2. Etüde 8+9 2020

 

Das Urteil in 297 Worten für Christianes Etüden

„Angeklagter, bitte erheben Sie sich!“. Ein Mann stupste ihn an: „Sie sind gemeint!“. Unsicher stand Leon auf und schaute sich ängstlich um. Er war offensichtlich in einem Gerichtssaal. Unter den wenigen Zuschauern, die auf den Bänken  hinter ihm saßen, war weit und breit kein bekanntes Gesicht zu sehen. Auch der Mann neben ihm war ihm fremd. Wie war er nur hierher gekommen? Er hatte keinerlei Erinnerung an die vergangenen Stunden. Das letzte, was ihm einfiel, war die Abschlussfeier. Hatte er zu viel getrunken? Hatten die Kommilitonen ihm aus Schabernack eine Droge ins Bier getan? Aber er fühlte sich nicht benommen oder verkatert.  Was war nur geschehen? Was hatte er angestellt? Panik erfasste ihn, als der Richter sich zur Seite wandte: „Sind die Geschworenen zu einem Urteil gelangt?“. Eine Frau erhob sich, rückte ihre Brille zurecht und begann von einem Stück Papier abzulesen, das sie in den Händen hielt. „In der Strafsache Leon X, angeklagt wegen…“. Die schrillen Sirenen des Feueralarms verschluckten die nächsten Worte. Aufgeregt rannten die Menschen zu den Ausgängen, während der Richter mit seinem Hammer auf den Tisch hämmerte und „Ruhe, Ruhe, Ruhe!“ schrie. Leon lief zum Richter, schnappte sich den Hammer und schlug wie wild auf eine der Sirenen ein. Doch sie schrillte weiter. Der Richter versuchte, Leon den Hammer zu entreißen, verhedderte sich dabei in seiner Robe und stürzte kopfüber über eine Bank. Aus einer Platzwunde an der Stirn sickerte Blut und Leon verlor endgültig die Fassung. Laut schreiend rannte er zu einer der Türen, während er einen merkwürdigen Geruch wahrnahm. Kaffee? Wie konnte Feuer nach Kaffee riechen? „Liebling, es ist an  der Zeit aufzustehen!“ Auf der Bettkante saß seine Freundin  und hielt ihm eine dampfende Tasse Kaffe unter die Nase.  Verdammt, nun würde er nie erfahren, welches Verbrechen er begangen haben soll.

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3 Antworten zu 2. Etüde 8+9 2020

  1. Werner Kastens schreibt:

    Ja, manchmal wundert man sich, was man so alles zusammenträumt!
    Schön!

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane schreibt:

    Also echt. Da entkommt er knapp dem Chaos mit dem Leben, erwacht und ist nicht froh, noch in einem Stück zu sein, sondern möchte nur wissen, was er im Traum denn verbrochen hätte!?!?
    Der verdient den Traum glatt noch mal. Ohne Störung. Was allerdings dann irgendwann seine Freundin in Bedrängnis bringen wird 😉
    Danke dir!
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🍵👍, ganz ohne Karneval

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.20 | Wortspende von Corlys Lesewelt | Irgendwas ist immer

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