Die Wolke

Wie sie da so lag, ausgestreckt im Gras,  die Arme unter ihrem Kopf verschränkt und die Wolken am Himmel betrachtete, begann sich eine Frage hinter ihrer Stirn zu formen. In welcher Wolke waren wohl ihre Fotos? Gab es eine einzige Wolke nur für sie? Waren dort auch alle ihre anderen Daten gespeichert? Oder mussten sich mehrere Menschen eine Wolke teilen? Änderten die Wolken deshalb ohne Unterlass ihre Form? Immer, wenn ein neues Foto oder ein Video hochgeschickt wurde? Vielleicht sahen die Wolken deshalb manchmal wie Elefanten oder Hunde oder Monster aus? Einige Male schien es ihr, als sähe sie einen ganzen Gebirgszug in der Wolke. Ob in dem Moment wohl jemand seine Urlaubsfotos aus Südtirol in die Wolke legte? Das es Südtirol gewesen sein muss, war ihr sofort klar. Schließlich kannte sie es sehr gut. Es war ihre Heimat. Plötzlich war sie sich sicher, warum der Himmel manchmal wolkenlos war. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war er nicht nur manchmal wolkenlos, sondern sehr häufig. Vielleicht haben viele Menschen ihre Daten gelöscht? Und Wolke um Wolke löste sich auf. Oder es wurden gerade keine Wolken benötigt, weil die Menschen lieber wanderten und die Berge und Wiesen und Seen und Almen nicht in Pixel verwandelten, sondern in ihren Köpfen speicherten. Zusammen mit dem Duft der Wiese und den Kräutern und dem süßwarmen Geruch der Kühe. Vielleicht erinnern sie sich daran, wie die Sonne auf ihren Kopf schien und wie angenehm es war, die müden Füße in den Bach zu tauchen. Und wie die Wurst aus der Hand schmeckte, während einer Rast. Wie der Blick über die Gipfel wanderte, so weit und klar. Ja, solche Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als sie so im Gras lag und  die Wolken betrachtete. Sie schüttelte den Kopf über diesen Unsinn, stand auf und klopfte sich die Grashalme ab, die an ihrer Kleidung hingen. Dann verließ sie den Park, überquerte die vielbefahrene Straße und betrat ein Bürohaus. Ihre Pause war vorbei.

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3 Antworten zu Die Wolke

  1. Ulli schreibt:

    Gar kein Unsinn will ich der Wolkenbetrachterin zurufen, denn wie es ist es denn wirklich so mit all den Daten und den Clouds? Ich verstehe das ja nie wirklich, genauso wenig wie Musik aus dem Radio, trotz allem Wissen von Strahlen und Schwingungen und so-
    Aber es steckt ja noch etwas ganz anderes in deiner Geschichte, die ich sehr mag, nämlich mal alles, was uns begegnet einfach nur einmal zu geniessen und nicht immer sofort festhalten zu wollen oder zu teilen. Ich teiel auch gerne, aber nicht mehr alles und um jeden Preis. Gehe ich nämlich ohne Kamera übers Land, dann bleiben die Eindrücke und Momentaufnahmen in mir gespeichert, kommen sie auf die Ladekarte, dann gehen viele Momente verloren- ich finde diese Beobachtung immer noch sehr interessant.
    Liebe Elvira, danke für diese schöne Geschichte
    herzliche Grüsse
    Ulli

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  2. Elvira schreibt:

    Mein Mann hat mir in der Mediathek einen kurzen Beitrag über eine Frau aus Südtirol gezeigt. Sie kocht leidenschaftlich gerne, hat eine immense Kenntnis über (Wild-) Kräuter und besitzt eine riesengroßen Garten, in dem sie alles selber anbaut, was sie für sich und ihre Pensionsgäste benötigt. Gut, Garten ist zu klein ausgedrückt, es ist ein sehr, sehr großer Garten. Bei den eingeblendeten Landschaftsaufnahmen hatte ich genau diese Erinnerungen. Und als ich dann noch an die Frage einer jungen Frau dachte, was eine Datenwolke eigentlich ist, machte ich daraus diese klitzekleine Geschichte.
    ❤️ Elvira

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  3. Eva schreibt:

    Wenn die Gedanken mit den Wolken weit dahinziehen … und sei es nur eine kurze Pause lang. Habe mir lesend eine Pause aus dem Alltag gegönnt. Danke Dir. 🙂

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