Plötzlich Tränen

     Verblassen ©️EV 2020

Mein Mann und ich gehören vom Alter (76/66) zur Risikogruppe, er auch aus Gesundheitsgründen, besser gesagt aus Gründen fehlender Gesundheit. Nachdem ich im Oktober letzten Jahres mein Altersrentenalter erreicht hatte, auf das ich mich einerseits sehr freute, habe ich dennoch einen Vertrag über einen 450€-„Job“ abgeschlossen, weil andererseits die Rente unter dem Grundeinkommen liegt und ich die Arbeit in der Arbeit irgendwie doch mochte und 26 Jahre nicht so einfach wegzuschieben waren. Sieben Stunden arbeite ich an der Anmeldung, drei Stunden am Wochenende ohne Patienten für administrative Tätigkeiten. Jetzt werden die zehn Stunden auf das Wochenende verteilt. Ich darf weder Kontakt zu Patienten, noch zu den Kolleginnen oder den Ärzten haben. Das Risiko einer Ansteckung wäre einfach zu hoch, zumal wir bereits zwei über unser Labor  positiv getestete Patienten haben. Auch für das restliche Team gibt es einschneidende Änderungen. Es gibt jetzt ein 2-Schichtensystem. Jeweils zwei Ärzte und vier Kolleginnen teilen sich die Woche auf. Es gibt keine direkten Kontakte der Gruppen untereinander. Heute war mein erster Solotag. Um mich genau zu informieren, rief ich unsere Praxismanagerin an, da etliche Fragen noch offen waren. In meinem Leben habe ich einiges wegstecken müssen. Lungen-TBC als sechsjähriges Kind mit 1,5 Jahren fehlendem Kontakt zu meinen Eltern und Brüdern. Nach dem Krankenhausaufenthalt war ich zu einer langen Reha im Allgäu. Mein Opa war der einzige Mensch, der mich besuchte. Während der Zeit gab es einige traumatische Ereignisse, die sich fast vierzig Jahre später   in Depressionen und Panikattacken manifestierten. Vier Jahre intensiver Therapie hatten mich (fast) geheilt. Ab und an gab es einen depressiven Schub, den ich aber gut in den Griff bekam. Panik kam nie wieder auf. Bis jetzt! Ich glaubte fest daran, dass ich die Situation, die die ganze Menschheit gerade durchstehen muss, ebenfalls gut im Griff hätte. Zwar war da hin und wieder so ein Druck auf der Brust, so ein Hauch von etwas, an das ich mich lieber nicht erinnern wollte, aber das nahm ich nur am Rande war. Bis ich heute meine Kollegin anrief. Als sie mich fragte, wie es mir geht, wollte ich wie immer antworten. Gut! Doch dann waren da plötzlich Tränen und eine Stimme, die das aussprechen musste, was sie schon lange sagen wollte. Es ging mir nicht mehr um dieses surreale Gefühl, um diffuse Ängste. Es ging um die tiefe  Traurigkeit darüber, dass ich meine Kinder und Enkel nicht mehr sehen kann. Dass ich nicht weiß, wann ich sie wieder in den Arm nehmen kann. Auch wenn wir telefonieren können,  so fehlt mir doch die Körperlichkeit. Und dann ist da mein Mann. Wir sind zusammen alt geworden. Er hat immer zu mir gestanden, auch in sehr schweren Zeiten. Ich war oft ungerecht zu ihm. Er war mein Spiegel, meine Zeitmaschine. Hat mir gezeigt, wie es mir in zehn Jahren gehen könnte. Das wollte ich nicht sehen, habe ihm oft die Schuld zugewiesen an Dinge, für die er keine Verantwortung trägt. Und jetzt habe ich Angst ihn zu verlieren. Wir sind seit 45 Jahren ein Paar. Ein ganzes Leben voller Höhen und Tiefen. Ein Leben ohne ihn? Unvorstellbar!

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11 Antworten zu Plötzlich Tränen

  1. Ulli schreibt:

    Nun habe ich auch Pipi in den Augen und grübel über meine seltsame Ehe nach, wie eh schon seit Tagen, aber nun mit einem Input von dir. Ach …
    Verbundene Grüße
    Ulli

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  2. quiltfru schreibt:

    Liebe Elvira, Dein Post hat mich sehr berührt. Mein Mann ist jetzt 75, ich bin 72. Also perfekte Risikofaktoren. Meine Kinder haben uns schon früh ins Exil geschickt. Es sind jetzt fast 14 Tage. Ich bin froh, dass wir auf dem platten Land leben und einen Garten haben und Hobbies, die uns ausfüllen. Uns wird die Zeit nicht lang. Nur lang sollte die Zeit werden bis wir uns anstecken, denn das wird nicht an uns vorübergehen. Aber dann sollten die Krankenhäuser auch dazu in der Lage sein und zu betreuen oder es gibt vielleicht einen Impfstoff. Entzugserscheinungen bei den Enkeln hab ich auch schon. Gott sei Dank gibt es skype. Wir sind jetzt auch bald 50 Jahre verheiratet, ich möchte meinen Mann nicht wegen so einem Sch….verlieren. Ja, das summt pausenlos im Kopf herum. Es ist schon ohne psychische Vorbelastung schlimm genug. Ich denke viel an Dich.Birgitt

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    • Elvira schreibt:

      Meine große Hoffnung ist, dass durch diese Maßnahmen so viel Zeit geschunden werden kann, dass hoffentlich vielleicht ein Impfstoff entwickelt werden konnte oder wenigstens ein wirksames Medikament für bereits Erkrankte. Meine Grundhaltung ist durchaus positiv, bis um diese Momente…
      Liebe Grüße aus dem sonnigen Berlin schickt Elvira

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  3. Oma Schlafmuetze schreibt:

    Ach je, das war mal nötig, würde ich sagen. Tränen reinigen die Seele und das ist gut so.
    Ich glaube, das geht jedem so, wenn er älter wird. Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren, steigt mit jedem Jahr und diese ungewohnte Situation mit dem Virus ist sehr bedrückend und verstärkt die Angst.
    Versucht die Zeit so zuversichtlich, wie es geht, rumzubringen. Alle Maßnahmen, die jetzt getroffen werden, sollen ja gerade den Tag X verhindern. Und das wird auch gelingen, wenn wir uns alle daran halten. Macht doch mit den Enkeln ein Spiel: Schickt Postkarten mit Rätsel oder angefangene Geschichten, die sie zu Ende erzählen müssen (ich weiß nicht, wie alt die Enkel sind) ect. Dir fällt bestimmt etwas ein.
    Ruckzuck ist die furchtbare Zeit rum und die Welt sieht gleich freundlicher aus. 😉
    Grüßli

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    • Elvira schreibt:

      Meine vier Enkel sind zwischen bald 7 und bald 11. Dank der modernen Medien können wir ja kommunizieren. Meine große Enkelin berichtet mir über ihr Ozeanprojekt für die Schule und wie sie das, was sie bereits schriftlich erarbeitet hat, bildlich umsetzen will. Die Maßnahmen jetzt halte ich für dringend erforderlich, fast schon überfällig. Ich arbeite in einer Arztpraxis, bin, nur bildlich gemeint, hautnah am Geschehen und will helfen, das zu verhindern, was in Italien und Spanien geschieht. Ab und an läuft man dann einfach über, weil die ganze Welt, wie wir sie kannten, plötzlich auf den Kopf gestellt wird.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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  4. Gudrun schreibt:

    Heute scheint ein Tag zu sein, an dem die Nerven etwas blank liegen.Liebe Elvira, ich würde dich jetzt gern mal in den Arm nehmen. Und irgendwann mach ich das auch, wenn die Krise vorbei ist. Dann will ich endlich nach Berlin fahren zu meinem Sohn.
    Meine beste Freundin aus der Jugendzeit hat mich über das Netz wieder gefunden. Wir waren beide zusammen an der Penne im Internat und in einem DRK-Rettungszug. Heute schrieb sie mir: „Ich denke sehr oft an Dich, Du konntest wie ein Geher laufen und bist im Waschraum singend über den Rand der Dusche balanciert.“ Das war es. Ich musste weinen und konnte lange nicht aufhören. Gerade war ich dabei, mein eigentlich sonniges Gemüt wieder zu finden, da kam das Virus.
    Wir werden das überstehen, wie auch immer. Und ganz bestimmt werden wir eine andere Sicht auf verschiedene Dinge haben. Vielleicht ist das gut so.
    Bleib schön gesund, liebe Elvira und pass auf dich auf, bitte.

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    • Elvira schreibt:

      Vielen Dank für deine Worte, und ja, ich würde mich freuen, dich zu sehen. Ich denke oft daran, wie es dir gehen mag und hoffe, du hast viele helfende Hände in deiner Nähe.
      Virtuell umarmt dich aus dem sonnigen Berlin,
      Elvira

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      • Gudrun schreibt:

        Ja, ich habe altive Helfer und auch welche, die ganz spontan Hilfe angeboten haben. Studenten hatten Zettel in die Briefkästen geworfen, weil sie helfen möchten. Bei jedem habe ich mich bedankt, weil es sehr gut tut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Ich werde wohl noch ein Weilche drinnen sitzen müssen.

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  5. wildgans schreibt:

    Habe deinen Text sehr berührt gelesen…Danke. Und dir und Euch alles Gute weiterhin, irgendwie-und wir bleiben in Verbindung, irgendwie…
    Gruß von Sonja

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