Die unsichtbare Krankheit

Wenn uns ein Mensch mit einem Gipsverband begegnet, wissen wir sofort, dass er sich einen Arm, ein Bein oder etwas anderes gebrochen hat. Wir fragen dann, wie das geschehen ist und bekunden unser Mitgefühl. Treffen wir einen Menschen mit Schniefnase, der auch unter Hustenanfällen leidet, ist uns sofort klar, dass ihn eine schlimme Erkältung erwischt hat. Gerne geben wir gute Ratschläge und berichten von unseren vielfältigen Hausmittelchen, während wir bemüht sind, uns nicht anzustecken. Doch dann gibt es noch Krankheiten, die wir nicht sofort erkennen. Von einer erfahren wir sehr selten, es sei denn, ein Prominenter ist davon betroffen. Dann wundern wir uns. Denn dieser Prominente war doch stets fröhlich oder eine Sportskanone. Lesen wir dann, dass dieser Mensch sich getötet hat, fragen wir uns, wie es dazu hat kommen können. Eine kurze Zeit ist diese Krankheit im Bewusstsein der Öffentlichkeit, bevor sie wieder in ihrer dunklen Ecke verschwindet. Die Depression hat viele Erscheinungsbilder. Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Desinteresse, Angst, Wut, andauernde Müdigkeit, Abbruch der meisten sozialen Kontakte und Scham. Je nach Grad der Depression sind die Symptome unterschiedlich schwer. Manchmal treten nur eines oder zwei auf. Das sind die leichten Episoden. Der kranke Mensch weiß meistens nichts von seiner Krankheit. Und sehr selten geht er zum Arzt. Bis er schließlich alle Symptome der mittelschweren Depression zeigt. Meistens bricht dieser Mensch plötzlich zusammen. Denn alle Kraft, die er benötigte, um seinen Alltag zu bewältigen, seine Rolle in der Familie und im Beruf gut zu spielen, ist plötzlich aufgebraucht. Schafft er es jetzt, zu einem Arzt zu gehen, hat er die Chance, dass die Depression erkannt und behandelt werden kann. Ist der Grad der schweren Depression, die häufig auch mit Suizidgedanken einhergeht, erreicht, bleibt nur zu hoffen, dass der Kranke Menschen um sich hat, die das erkennen. Denn das große Problem dieser Krankheit ist eben, dass sie nicht immer erkannt wird. Und während die Genesungswünsche bei einem Armbruch oder einer Erkältung gerne entgegengenommen werden, machen die vielen Ratschläge , die sicher alle gut gemeint sind, den Depressiven noch depressiver. Ratschläge wie: Du musst mehr rausgehen, anderen geht es noch schlechter, such dir ein Hobby, geh mal wieder in ein Konzert, draußen scheint die Sonne und du sitzt hier rum, hör auf mit Trübsal blasen, reiß dich mal zusammen und vieles mehr. Aber der depressive Mensch kann diese Ratschläge nicht befolgen. Nicht, weil er es nicht möchte, er kann es einfach nicht. Depression ist behandelbar. Es gibt sehr viele Hilfsangebote. So hat Teresa Enke nach dem Suizid ihres Mannes Robert die Robert-Enke-Stiftung ins Leben gerufen. Es gibt auch eine App mit vielen Informationen. Der erste Schritt aber ist es, diese Krankheit zu erkennen und, wenn die Diagnose gestellt wurde, diese zu akzeptieren und behandeln zu lassen. Achtet auf eure Freunde und Familienmitglieder, wenn sie sich ohne erkennbaren Anlass verändern und sich zurückziehen. Es muss nicht, aber es könnte sich um eine beginnende Depression handeln.

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