Der verwunschene Garten

Sollte sie die Polizei rufen? Emma war sich nicht sicher. Vorsichtig schob sie zwei Lamellen der Jalousie nach oben und lugte durch den Spalt nach draußen. Da war sie wieder, diese Frau, die jetzt zum xten Mal durch die Kolonie lief. Emma kannte fast alle, die an ihrer Laube vorbeigingen. Überwiegend waren es Menschen, die mit ihren Hunden unterwegs waren und die genau wussten, dass Emma sie beobachtete. Wehe, jemand griff nicht zum Tütchen, um die Hinterlassenschaft seines Vierbeiners zu entfernen. Dann rief Emma ihm laut hinterher und wedelte mit einer Tüte aus ihrem Vorrat. Kamen Herrchen oder Frauchen reumütig zurück, bekam Bello einen Keks zur Belohnung. Niemand war ihr deswegen wirklich böse. Im Frühjahr flanierten auch hundelose Zweibeiner durch die Kolonie. Die, die nicht den Luxus eines eigenen Gartens hatten, blieben stehen und freuten sich über jede gelbe und lila und blaue Blüte, die  nach dem Winter ihren Kopf aus der kahlen Erde steckte. Im Sommer bewunderten besonders viele Besucher Emmas Garten, denn es war kein Rosen-Rasen-Koniferen-Garten. Er hatte etwas Verwunschenes, erinnerte an alte Bauerngärten und an großformatige Kalenderfotos. Emma plauderte gerne mit den Spaziergängern. Mit einigen freundete sie sich an, lud sie auf einen Tee  ein und verabschiedete jeden mit ein paar Blumen, einer Tüte Kirschen oder einer Schüssel Johannisbeeren. Im Herbst verschenkte sie gerne einige ihrer vielen Kürbisse. Einsam fühlte sich Emma nie. Nur im Winter war ihr manchmal unbehaglich. Sie war die einzige, die auch in den dunklen Monaten in der Laube wohnen durfte. Ihr Wasser wurde nicht abgestellt und erfrieren musste sie auch nicht. Der kleine Ofen spendete behagliche Wärme und ihre Katze leistete ihr schnurrend Gesellschaft, wenn sie es sich mit einem Buch in ihrem Lieblingssessel gemütlich machte oder sich eine neue Folge ihrer Lieblingsserie ansah. Richtige Angst hatte sie bisher nie gehabt. Was sollte ihr schon geschehen? Kein Dieb würde bei ihr einbrechen, denn außer Gläsern mit eingewecktem  Obst und Gemüse gab es bei ihr nichts zu stehlen. Außerdem hatte sie ihr altes Klapphandy  immer in der Schürzentasche. Emma schaute erneut nach draußen. Die Frau schlich wieder an ihrem Zaun entlang. Emma griff nach ihrem Handy und wählte die  Nummer ihrer Tochter. Noch vor dem ersten Klingelton legte sie wieder auf. Das war doch lächerlich! Was sollte die Frau ihr schon tun? Emma nahm ihren Gehstock und ging zur Tür. Sie würde die Fremde einfach fragen, warum sie hier herumschlich. Als sie, wie jeden Abend, ihre Tochter anrief, erzählte sie ihr von dieser Frau, die hin und her überlegte, ob sie ein paar Zweige  von den Forsythien abbrechen sollte. Sie hatte schon keinen Weihnachtsbaum kaufen können, was sie sehr traurig machte. Nun wollte sie wenigstens ein paar Zweige in die Vase stellen, damit ihr Sohn mit seinen kunterbunt bemalten Eiern einen Osterstrauß daraus machen könnte. Emmas Tochter wusste, wie die Geschichte enden würde. Natürlich hatte ihre Mutter nicht nur Zweige abgeschnitten, sondern der Frau sicher auch ein paar Gläser mit Obst mitgegeben und sie und den Sohn auf ein Stück Osterkranzkuchen eingeladen. Manchmal dachte sie, dass Emma wie ihr Garten war. Irgendwie verwunschen, ein bisschen aus der Zeit gefallen und sehr liebenswert.80665E0C-A903-403E-AD21-E76C6C02D64E

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