War da was?

Kennt ihr das? Ihr hört ein Geräusch oder riecht einen besonderen Duft? Ihr wollt ihn festhalten, weil er euch an etwas erinnert? Und er verschwindet wieder? Rinnt wie Sand durch eure Finger? Ist unwiederbringlich fort? Ihr schnuppert ihm noch nach, lauscht angestrengt, ob das Geräusch sich wiederholt – aber nichts geschieht. Der Moment ist vergangen. Diese kurze Ahnung einer Erinnerung. Déjà Vu. Dieses Phänomen wird wissenschaftlich als Erinnerungstäuschung interpretiert. Schade!

Aber manchmal sind sie dann plötzlich da, die Erinnerungen, die zu den Klängen und Gerüchen passen. Die sich nicht verflüchtigen, sondern die alte, längst vergangene Zeiten zum Leben erwecken können.

Im Winter bin ich mit Hund gerne morgens durch eine nahe Laubenkolonie gelaufen. Ich mag diesen winterlichen Charme der Gärten, die Ruhe, die sie ausstrahlen, die Zeit zwischen Vergehen und wieder Erblühen. Nicht alle Gartenpächter ziehen nach dem Herbst in ihre Stadtwohnungen zurück. Die Dauerbewohner beheizen ihre Häuschen noch mit Kohle und Holz. Und dieser Geruch ist einer der Gerüche meiner Kindheit, als es in allen Straßen so roch. Ofenheizung. Warten, bis es morgens warm wurde. Warten, bis das Wasser im Badeofen heiß war. Dabei selber noch im kuscheligen, molligen Federbett liegen dürfen. Kein leichtes Schlafdeckchen aus Microfaser, sondern dick und schwer. Bestimmt nicht sehr gesund, aber so gemütlich!

Ein weiterer Geruch erinnert mich an die Ferien meiner Kindheit. Unweit unserer Wohnung ist ein Bauernhof. Im Sommer grasen Kühe auf den Weiden und Pferde haben  Auslauf auf großen Koppeln. Wenn es so richtig sommerlich heiß wird, liegt dieser warme, milchige Geruch nach Kuh über dem Gelände. Diesen Geruch liebe ich! Gäbe es den in Flaschen abgefüllt, würde ich mich damit bevorraten. Es riecht wie früher, als ich alleine oder mit der Familie die Ferien auf Bauernhöfen in Bayern verleben durfte. Für mich gab es damals nur einen Berufswunsch: Bäuerin. Dass das ein Knochenjob ist, wusste ich damals natürlich nicht. Für mich gab es nur den Stall, barfuß auf dem Misthaufen rumhüpfen, viele, viele Katzen, schier unendliche Freiheit. Ein völlig anderes Leben als in der lauten, hektischen, stinkenden Großstadt, in der das Leben vom Aufstehen bis zum Zubettgehen voller Regeln war.

Das Geräusch, das letztens eine Erinnerung hervorholte, war das Gurren einer Taube. Ich lag im Bett und hörte das Gurren vor meinem Fenster. Wie vor vielen, vielen Jahren. Damals verbrachte ich die meisten Wochenenden  bei meinen Großeltern. Mein Großvater stand zuerst auf, um den Badeofen anzuheizen. Meine Großmutter öffnete derweil weit das Fenster im Schlafzimmer, das zum Hinterhof hinauszeigte. Dort stand in der Mitte ein großer Baum. Und auf diesem gurrte Morgen für Morgen eine Taube. Während meine Großmutter dann in der Küche das Frühstück vorbereitete, lag ich unter diesem dicken Federbett, hörte das Gurren und fühlte mich unendlich geborgen. Nichts auf der Welt hätte mir damals Angst machen können. Darum sind Tauben für mich keine Ratten der Lüfte, sondern Boten aus der Vergangenheit.

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7 Antworten zu War da was?

  1. davidwonschewski schreibt:

    Hey,
    also das sind zumindest schonmal sehr schöne Erinnerungen, wie ich finde. So…naturell!;-)
    Ich habe den Begriff nun nicht nachgeschlagen – gewiss im gegenteil zu dir – ich selbst verbinde mit dem Begriff Déjà Vu etwas leicht anderes. Was du beschreibst ist ja quasi ein kurzes, nicht geplantes Zurückkatapultieren in der Zeit. Die Déjà Vu, die ich kenne, haben keine Gerüche oder Geräusche. Es sind eher Situationen. Was weiß ich, z.B.: Ich biege um die Ecke, steht da Manfred, braune Brille auf der Nase, sagt „Mensch, dass ich dich treffe, was geht was geht?“ Und ich denk‘ mir: Exakt diese Situation – Manfred braune Brille, diese Ecke, da oben das offene Fenster, da hinten das blaue Auto – das HATTEST DU DOCH SCHON…exakt so!
    Also mehr so täglich-grüßt-das-Murmeltier-mäßig, nur eben lediglich einmal wiederholt.

    Und ich frage mich wo und wann das erste Mal passiert sein soll. Für das zweite Mal kann ich mich verbürgen, das ist echt. Aber ich treff Manfred ja nur selten und ne Brille hat der ja nur selten auf etc. – wo war das erste Mal exakt so…im Traum? Visionen? Sich an etwas relativ Belangloses erinnert fühlen, was eigentlich noch gar nicht passiert sein kann.

    Ich glaube, das ist ein Déjà Vu. Vielleicht aber auch nicht. Ich suchmaschiniere es gleich mal;-)

    Viele Grüße,
    David

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  2. Gudrun schreibt:

    Es ist unheimlich abwertfend, die Tauben so zu bezeichnen. Eigentlich rechtfertigt man damit seine Einteilung der Tiere in gute und weniger gute. Dabei gibt es so viele Taubenarten und alle brauchen unsere Hilfe.
    Ich finde es schön, wenn man solche Erinnerungen wieder hervorkramen kann. Dir haben sie offensichtlich gut getan, damals und heute wieder.
    Lass es dir gut gehen, liebe Elvira, und bleib gesund.

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  3. perlengazelle schreibt:

    Ganz profan: rieche ich, wenn ich unterwegs bin, aus einem Fenster den Duft von frisch kochender Erbsensuppe, bin ich sofort wieder zu Hause bei meiner Mutter in der Küche. Sie hat sie regelmäßig gekocht, schön mit Eisbein, um das wir uns „gestritten“ haben, meine Eltern und ich. Jeder wollte die größte Portion. Mittlerweile habe ich es endlich in meinem hohen Alter geschafft, dass meine Suppe so schmeckt wie damals. Auch ohne Eisbein – da würde meine Familie nämlich streiken. Ich glaube, ich werde mal wieder eine kochen. 🙂
    Liebe Grüße

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    • Elvira schreibt:

      So ähnlich geht es mir mit Spargelsuppe. Meine Großmutter kochte die Schalen mit und zauberte aus dem Spargelwasser mit etwas Zucker, Salz, Zitrone und Gries ein sehr leckeres Süppchen. Ich habe es nie nachkommen können. Angebratenes Fleisch aus fremdem Küchen erinnert mich an Sonntagsbraten. Aber es ist nicht primär die Erinnerung an das Essen, eher an die damit verbundenen Gefühle. Ein anderes Beispiel ist der Geruch von rotem Martini, der mich aus dem Glas anfliegt. Nur für einen klitzekleinen Moment fühle ich mich wie Anfang 20. Mit Musik ist es ebenso, wenn nicht sogar noch heftiger. Musik war und ist für mich ein Emotionsbarometer. Wenn ich bestimmte Lieder/Konzerte höre, kann ich mich sofort in die Zeit zurück versetzen, verbunden mit den damaligen Gefühlen und Befindlichkeiten. Kein Foto hat diese Kraft.
      Liebe Grüße auch an Dich

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  4. quiltfru schreibt:

    Bei uns am Vogelfutterhäuschen landen auch immer Herr und Frau Türkentaube. Da sie das alleinge Nutzungsrecht gegenüber anderen Tauben verteidigen, dürfen sie hier futtern. Seit neuestem spaziert aber eine einzige, dicke, fette Turteltaube durch unseren Garten. Auch sie darf bleiben, solange sie allein ist und nicht pausenlos herumgurrt. Ds ist auch nicht schlimmer, als das „und kackelte, mirakelte, als obs ein Wunder sei“ von unseren Nachbarshühnern. Das sind Naturgeräusche und wenn man die nicht mehr mag, dann hat man hier wohl nichts mehr verloren.Das gilt auch für die diversen anderen Landgerüche. Aber es gibt ja schon viele, die den Abgasgestank lieber mögen. Schönen duftenden und gurrenden Sonntag, Birgitt

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