angewidert ab. Das wäre ja nun überhaupt kein Thema. Einfach ekelig! Seitdem mache ich mir so meine Gedanken. Was denken eigentlich meine Kinder über mich und ihren Vater? Wollen sie das überhaupt wissen? Sind wir für sie jenseits von Gut und Böse? Meine Mutter fand im Alter von über 50 den Mann, der sie sexuell nicht nur befreite, sondern auch befriedigte. Ich denke aber auch an den Tag, als ich in ihrem Badezimmer Reizwäsche auf der Wäscheleine sah. Meine Mutter und Reizwäsche. Undenkbar! Ich dachte einfach nicht weiter darüber nach. Erst Jahrzehnte später wurde mir klar, dass sie, leider nur für wenige Jahre, den Mann gefunden hatte, für den sie sich, in jeder Beziehung,  ganz öffnen konnte. Der Tod hat ihr da ein Schnippchen geschlagen und diesen wunderbaren Mann, den ich sehr gerne mochte, einfach in eine andere Welt befördert.

In Zusammenhang mit meiner Recherche zu einem Projekt, das sich auch mit Sex beschäftigt, habe ich in den letzten Wochen sehr viele Beiträge in verschiedenen Foren, Websites und Blogs gelesen. Es waren durchweg erotische Texte, mehr oder weniger. Die meisten waren so einfach gestrickt und voller Rechtschreib- und logischer Fehler, dass es mich Überwindung kostete, sie bis zum bitteren Ende zu lesen. Es gab aber auch literarisch sehr hochwertige Texte, nach deren Lektüre ich zutiefst bedauerte, dass es keine Fortsetzung gab. Aber alle hatten etwas gemeinsam: Immer waren die weiblichen Protagonistinnen jung, äußerst selten mittelalt. Sie waren immer wunderschön. Hatten stets tadellose Figuren, absolut reine Haut (Porzellan wurde am meisten zum Vergleich herangezogen), bis auf eine Ausnahme lange Haare. Hier überraschte mich allerdings, dass es recht selten Blondinen waren. Die Beine waren lang, die Fesseln schmal und die Lippen voll. Nie, nicht ein einziges Mal war die Rede von älteren bis alten Frauen, Orangenhaut, Hängebusen oder Altersflecken. Wann wurden diese Frauen unsichtbar? Wann begann der Tag, an dem man ihnen ihre Sexualität absprach? Leben sie in einer guten, sie immer noch sexuell erfüllenden Partnerschaft, wird sich diese Frage nie stellen. Aber all die anderen? Die, die vom eigenen Finger in ihrem Schritt leben müssen? Die, die mit der grausamen Gewissheit ihre letzten Jahre verbringen, dass sie niemals die Hauptrolle in einem erotischen Roman, einem Blogbeitrag oder einem Gedicht spielen werden? Geschweige denn im wahren Leben je wieder einen Orgasmus erleben dürfen, der nicht selbstgemacht ist? All diesen Frauen widme ich hier diesen Post! Und ja, in gewisser Weise auch den alten Männern.Obwohl ich auf der Seite des BDSM Berlin gelesen habe, dass deren Klientel zwischen 18 und 92 ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das 92 jährige Mitglied ein Mit-Glied ist.

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11 Antworten zu Alterssex

  1. quiltfru schreibt:

    „Was denken eigentlich meinen Kinder über mich und ihren Vater? Wollen sie das überhaupt wissen? Sind wir für sie jenseits von Gut und Böse?“ Genau dieses fragen mein Mann und ich uns auch immer. Dürfen wir, in den Augen unserer Kinder, eigentlich noch Sex haben? Wir Ollen? Man hat so das Gefühl: Nein, das ist doch pervers.
    Liebes Junggemüse: Wir dürfen und wir müssen auch nicht fragen.

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  2. perlengazelle schreibt:

    Falls du ihn noch nicht kennst, unbedingt anschauen: „Wolke 9“ mit der wunderbaren Ursula Werner:

    Dazu ein Interview mit dem Regisseur: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/interview-schwimmen-sie-nackt-das-ist-viel-besser/1312880.html

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  3. Liebe Elvira 🙂
    “Was denken eigentlich meinen Kinder über mich und ihren Vater? Wollen sie das überhaupt wissen?“
    Ich kann dir versichern: Sie wollen es nicht wissen. Genauso wenig, wie ICH etwas über die Sexualität MEINER Eltern wissen möchte. *mir die Augen und Ohren zuhalte und laut pfeife*
    Eltern sind sexlose Wesen 😉
    Ich möchte aber auch noch anmerken, dass ich die Überschrift „Alterssex“ etwas unpassend finde. Es klingt etwas verächtlich. Warum muß Sex bei älteren Menschen auf das Alter reduziert werden? Sex ist Sex.
    Grüßli 😉

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    • Elvira schreibt:

      Weil Sex im Alter in unserer Jugendwahnzeit ein Tabu geworden ist, wollte ich das mit der Überschrift explizit herausheben. Und ja, ich hätte gerne etwas über den Sex meiner Mutter gewusst, hätte mich gerne mit ihr darüber unterhalten können. Warum sollte das nur unter Gleichaltrigen gehen?

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      • Es geht nicht um das Alter, wenn ich mit meinen Eltern nicht über Sex reden möchte. Es geht darum, dass sie meine Eltern sind. 😉
        Sex ist nicht zu einem Tabu geworden, dass war es früher viel stärker. Und die Heuchelei um das Thema auch. Im Gegenteil ist es jetzt überall präsent. Meiner Meinung nach manchmal zu präsent. Es geht etwas an Besonderheit, an Intimität verloren. Das ist sehr schade. Es hat aber dafür an Normalität gewonnen (was natürlich wiederum ein Vorteil ist).
        Meine 80jährige (gläubige) Patin hat mir vor Jahren einmal erzählt, dass sie der Kirche schwer ankreidet, Sex als etwas Sündiges darzustellen und damit ihr Eheleben stark belastet zu haben.
        Mittlerweile haben zB. auch Träger von Altenheimen/Pflegeheimen erkannt, dass den Bewohnern Sex nicht vorenthalten werden darf, weil jeder Mensch ein Recht darauf hat. In jedem Alter.
        In den Köpfen ist das noch nicht immer bei jedem angekommen. Besonders die Angehörigen (Kinder oder Eltern) tun sich manchmal schwer damit.
        Grüßli zum Wochenende 🙂

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  4. Gudrun schreibt:

    Mit meiner Mutter hätte ich mich nie über Sex unterhalten. Nicht, weil sie älter war und ich mir nicht vorstellen konnte, dass auch ältere Menschen lieben, nein, meine Mutter war so prüde, dass sie wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen wäre, wenn sie von mir gewusst hätte. Nein, hier gab es nichts Schlimmes, nichts Außergewöhnliches. Meine Mutter sah aber die Siebziger etwas anders als ich.
    Und meine Kinder? Klar unterhalten wir uns. Auch über Dinge, die mit meiner Mutter nicht möglich gewesen wären. (jedem Frauenarzrt, oder auch jedem Lehrer hätte ich mich eher anvertraut als meiner Mutter). Aber meine Sexualität möchte ich nicht vor meinen Kindern ausbreiten. Nicht unbedingt. Sie würden nicht erschrecken, aber in erster Linie bin ich eben ihre Mutter, die die Pflaster auf schmerzende Wunden geklebt hat. Meine jüngste Tochter arbeitet im Norden als Lektor. Würde ich ein Buch schreiben über diese Thematik, würde ich ihr das geben. Sie würde es lesen und garantiert am Satzbau und an bestimmten grammatikalischen Verrenkungen ningeln. Mehr käme wahrscheinlich nicht, und ich würde auch nicht mehr erwarten.
    Ich habe Freunde, mit denen kann ich über das Leipziger Kulturgeschehen reden, mit anderen Radpartien machen. Und ich habe Freunde, mit denen sind auch Gespräche über Sexualität möglich. Es ist eben sehr verschieden, wem man was sagt als Person mit einem Klarnamen. Im Studium hatte ich einen Freund (wirklich einen Freund, einen allerbesten Kumpel). An ihn erinnere ich mich heute noch gern, weil er mir alle Problematik aus Sicht des Mannes darbrachte. Das war äußerst nützlich für den Rest des Lebens. Meinen Vater hätte ich nie gefragt.
    Tja, und der Jugendwahn? Ach, soll er sein. Dass es auch nach Dreißig noch eine Sexualität gibt, hat sich bestimmt schon herumgesprochen.
    Ach ja, noch eines: Wenn ich im Park beobachte, wenn ein älterer Herr den Arm um seine Partnerin legt, wenn er ihre Hand hält, wenn die beiden sich anschauen und man sieht, dass sie sich verstehen, dann spricht mich das mehr an, als wenn sonstwas passieren würde.
    Himmel, das war mal wieder viel zu viel Geschreibsel. Aber nun steht es da, und nun lass ich es.

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  5. Elvira schreibt:

    Und das ist auch gut so! In meinem Leben gibt es diese zwei besten Freunde, mit denen ich wirklich über alles reden kann. Mit meinen Söhnen würde ich diese Gespräche eher auch nicht führen wollen/können. Ja, dieses Bild des alten Paares, das sich an den Händen hält, spricht mich auch an. Es ist auch nicht der Jugendwahn, den ich anprangere, sondern eher das Verschwinden alter Menschen aus dem öffentlichen Interesse (es sei denn in den Rentendiskussionen/ Generationsvertragsdebatten oder den Heimrichtlinien).
    Liebe Grüße schickt Dir
    Elvira

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  6. perlengazelle schreibt:

    Leider habe ich deine e-mail- Adresse versummelt. Ich habe nämlich noch einen Lesetipp für dich – ist mir gerade wieder eingefallen.
    Jane Juska – Mach’s noch einmal, Jane.
    Die Geschichte einer 66jährigen, die eine Kontaktanzeige aufgibt und was sie damit erlebt.
    Zitat: Bevor ich – nächsten März – 67 werde, möchte ich viel Sex mit einem Mann, der mir gefällt. Falls Sie vorher reden wollen, Anthony Trollope ist mein Lieblingsautor.“ Es melden sich 63 Männer zwischen 30 und 80.
    Intelligent geschrieben – nicht billig, humorvoll, aber auch deutlich. Ob sie den Richtigen findet, lasse ich mal offen. 🙂

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