Etüde 10+11 2020 Nr.2

Christianes Etüdenprojekt wird in diesen zwei Wochen sicherlich viele Beiträge bekommen. Ich werde mich ebenfalls mit einem weiteren Post in 198 Wörtern beteiligen.

Erfüllung

Alle sprechen vom Sonnenuntergang. Diese Zeit voller Magie, die wir am Strand verbringen, oder auf der Dachterrasse eines hohen Gebäudes einer großen Stadt. Doch dann geht die Sonne nicht genau an der Linie unter, die Himmel und Meer am Horizont trennt. Sie verschwindet einfach vorher hinter einer Schicht aus Wolken oder einem diffusen Schleier aus feuchter Luft. Statt die Dächer der Stadt in ein Licht zu tauchen, das warm und goldschimmernd all das Grau darunter vergessen lässt, verabschiedet sich die Sonne hinter  Rauchschwaden, die die zahlreichen Schornsteine in die  dunkelwerdende Atmosphäre pusten. Viele Sonnenuntergänge sind wie gebrochene Versprechen. Wie stiefmütterlich wird dagegen der Sonnenaufgang behandelt. Dieser Moment, der die Nacht vertreibt, mit all ihren dunklen Ängsten in den Schatten unserer Zimmer und unserer Phantasie. Oder wenn der erste Strahl der aufgehenden Sonne durch unser Fenster scheint, unser Bett erreicht , und wir nach einer Nacht voller Liebe im Arm unseres Liebsten erwachen. Dieser Zauber des frühen Morgens ist es, die uns vergessen lässt, dass wir uns keine Reise leisten, nicht in den Süden fliegen,  keinen magischen Sonnenuntergang erleben können. Denn wir haben diese Momente des Erwachens, dieses Staunens über uns, das erfüllender ist als jeder Sonnenuntergang auf dieser Welt!

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6 Antworten zu Etüde 10+11 2020 Nr.2

  1. puzzleblume schreibt:

    Persönliches Erleben gegen codiertes Klischee gesetzt – überraschend und schön. Das rote Windrad vor der Stadtszene passt super dazu.

    Liken

  2. Christiane schreibt:

    Weißt du, ganz praktisch, ich glaube, der SonnenAUFgang ist deshalb so verpönt, weil er so früh ist, dass zu der Hälfte der Zeit die Leute noch schlafen. 😉
    „Viele Sonnenuntergänge sind wie gebrochene Versprechen.“ Ja – wenn man den perfekten Sonnenuntergang will. Trotzdem finde ich persönlich Sonnenuntergänge tröstlich. Eigentlich immer.
    Liebe Grüße, danke schön für diesen wunderschönen Text
    Christiane 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. gingerpoetry schreibt:

    du hast völlig recht – der Sonnenaufgang wird unterschätzt. Aber es lohnt sich, dafür aufzustehen! Man hat die Welt für sich alleine…

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.20 | Wortspende von Elke H. Speidel | Irgendwas ist immer

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