Von Weihnachtsmännern und Drohnen

Da sind sie wieder. Überall begegnen sie mir. Ungepflegt, struppige Haare und Bärte, unförmige Figuren, zutiefst deprimierend. Alle Jahre wieder versuchen sie sich umzubringen. Es scheint ihnen nicht zu gelingen. Obwohl der Werther-Effekt offensichtlich greift. Denn es werden immer mehr. Sie hängen an Seilen. Schaukeln im Wind. Die Köpfe auf die Brust gesenkt. Oder in den Nacken gelegt. Schlaffe Gliedmaßen. Die einst dicken Bäuche sind in die Hose gerutscht. Sie erinnern mich an sehr alte Filme. Leichen, die in Western an Galgen oder dicken Ästen baumeln. Nur dass die nicht in Weihnachtsmannklamotten steckten. Ich weiß, dass in den Säcken auf ihren Rücken keine Geschenke sind. Webcams blinken durch ausgefranste Löcher. Jeder überwacht jeden.
Und über mir kreisen die Drohnen. Ohne Sturzhelm verlasse ich das Haus nicht mehr. An die Überwachungsdrohnen habe ich mich schon gewöhnt. Obwohl ich mich anfangs erschreckt hatte, wenn eine plötzlich direkt vor mir auftauchte. Beinahe lautlos. Irgendwie menschlich, wie sie vor mir schweben und mich anstarren. Mittlerweile habe ich den Überblick verloren, welche Drohnen welcher Organisation gehören. Anders als bei den Lieferdrohnen von amazano, zolandi, de.ha.el. und wie sie noch so alle heißen. Die Werbeaufschriften scheinen größer zu sein als das ganze Fluggerät. Außerdem hat jede ihren spezifischen Sound. Ohne Werbemusik geht auch am Himmel nichts mehr. Leider funktionieren die Navigationsgeräte immer noch nicht zuverlässig. Täglich gibt es Verletzte durch Havarien. Obwohl die Überwachungsdrohnen Vorflug haben, scheint das in der Vorweihnachtszeit nicht gewährleistet zu sein. Es wird gemunkelt, dass einige Großhändler ihre Lieferdrohnen ebenfalls mit Überwachungssoftware bestückt hätten. Darüber, wer die Daten kauft, gehen die Meinungen weit auseinander. Alles ist heutzutage möglich. Es ist eine logische Schlussfolgerung. Wir haben es schließlich selbst begonnen. Unsere Daten freiwillig ins Netz geworfen. Den Weg bereitet für die totale Überwachung.
Ach, mir ist das in meinem Alter völlig egal. Dann habe ich morgen eben eine Werbemail für ein neues Antiagingprodukt im Postfach, weil eine Drohne ein paar weitere Falten in meinem Gesicht entdeckt hat. Oder ich bekomme eine Probe von einer Lieferdrohne der weltweit größten Pharmaindustrie für ein neues Ichkannallesheilen-Produkt, nur weil beobachtet wurde, dass ich ein paar Tage gebeugter als sonst gelaufen bin. Wie ich politisch ticke, weiß ich dafür durchaus zu verbergen.
Ich denke an die Weihnachtszeit meiner Kinder. Da kletterten die ersten, noch dicken, Weihnachtsmänner an Leitern die Hausfassaden hoch. Sie sahen wie echte Weihnachtsmänner aus. In den Fenstern blinkten bunte Lichter statt des Lichtes der Webcam im Sack des Fassadenkletterers. Ach, war das ein schöner Anblick. Zwar gab es auch damals kaum noch echte Kerzen oder Tannengrün. Auch die Kritik an dem immer größer werdenden Konsumverhalten verstummte in der Zeit. Aber es klingelte noch an der Haustür, wenn der Postbote die Weihnachtspakete brachte. Es war auch kein Problem einen Anti-Atom-Button öffentlich zu tragen.
So gehe ich, geschützt durch meinen Helm, durch die laute Weihnachtszeit und male mir aus, wie es wäre, wenn ich nachts durch die Straßen schleichen könnte und wenigstens die furchtbaren Weihnachtsmannbaumler von ihren Stricken abschneiden könnte. Aber das geht nicht. Nichts kann mehr heimlich geschehen. Obwohl, es wird gemunkelt…

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6 Antworten zu Von Weihnachtsmännern und Drohnen

  1. Eva schreibt:

    Mir wird ganz schwindelig von so viel „Dro(e)hnung“ …

    Liebe Elvira, trotz oder gerade wegen alledem wünsche ich Euch einen schönen Advent. LG, Eva

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    • Elvira schreibt:

      Das ist hoffentlich noch Zukunftsmusik. Amazon testet allerdings bereits Lieferdrohnen, aber noch mit Menschen, die die Dinger steuern.
      Auch für Dich eine schöne Adventszeit!
      Liebe Grüße,
      Elvira

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      • Eva schreibt:

        Das habe ich auch schon mit Unbehagen vernommen … bei Großveranstaltungen sieht man sie ja schon mal kreisen, die Drohnen, um alles von oben Gefilmte auf die Leinwand oder sonstwohin zu werfen. Immer mehr (Hobby-)Fotografen nutzen die und wer weiß, wofür sie das Bildmaterial nutzen …
        Dein Weihnachts-Real-ScienceFiction gefällt mir übrigens sehr gut. Tja, früher war mehr „Lametta“. 😉
        Liebe Grüße
        Eva

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  2. Ulli schreibt:

    puh, was bin ich doch so unbeleckt hier oben auf dem Berg, hier kam noch keine Drohne an mir vorbei … und diese unsäglichen Weihnachtsmänner klettern hier auch nicht rum, ein paar Lichtlein, ein paar Sternlein, ein Lichterbaum vor unserem Haus, einer unten vor der Kirche … thats it und das ist gut so!
    Liebe Elvira, ich bin gerade ganz betroffen, ja schlaf ich denn?
    herzliche Grüsse
    Ulli

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