Sehnsuchtsort

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Sohn II und Familie sind an der Nordsee. Ich wäre zu gerne auch dort. Wenn ich mir die Fotos ansehe, die er mir geschickt hat, das Haus direkt hinter dem Deich, das Watt mit dem weiten Himmel darüber, dann kann ich es riechen und schmecken, das Meer, auch wenn es nicht da ist. Ich rieche den Schlick und schmecke das Salz auf den Lippen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich das Rauschen der Wellen und das schmatzende Geräusch des Schlicks, wenn ich meine Gummistiefel aus dem Meeresboden ziehe. Ich muss lächeln bei der Erinnerung daran, als ich einmal einen Stiefel nicht frei bekam. Wie ich dort stand, an einem Fuß nur noch den Socken. Hilflos und belustigt. Es war ein kalter Herbsttag. Mein Fuß fror in dem nassen Socken und ich lachte, während wir den Stiefel aus dem Schlick befreiten. Ich lief barfuß bis zum Deich zurück. Meine Füße wurden schnell wieder warm.
Ich denke an fliegende Drachen und Kinderlachen, an Schafe auf dem Deich und sich schnell füllende Priele, an heftige Stürme und einen Sohn, den das Watt ängstigte. Ich höre das Knattern der Fahnen im Wind und spüre die Gicht auf meinen Wangen.
Meine Gedanken wandern weiter zurück. In eine Zeit ohne Ehemann und Kinder. Ich denke an meine erste Begegnung mit der Nordsee. In Holland. Ich war so unglaublich jung. Rebellisch, wie man es nur in diesem Alter ist. Mein Herz schien zu bersten vor Glück, als ich dieses Meer sah, die Luft roch, den Wind spürte. Wir fuhren mit dem Auto auf der Strandpromenade in Zandvoort entlang. Die Fenster offen, das Radio laut aufgedreht. Lady d’Arbanville lief gerade. Ich erinnere mich genau. Es war der Sommer mit Radio Veronica, mit Automatenessen und Eight Miles High, langen Abenden am Strand und Tanzen zwischen den Hippies am Dam. Riders On The Storm. Es war mein erster und letzter rebellischer Sommer. Ihm folgten noch ein paar Stipvisiten, bevor diese Jugendliebe ihr Ende fand und ein neuer Lebensabschnitt begann. Denke ich an grenzenlose Freiheit, dann kam dieser Sommer ihr sehr nahe.
Die Nordsee. So viele Erinnerungen, alle schön! Und dennoch Wehmut. Sehnsucht. Dieses schmerzende Gefühl der Vergänglichkeit, diese Enge in der Brust. So viele Variationen des Herzklopfens.

Ich besitze keine Fotos aus meinem Rebellensommer. Aber die Familienfotos habe ich vor einiger Zeit eingescannt. Jahre an der Nordsee zwischen Büsum und St.Peter Ording, Westerhever und Holland. Jahre, in denen aus kleinen Kindern größere Kinder wurden. Jetzt sind sie mit ihren Kindern dort. Der Kreis schließt sich!

 

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12 Antworten zu Sehnsuchtsort

  1. Hans-Georg schreibt:

    Merkwürdig – die Nordsee hat mich nie interessiert. Die Urlaube, die ich dort gemacht habe, haben mich nie berührt. Das liegt vielleicht daran, dass ich die Sommer meiner Jugend an bzw. auf der Ostsee verbracht habe.
    Fraglos habe ich eine starke Bindung an das Meer. Zum Glück konnte ich meinen Mann auch dafür begeistern.

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    • Elvira schreibt:

      Ich denke auch, dass wir das lieben, womit wir sozialisiert wurden, bzw. das, was den tiefsten Eindruck hinterlässt. Sozialisiert wurde ich mit dem Hochgebirge (auch das liebe ich sehr), die Nordsee hingegen war der Ort meiner ersten großen Liebe

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  2. leonieloewin schreibt:

    Da ich nicht weit entfernt von der Nordsee aufgewachsen bin, habe ich natürlich auch viele Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend. Doch bei uns waren es eher Tagesausflüge auf die Inseln, nach Cuxhaven oder Wremen. Liebe Grüße Leonie

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  3. Ingrid schreibt:

    Ich teile einige deiner Erinnerungen: Radio Veronica und Radio Caroline, die Musik, Liebe, Sehnsucht, etc. Heute sagt mir das Meer nichts mehr. Die Zeiten ändern sich 😉

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  4. Ulli schreibt:

    so ein Gummistiefelerlebnis hatte ich auch mal, aber nicht am Meer, sondern am Rhein-Herne-Kanal, es war auch gar kein Gummistiefel, sondern eine Sandale, die im Schlammloch verschwand- nix mehr zu machen- gerade eben lachte ich mit dir und veruchte das Salz auf meinen Lippen zu schmecken, ich sollte weniger rauchen! Jo, und Sehnsucht und Erinnerungen und Vergänglichkeit, du Liebe, das ist viel Stoff für einen Abend am Kamin-
    ich freue mich schon auf März, gestern bekamen wir die Zusage, dass wir wieder in der Bretagne Willkommen sind, da wird es dann zwar noch recht kühl sein, aber ich habe nur im März eine Chance drei Wochen am Stück Ferien zu machen, da müssen dann dicke Pullis in die Reisetasche und Mütze und Schal und Handschuhe und mein grosses Regencape, so what, Hauptsache raus und Meer … vielleicht war das jetzt kontroproduktiv? -M-
    ich sende dir einen Herzensdrücker

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    • Elvira schreibt:

      Nein, liebe Ulli, das ist nicht kontraproduktiv! Ich freue mich für jeden, der noch die Möglichkeit hat und Chancen ergreifen kann. Für dich freue ich mich ganz besonders. Und wer imWendland kalte Zeiten in einem Umgebauten Bauwagen durchgehalten hat, für den ist der März in der Bretagne ein Klacks.
      Herzliche Grüße schickt dir
      Elvira

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      • Ulli schreibt:

        Liebe Elvira, ich wünsche dir so sehr, dass auch du die Chancen erkennen kannst, die du hast. Ich bin davon überzeugt, dass es sie immer gibt, dass wir nur oft einen Nebel vor den Augen haben (ich auch und zwar nicht zu knapp!).
        ich drücke dich so ganz virtuell, aber von Herzen
        Ulli

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  5. Gudrun schreibt:

    Ich kann deine Sehnsucht gut verstehen. Es gibt Orte, die berühren einen eben. Du hattest an der Nordsee deine Jugenderinnerungen. In meiner Jugend war sie in meinem Leben als DDR-Bürger außen vor. Sie zu sehen, zu hören, zu riechen, das war mir erst jetzt vergönnt, nachdem meine Tochter in genau diese Gegend zog, die du benannt hast. Ich werde wieder hinfahren, wegen der Tochter und wegen der Nordsee.
    Liebe Grüße von der Gudrun.

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  6. Frau Momo schreibt:

    Ich bin absolut der Nordseetyp, aber ich habe auch meine Kindheit in der Nähe von Westerhever verbracht, wo meine Eltern eine alte Dorfschule als Ferienhaus hatten. Für mich ist die Nordsee immer Sehnsuchtsort und ich muß da dringend mal wieder hin.

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