Klo-Philosophie

Vorab möchte ich gleich etwas klarstellen. Ich gehöre nicht zu der Spezies Mensch, die ihre Darm- und Blasengeschäfte unnötig in die Länge zieht. Unterwegs nicht und auch nicht auf dem heimischen Klo. Bei mir finden sich keine Bücher, Magazine oder Zeitungsartikel im Badezimmer, die offenbar nur dort gelesen werden können. Als meine Söhne noch bei uns wohnten, hatte einer der beiden im jugendlichen Alter das Gäste-WC für sich reserviert. Dort lagen Comics für ihn bereit, meistens Gaston oder Marsipulami. Ihr kennt Marsipulami nicht? An meiner Zimmertür klebt noch ein Exemplar. Ein Überbleibsel aus Kinderzimmertagen. Das Ende des Schwanzes ist dem Versuch zum Opfer gefallen, den ziemlich großen Aufkleber von der Tür zu entfernen.

Später wurden die, übrigens auch von mir geliebten Comics, von Büchern abgelöst. Mich wundert noch heute, dass dieser Sohn das heil überstanden und keine wundgesessenen Stellen  bekommen hat. Was wäre nur gewesen, wenn wir ausschließlich über eine Toilette verfügt hätten? Übrigens liegen heute in beiden Sohnfamilien Bücher an entsprechender Stelle bereit. Allerdings nicht in Romanlänge. Es handelt sich eher um schmale Bände mit witzigen Anekdoten oder Antworten auf Fragen wie „Warum ist der Himmel blau?“.

Nun, eines aber hat das Klo bestimmt. So einen meditativen Touch. Man lässt die Blicke auf das Drumherum schweifen. Je nach Stimmung übersieht man die Flusen unter der Heizung oder lässt zu, dass die eh miese Laune noch schlechter wird. In diesem Fall ist man dankbar für den selbstabsenkenden Klodeckel, den man ansonsten, heftiger als für ihn bekömmlich, zugeworfen hätte. Was mich betrifft, neige ich meistens zum Übersehen. Jedenfalls heute. Früher war das anders. Aber das zunehmende Alter dämpft neben anderen Zwängen auch den Putzzwang. Ich denke eher daran, dass ich die Kerzen im Bad schon ewig nicht mehr angezündet habe. Oder ich frage mich, woher wohl die Korallen stammen, die meine Tante vor Jahrzehnten bei einem Besuch aus ihrer neuen Heimat mitbrachte. Zu einer Zeit, als es das Wort Korallensterben noch nicht in meinem Sprachschatz gab. Manchmal denke ich an meine Kinder. Dort, wo früher acht Handtücher hingen, hängen seit Jahren nur noch vier. Nein, das macht mich nicht traurig! Es ist eben nur so ein Gedanke von vielen.

Letztens, als ich so gedankenverloren dort saß, fiel mein Blick auf den kurz zuvor gesaugten Badezimmerteppich. Und mir fiel auf, dass die Streifen nie die selben sind. Der Staubsauger bestimmt die Anordnung der Fasern. Niemals sind die Streifen gerade. Immer tanzen ein paar Fasern aus der Reihe. So wie unser Leben nie geradlinig verläuft. Wir tanzen auch immer wieder mal aus der Reihe. Wir trotzen unseren Eltern als Kleinkinder, nerven sie in der Pubertät, wollen nicht den Weg gehen, den sie für den richtigen halten. Wir tänzeln hier hin, dann reihen wir uns wieder ein, nur um wenig später wieder einen neuen Takt auszuprobieren. Wir sind Reisende, die immer nach neuen Wegen suchen, die schließlich nur ein Ziel haben. Uns zu finden. Und so ist der Fußabdruck im frischgesaugten Badezimmerteppich nichts weiter als ein klitzekleiner Moment zwischen sich immer ändernden Streifen.

Wie ich so nachdachte über dies und über das, fiel mir auf, wie selten ich hier schreibe.  Das letzte, worüber ich mich auslassen wollte, sind Klosachen. Aber auch das gehört zum Leben, nicht wahr? Und so nahm ich meine Kamera, fotografierte den betreffenden Fußabdruck des Teppichs und spielte mit dem Ergebnis herum. Mein Schlussgedanke: So eine Sitzung kann das Leben doch tatsächlich bunter machen!

streifen

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter allerlei abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Klo-Philosophie

  1. Hans-Georg schreibt:

    Ist das jetzt Latrinenphilosphie?
    Ich philosophiere in Gedanken gerade darüber, was da für ein merkwürdiger Abdruck auf dem Teppich zu sehen ist. Ich denke mal, das ist nicht das, wonach es aussieht.

    Gefällt mir

  2. Sarah schreibt:

    ES ENTLOCKT MIR EIN lÄCHELN
    einen schönen Sonntag-nachmiitag
    Sarah

    Gefällt mir

  3. Ulli schreibt:

    Herrlich gespielt, es ist eine Freude!

    Gefällt mir

Ich lese gerne Deine Meinung dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s