Migration und Immigration

Es gibt einen Journalisten, dessen Beiträge ich seit vielen Jahren gerne lese. Er heißt Arno Widmann, war Mitbegründer der taz und schreibt jetzt u.a. für die Berliner Zeitung. Was seine Artikel für mich so lesenswert macht? Neben dem Intellekt und der offensichtlich sorgfältigen Recherche sind das seine Menschlichkeit und sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, die aus seinen Zeilen sprechen. Das fiel mir besonders auf, als er seiner damaligen Kollegin Mely Kiyak, deren Kolumne ich außerordentlich gerne las, solidarisch gegen rechte Hetze zur Seite stand.

In jüngster Vergangenheit ging mir sein Nachruf auf Roger Willemsen sehr nahe. Ich habe keinen weiteren gelesen, der so persönlich war, der mir vermittelte, da ist einer, der ihn zu kennen schien, einer, der wirklich und wahrhaftig traurig ist. Dieser Nachruf ist mit Herzblut geschrieben worden.

Roger Willemsen wusste das. Er wusste das nicht nur, sondern er lebte das. Er verließ die Universität und stürzte sich … ins Leben? Das weiß ich nicht. Wo immer er sich auch hingestürzt haben mag. Ich entdeckte ihn erst wieder in den Medien. Dort befragte er, ich habe keine Ahnung mehr, wie viele Leute. Ich hätte gerne gelernt von ihm. Aber ich war zu befangen. Zu sehr eingesponnen in meine eigenen kleinen Ängste. Wie die meisten von uns. Wir teilten mit ihm die Schüchternheit. Sie verließ ihn nie. Er aber war in der Lage, sie manchmal zu verlassen. Er trat gewissermaßen aus ihr hinaus. In kleinen Momenten.

Auszug aus dem Nachruf in der Berliner Zeitung

Und nun dieser Artikel zum Tode von Umberto Eco. Zur Einführung weist uns Herr Widmann auf das 1998 erschienene Buch „Vier moralische Schriften“ hin. In einer von ihnen geht es um Migration, Toleranz und das Untolerierbare. Um die Unterscheidung von Immigration und Migration.

Wir haben nicht auf Umberto Eco gehört

Umberto Eco schrieb vor fast zwanzig Jahren: „Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist, dass Europa im nächsten Jahrtausend – da ich kein Prophet bin, kann ich das Datum nicht präziser angeben – ein vielrassischer oder, wenn man lieber will, ein „farbiger“ Kontinent sein wird. Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen.“

Auszug aus dem Nachruf in der Berliner Zeitung

Ich denke, diese beiden Artikel werden auch euch gefallen.

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6 Antworten zu Migration und Immigration

  1. Ulli schreibt:

    Vielen Dank und herzliche Grüsse
    Ulli

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  2. leonieloewin schreibt:

    Danke für das Teilen. Liebe Grüße Leonie

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  3. Martin schreibt:

    „Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen.“

    Cooles Fazit… direkt und ausweglos!

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  4. Gudrun schreibt:

    Nein, Mauern werden es wahrlich nicht aufhalten. Es wäre gut, wenn es Konzepte, Ideen, Visionen gäbe, wie wir zusammen leben können, auf Erden und in Europe Bisher kommt immer nur solch ein Blabla wie Obergrenze, Begrenzung, Schnelle Abschiebung, … Ich denke nämlich, dass Zusammenleben gut geht. Und keinem wird die Butter vom Brot genommen.

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    • Elvira schreibt:

      Ein Problem scheint mir ein rein sprachliches zu sein. Statt von flüchtenden Menschen wird immer von Flüchtlingen gesprochen, was de facto natürlich nicht falsch ist, aber den Menschen an sich vergessen lässt.

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  5. Eva schreibt:

    Du hast richtig gedacht, die Texte gefallen mir. Danke!

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