Stollenwand und Mäusejagd

Nur zweimal im Jahr, nämlich im Herbst und im Frühling, scheint die Sonne in diesem Winkel durch unser Wohnzimmerfenster und erweckt unsere alte Stollenwand zu neuem Leben. Alt ist sie wirklich! Mein Mann brachte sie vor 42 Jahren mit in unsere Beziehung. Damals war sie Raumteiler in seiner Einzimmerwohnung. Das große Altberliner Zimmer wurde zu Zweidrittel zum Wohnzimmer, das war der Teil mit dem Fenster. Hinter der Stollenwand stand ein Bett und ein kleiner Kleiderschrank. Irgendwie war das sehr gemütlich. Vierter Stock, Seitenflügel. Balkon an der Küche zum Hof hinaus. Im Badezimmer musste noch ein Ofen beheizt werden, damit wir warmes Wasser benutzen konnten. Das machte uns alles nichts aus. Wir waren jung, frisch verliebt und hatten eine scheinbare Ewigkeit vor uns. Das ist jetzt genau diese Ewigkeit her. Vielleicht hänge ich deshalb so an dieser Stollenwand. Zwischenzeitlich gab es immer mal wieder die Überlegung, sie zu ersetzen. Durch etwas Kleineres, das dennoch ausreichend Platz für Bücher bietet. Wir haben uns nie für eine neue Variante entscheiden können. Auch wenn mittlerweile nicht mehr alle Regale über und über mit Büchern gefüllt sind. An die 200 haben wir nach und nach weggegeben, viele Bücher stehen in Schränken und auf Regalen in anderen Räumen. Diese neuen Möbel, die seit einiger Zeit modern sind, mögen wir nicht. Sie sehen alle so gleich aus. Rechts und links ein Schrankteil, dazwischen ein niedriges Teil für den riesigen Fernseher und vielleicht noch ein Regal darüber. Bei uns würde da in der Mitte eine Riesenlücke klaffen, da unser Fernseher sehr klein ist. Er steht ganz links im Schrank und wird meistens auch noch von dem Sessel verdeckt. In diesem Jahr habe ich ihn ein einziges Mal angestellt. Das war nach der Umstellung von DVB T1 auf DVB T2. Mein Mann hat in seinem Zimmer auch einen Fernseher, der sich seines Daseins erfreuen darf. Mein Mann sieht überwiegend politische Sendungen und Reisedokumentationen. Wenn er meint, ich müsse unbedingt auch etwas davon sehen, nutze ich die Mediatheken und schaue auf meinem iPad. Das reicht mir. Im nächsten Jahr steht die Renovierung des Wohnzimmers an. Dieser Gedanke beschert mir schon jetzt Albträume. Vor einigen Jahren haben wir die Stollenwand aufarbeiten lassen. Der Tischler meinte, dass sie einen erneuten Ab- und Aufbau wohl nicht überleben würde. Vielleicht ist dann die Zeit des Abschieds gekommen. Irgendwann in naher Zukunft steht auch ein Wohnungswechsel auf dem Programm (vorausgesetzt wir bekommen eine 2,5Zimmer-Wohnung, die preiswerter als unsere 4zimmrige ist, was zur Zeit eher unwahrscheinlich erscheint), dann wäre das Viermetermonstrum sowieso zu groß. Obwohl! Wir könnten dann ja einfach ein Segment weglassen…. Ihr seht, so wirklich Anfreunden mit dem Gedanken an eine Trennung kann ich mich nicht.


Zu den Erinnerungen, die an diese Stollenwand geknüpft sind, gehört auch unsere Hochzeitsnacht. Wir haben in sehr kleiner Runde geheiratet. Erst Standesamt, dann ein kleines Sektfrühstück bei uns, anschließend Essen in einem Restaurant. Als mein Mann und ich dann am Abend bei einem Glas Wein und Kerzenlicht den Tag ausklingen lassen wollten, sah ich aus dem Augenwinkel eine Maus über den Schrank huschen. Nun gehöre ich nicht zu den Frauen, die beim Anblick dieser Tierchen kreischend auf den nächsten Tisch flüchten. Für Hochzeitsabendunterhaltung sorgten zwei weitere Mäuse, japanische Tanzmäuse, wie wir später erfuhren. Diese zu fangen, erwies sich als recht schwierig. Mit Diakästen bauten wir eine Mauer in den Durchgang zwischen Schrank und Zimmerwand, nachdem wir die Mäuse in den hinteren Teil des Zimmers gescheucht hatten. Schließlich gelang es uns, auch diese beiden flinken Tierchen in ein Falle zu locken. Am nächste Tag setzten wir die Nager in einem Park aus. Arbeitskollegen meines Mannes hatten uns diesen Streich gespielt. Als wir essen waren, zwängten sie die Mäuse durch den Briefschltz unserer Wohnungstür. Direkt hinter dem Briefschlitz saß bereits eine weiße Maus auf dem Gitter, das die Post auffängt. Diese konnten wir ohne Mühe greifen und in ein Gefäß setzen. Natürlich dachten wir, dass es nur die einzige Maus wäre. Bis dann bei Wein und Kerzenlicht….

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5 Antworten zu Stollenwand und Mäusejagd

  1. wildgans schreibt:

    Stollenwandgeschichten. Die habe ich gern gelesen. Danke.

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  2. Ulli schreibt:

    Ich hab die Geschichte auch sehr gerne gelesen!
    Danke dir,
    liebe Grüße
    Ulli

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  3. Gudrun schreibt:

    Eine schöne Geschichte aus so vielen Erinnerungen. Danke.

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  4. quiltfru schreibt:

    Das ist eine so goldige Geschichte, die Du da erzählt hast. Sie hat mich so an unsere frühen Jahre erinnert. Wir hatten auch beide kein Geld. Wozu auch. Es gab ja Jaffa Möbel. Als wir dann von München nach Ulm zogen – München ist, wenn man kein Geld hat, uninteressant – da hat mein Mann, der holzhandwerklich sehr geschickt ist, einen Schreibtisch, einen Kleiderschrank und eine Stollenwand, die so ähnlich war, wie Deine, gebaut. Die ist dann noch mit umgezogen, wurde aber durch eine „ordentliche“ Stollenwand, die aber genauso aufgebaut war, ersetzt. Und die geht mir nicht aus dem Haus! Die modernen Möbel finde ich schlichtweg zum …..Stereotyp und kalt, Ohne Gemütlichkeit, ohne Persönlichkeit. Wie die Riesenküchen, die alle haben wollen/haben, obwohl sie nicht kochen können (die meisten). Es war doch eine unglaublich schöne Zeit. Ist sie doch auch jetzt noch, jedenfalls was uns alte Kracher angeht, oder? Alles Liebe und genieße die letzten schönen Tage, Birgitt

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    • Elvira schreibt:

      Mein Mann ist handwerklich nicht so geschickt. Wäre er das, hätte er sicherlich auch einen Prototyp dieses Schrankes gebaut. Für damalige Verhältnisse war das Teil sehr teuer, aber mein Mann, ein Jahrzehnt ältere als ich, hatte zu der Zeit gut verdient. Letztens sah ich in einer Zeitungsannonce eine wunderbare Regalwand, die auch für kleinere Zimmer ideal wäre. So ähnlich wie in großen Bibliotheken ließen sich Elemente im Vordergrund hin- und herschieben. Das wäre eine echte Alternative!
      Heute war hier ein herrlicher Spätsommertag. So, wie es sich gehört.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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