Stille

Geweckt hat mich heute nicht mein Hund. Es war dieses schrille Piepsen eines größeren, rückwärtsfahrenden Autos, das durch mein angekipptes Fenster drang.  Die Dunkelheit wurde durch ein orangefarbenes Licht zerrissen. Schließlich hörte ich ein Schieben und Knirschen und Kratzen, das sich synchron mit dem Signallicht langsam durch unsere kleine Straße bewegte. Als es fort war, hinterließ es eine ungewohnte Stille. Eine Stille, wie unter der Bettdecke, die ich mir als Kind über das Gesicht zog, wenn meine Eltern ihren sonntäglichen Morgenstreit austobten. Noch bevor ich aufstand, wusste ich, was der Krach des Fahrzeugs und die Ruhe danach zu bedeuten hatte. Schnee! Eine dicke Decke dieser weißen Pracht hat sich über alles gelegt. Nicht nur der Schmutz auf den Straßen und Wiesen ist verschwunden. Es schien, als sei für einen kurzen Moment Friede eingekehrt, als ich mit meinem Hund durch den dunklen, vom Schnee erhellten Morgen stapfte. Er liebt den Schnee. Wie ein kleines Kind rannte er die Gartenwege entlang. Kreuz und quer. Die Nase immer tief im Schnee. Ich habe ihm heute keinen Maulkorb vorgebunden. Ihm die Freiheit und den Spaß gelassen. Oh, nein! Er trägt keinen Maulkorb, weil er bissig ist. Er ist verfressen! Alles, was irgendwie fressbar zu sein scheint, inklusive einiger der reichlich auf den Straßen verteilten Papiertaschentücher, verschwindet in seiner Schnauze. Das ließ sich nicht aberziehen, auch nicht durch Hundetrainer. Leider sind auch bei uns schon Giftköder aufgetaucht. Und Hackbällchen mit Rasierklingen und Nägeln.  Die einzige Möglichkeit meinen Hund zu schützen, ist dieser von ihm ungeliebte Maulkorb. Auch wenn es ein ganz weicher ist. Und schon ist der frühe Frieden wieder verschwunden. Die Realität ist schneller und rennt auf der Überholspur. Aber diese kurze Zeit heute morgen, die Ruhe, dieses Zwielicht, das Knirschen meiner Schuhe im unberührten Schnee und mein fröhlicher Hund haben mir etwas gegeben, das ich schon lange nicht mehr gefühlt habe. Stille auch in mir. Seelenfrieden für einige wertvolle Augenblicke.

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10 Antworten zu Stille

  1. Hans-Georg schreibt:

    Bei uns liegen max 1,5 cm, und die sind nicht mal flächendeckend.

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    • Elvira schreibt:

      Ich befürchte, dass wir heute unser Auto nicht freibekommen. Es steht neben einer Einfahrt, und die Hausbesitzer haben den Schnee vom Bürgersteig als großen Haufen hinter unserem Auto aufgeschüttet. Nun hoffen wir, dass das Auto vor uns wegfährt. Das sind die Nachteile von mehr als 1,5 cm Neuschnee.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  2. wildgans schreibt:

    Endlich zum Monat Januar passendes Wetter. Winterschönheit, ja, die gibt es. Wenn auch heutzutage meist nur flüchtig. Diese Netze gefallen mir sehr!
    Gruß von Sonja
    P.S. Und die Schilderungen vom Spaziergang, von den Geräuschen, bzw. der Stille- und so…

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  3. Ulli schreibt:

    Die Netze passen wunderbar zur Schneestruktur. Ich freue mich, dass ihr auch etwas von der weissen Pracht abbekommen habt. Ich weiss ja, wieviele sich nach genau solchen Momenten sehnen, wie du sie so wunderbar beschrieben hast, liebe Elvira.
    Wir haben mehr als genug und es darf jetzt wirklich mal aufhören und die Sonne rauskommen, sie hat heute immer mal wieder geübt, herrlich war das! Gerade eben aber flockt es wieder …
    liebe Grüsse
    Ulli

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    • Elvira schreibt:

      Leider verwandelt sich die Pracht in der Großstadt sehr schnell in eine graue Matsche mit gelben und braunen Flecken. Wenn auf dem Balkon Schnee liegt, kann ich Hund nicht raus lassen. Er sorgt sofort für die gelbe Musterung.
      Die Netze sind gehäkelte Weihnachtssterne (s.Antwort auf wildgans Kommentar).
      Herzliche Wochenanfangsgrüße schickt Elvira

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  4. Eva schreibt:

    Sehr atmosphärisch beschriebener Hunde-Schnee-Spaziergang, liebe Elvira. Der Sonntagmorgen ist immer besonders – weniger Hektik, mehr Ruhe, und er gehört auch immer mir und unserem Hund. Ich mag diese Stille, die im Schnee besonders still ist. Eine Zeit, die mich erdet … wenigstens eine Zeit lang.

    Schnee hatten wir heute nur in homöopathischen Dosen, auf dem Bürgersteig höchsten 3 Millimeterchen und die Wiesen waren minimalst gepuderzuckert. Aber der Hund war aufgeregt, als lägen 30 cm. 😉

    Es grüßt
    Eva

    PS: In letzter Zeit häufen sich wieder Vorfälle mit Gift- oder Splitterködern. Wie viel Hass muss man dafür in sich tragen?

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    • Elvira schreibt:

      Was mich an diesen Monaten stört, ist nur die Dunkelheit. Wenn dann aber Schnee liegt, ist dieses Licht irgendwie besonders. Und im Sonnenschein dann dieses Glitzern und Funkeln. Einfach schön! Dennoch freue ich mich auf den Frühling. Es wird schon etwas später dunkler.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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      • Eva schreibt:

        Ja, die Tage werden wieder länger bzw. die Nächte kürzer, aber bis zum richtigen Frühling kann es uns noch lang bzw. dunkel werden. Schnee macht den Winter heller, frischer und ich liebe es, wenn morgens die Wiese mit dicker Schneedecke vor mir liegt … kein Fußstapfen weit und breit, vollkommen unberührt. Das hatte ich diesen Winter noch nicht, leider. Was mir im Winter auch noch gut gefällt sind die Sonnenauf- und -untergänge … im Sommer verschläft davon man so einige. 😉

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  5. Gudrun schreibt:

    Das Auto blockiert er, aber dir hat er offensichtlich gut getan. Angekündigt war er auch hier und ich hatte die Kameratasche schon an die Türklinke gehängt. Aber dann waren die wenigen Krümeln nicht der Rede wert. Schade.
    Liebe Grüße von der Gudrun

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