Dancing In The Street

Die Vögel sind verstummt. Selbst die Frösche in den vielen Teichen haben ihre Konzerte eingestellt. Das ist der Moment, in dem ich meine Kopfhörer wieder aktiviere. Gerade überlege ich, ob ich mir vielleicht doch On-Ear-Kopfhörer zulegen sollte. Die In-Ear lassen den Autolärm leider nicht außen vor. Als ich heute früh zur Arbeit ging, hörte ich verschiedene Titel von meinem Smartphone. Ich habe keine Playlists, sondern lasse den Zufall bestimmen, was ich zu hören bekomme. Egal, was es ist, es trifft immer mein tiefstes Inneres. Denn es ist Musik, die mich bewegt. Mein Weg zur Arbeit ist recht kurz. Wenn ich trödel, sind es 25 Minuten. Aber es sind meistens beschwingte 25 Minuten. Oh nein, ich höre keine Swingmusik oder Schlager. Obwohl! Ab und an ist auch ein solches Stück dabei. Heute morgen habe ich mich gefragt, warum ich nicht meinen Gefühlen nachgebe. Ich würde zu gerne zu der Musik tanzen. Mich ab und an um meine eigene Achse drehen. Aber das mache ich nicht. Das macht niemand. Außer in Musikvideos. Wenn es hoch kommt, schnippe ich mit den Fingern. Oder klatsche mit den Händen gegen meine Schenkel. Was hält mich von meinen Impulsen ab?   Wann wurde mir beigebracht, wie ich mich zu benehmen habe? Und wer bestimmt überhaupt, was gutes Benehmen ist? Mit 61 Jahren habe ich mich tätowieren lassen. Zwei Jahre später, genauer gesagt vor zwei Wochen, war ich erneut im Studio. Meine Tattoos sind nicht versteckt am Fußknöchel oder einer anderen nicht einsehbaren Stelle. Nein! Meine Tattoos sind einfache und kleine Kunstwerke, die ich sehen will. Und andere sollen das auch. Sie wurden in die Unterarme gestochen. Und ja, ich liebe sie. Natürlich sind sie auch ein Stück Rebellion. Ich wurde  spät rebellisch, obwohl erste Anzeichen früh zu erkennen waren. Aber sie wurden erstickt. Bürgerliche Moralvorstellungen oder etwas in der Art. Manchmal muss ich  an Brechts unwürdige Greisin denken. Doch ich bin nicht wie sie. Ich tanze nicht durch die Straßen. Ich schnippe nur mit den Fingern zum Takt der Musik. Und würde doch so gerne…

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6 Antworten zu Dancing In The Street

  1. Clara HH schreibt:

    Meine Bewunderung zu deinen Tattoos. Nicht so sehr wegen des Alters (ich war 59, als ich mir die drei habe stechen lassen), sondern mehr wegen der Platzierung. Ich habe mir sagen lassen, dass die am Fußknöchel besonders schmerzend gestochen werden. Ich habe schon an der Außenwade Tränen vergossen.
    Viel Freude damit wünscht Clara

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  2. Gudrun schreibt:

    Ich glaube, man muss sich lieben, um sich so zu schmücken. Ich finde es schön, dass du Mut zu den Tatoos hattest. Und das nicht zu irgendwelchen, sondern Wohlüberlegten, sehr Persönlichen.

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    • Elvira schreibt:

      Ich würde nicht sagen, dass ich mich liebe. Aber ich habe mich mit mir abgefunden. Wäre ich heute jung, würde ich mich vielleicht nicht tätowieren lassen. Für Jahrzehnte vorzuplanen und sich zu fragen, ob mir die Motive dann immer noch gefallen, ich weiß nicht. Aber jetzt ist das o.k., auch an einer Stelle, die ziemlich spät schrumpeln wird.

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