Agent Orange, Moral, Gerechtigkeit

Heute hat der Prozess gegen den Mörder des Sohnes von Richard von Weizsäcker begonnen. Vor neun Jahren habe ich nachfolgenden Beitrag gepostet. Die „Affäre“ Weizsäcker im Zusammenhang mit Agent Orange kam nur am Rande vor. Fritz von Weizsäcker hatte damit überhaupt nichts zu tun. Der Mord an dem Arzt ist und bleibt Mord und muss dementsprechend gesühnt werden. Das Motiv des Angeklagten, der sich auf eben jene Verstrickung zwischen der Pharmaindustrie, Agent Orange und Richard von Weiszäcker beruft, leuchtet mir nicht ein. Hier mein Beitrag aus Dezember 2011:

Zurzeit werden  Fragen diskutiert, die durch die Affäre Wulff neue Aktualität  bekommen haben. Es geht um Werte, Moral, Unrechtsbewusstsein und Vorbildfunktion. Nun frage ich mich persönlich, ob es denn immer einer Affäre bedarf um eine Wertedebatte anzustoßen. Und warum wird mit dem Finger auf eine öffentliche Person gezeigt, wenn Hinz und Kunz es nicht besser machen? Denkt wirklich jemand, dass in der heutigen Zeit ein Bundespräsident Vorbildfunktion hat? Werden wir jetzt alle Vorteilsnehmer? Nach der Broken-Windows-Theorie?

Nein, das werden wir nicht, denn wir sind es schon! Wir sind nicht besser oder schlechter als ein Herr Wulff.

Alles, was wir bei einem erwachsenen Menschen an Werten und Moral erwarten, sollte bei der Kindererziehung beginnen. Ich will mal ein Beispiel zeigen, mich.

Das, was mir anerzogen wurde, war erwünschtes Wohlverhalten eines Mädchens. Hand geben, Knicks machen, immer lächeln, nicht dazwischen reden, wenn Erwachsene sich unterhalten, Aufessen, die Gabel geht zum Mund und nicht umgekehrt, keine Widerworte, Hände auf die Bettdecke! Nun gab es aber noch die subtile Erziehung: Musst du dich mit der anfreunden? Schau nach oben! Freunde dich mit doch mit der an, deren Eltern sind was. Das war ein Moment, an dem bei mir erster Widerstand aufkeimte. Warum soll ich mich mit jemanden anfreunden mit dem mich nichts verbindet? Warum nicht mit dem Mädchen des Kohlenträgers? Der Vater hatte immer schwarze Fingernägel, na und? Aber bei ihnen zu Hause war es unglaublich gemütlich. Die haben ja noch nicht mal einen Fernseher! Stimmt, aber sie konnten toll erzählen und hatten Mundharmonikas, auf denen sie toll spielen konnten. Denkfehler meiner Erziehungsberechtigten: Vielleicht wäre ja auch mal ein Brikett abgefallen?!

Später hieß es immer: Merke Dir: Wenn einer dir was schenkt, will er irgendwann was dafür haben! Aber da erreichten mich solche Sätze nicht mehr. Weil ich da schon dicht gemacht hatte.

Heute meldete mein unteres Unterbewusstsein diesen Satz an mein oberes Unterbewusstsein. Während mein Bewusstsein es in Worte fasste, stellte sich mir eine Frage: Bedeutet das im Umkehrschluss, dass ich nur des Gegengeschenkes schenken sollte? Und das möglichst bei Menschen, von denen ich dann irgendwann die passende Gegenleistung einfordern kann?

Wenn das einem Kind eingetrichtert wird, das vorher auf Gehorsam gedrillt wurde, was wird es ins erwachsene Leben mitnehmen?

Ich möchte hier keine Diskussionen über Herrn Wulff anzetteln, das geschieht schon an anderen Stellen. Dass sein Verhalten durch und durch falsch ist, ist unbestritten. Das Winden um den Kredit, die Wahrheit in homöopathischen Dosen, die Ansagen über seine Anwälte, alles hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Ich möchte auch nicht über die Frage diskutieren, ab welcher Position ein Mensch frei von Lug und Tadel sein muss, um als Vorbild zu fungieren. Kratzt man nur lange genug, findet sich bei allen eine dreckige Schicht. Ein anderer, ehemals hochgeehrter Bundespräsident dieses Landes, gehörte 1964 der Geschäftsführung der Firma Boehringer an, die den USA das berüchtigte agent orange für deren Vietnamkrieg lieferte.

Moralisches Gewissen? Studien an Kleinkindern zeigen, dass wir es bei der Geburt mitbekommen haben. Kleinkinder handeln moralisch. Sie haben Mitgefühl, erkennen Ungerechtigkeiten, sind hilfsbereit, schenken freizügig und besitzen einen gesunden Egoismus. Vieles davon wird wegerzogen. Zum Teil aus Gedankenlosigkeit, zum Teil aber aus dem Irrglauben, dass nur, wer gelernt hat, seine Ellenbogen einzusetzen, danach zu trachten, sich möglichst viele Vorteile durch „richtige“ Freundschaften zu verschaffen, es später zu etwas bringen

Ich schenke übrigens immer noch gerne, einfach mal so – nicht nur zu Weihnachten. Weil ich mich an der Freude der Beschenkten freue. Halt! Bevor hier jemand einwendet, dass die Erwartung der Freude auch als Gegenleistung gewertet werden könnte: Ich kann auch durchaus damit leben, wen jemand  sich nicht freut. Aber das kommt so gut wie nie vor.

 

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7 Antworten zu Agent Orange, Moral, Gerechtigkeit

  1. Gudrun schreibt:

    Du hast mir mal einen Stoff geschenkt. Weißt du noch? Ich fand den so schön, dass ich nicht damit experimentieren wollte. Ich kann ja nicht nähen. Nun hat meine Freundin mir Mund–Nasen-Schutz genäht. Auf einer ist ein Schaf mit Schmetterling, auf der anderen steht „Hope“. Wenn dir also jetzt irgendwann die Ohren geklungen haben, … Vielen Dank, liebe Elvira. Jetzt hat der schöne Stoff seine Verwendung gefunden. Ich kann leider gar nicht nähen.

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  2. Ulli schreibt:

    Seltsam ja, das würde mir nicht im Traum einfallen einen Politiker, eine Politkerin als Vorbild zu sehen – dass dies aber vielleicht gewünscht wird, das kann ich mir schon vorstellen. Nun gehören wir aber einer Generation an, die noch selbständiges Denken gelernt hat und das, zumindest in der Schule und später auf der Uni von einigen Lehrkräften honoriert wurde – zudem wuchsen wir im Winde 1968er auf und auch da galt es selbständig zu werden, zu sein und zu denken. Dies hat sich natürlich gewandelt, leider – allerdings konnten wir diese Haltung unseren Kinder mitgeben und diese geben, wie ich feststellen kann, diese Haltung auch ihren Kindern mit auf den Weg – wir waren schon weniger moralisierend als wir es erfahren haben und noch weniger moralisierend – im besten Fall – könnten unsere Kinder zu ihren geworden sein. Die Tendenz in der Gesellschaft ist natürlich eine ganz andere – hier geht es um möglichst weitgehende Gleichschaltungen, um Effizienz und Selbstoptimierung. Da die große Herde diesem subtilen Diktat folgt, bleibt es abzuwarten was sich noch entwickelt.
    Dankbar bin ich für jeden jungen Menschen, für jedes Kind, die ihre eigenen Köpfe haben, ohne dabei EgoistInnen oder gar NarzistInnen zu sein.
    Um zu … darüber habe ich schon oft nachgedacht! Auch ich schenke manchmal einfach gerne, einfach so und nicht UM etwas wiederZUbekommen oder UM im guten Licht darZUstehen etc. – Dies betrachte ich aber auch immer wieder bei mir in anderen Zusammenhängen – was mache ich, weil es mir Freude macht – wann kann ich selbstlos sein und natürlich auch wann immer beides nicht. So kenne ich beide Seiten an mir und auch mein Herz als Mördergrube 😉
    Je weniger ich es schaffe Verhalten zu bewerten, sondern erst einmal nur als Ist-So anschauen kann, um so mehr nähere ich mich dem Kern dessen, was gerade wirklich verhandelt wird.

    Ui, liebe Elvira, das ist jetzt ein langer Kommentar geworden …
    herzliche Grüße
    Ulli

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  3. quiltfru schreibt:

    Ich habe versucht meine Kinder zu rassissmusfreien, redlichen Kindern zu erziehen, die auch mal den Mund aufmachen, wenn es notwendig erscheint. Lügen und betrügen, das war bei uns geächtet. Jetzt arbeitet mein Sohn aber bei einer Baufirma in Salzburg, in der Buchhaltung. Jede Woche muss er Dinge verbuchen, die Betrug sind. Vorher war er in einem Hotel. Dort war genau das Gleiche. Die Besitzer haben das Geld rausgezogen und der Dienstleister, wie Maler oder Installateur, wurden mit ihrer Bezahlung vertröstet bis sie fast in die Insolvenz gingen. Schauen wir uns doch VW, Audi und Co an, oder Lufthansa, die ihr Geld anderswo gebunkert hat und Unterstützung will. Ach, ich könnte nur noch ab……..
    Wir sind kein Volk der Dichter und Denker mehr (dazu ist unser Schulsystem zu schlecht) wir sind ein Volk der Betrüger geworden. Leider

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    • Elvira schreibt:

      Das zieht sich durch alle Bereiche, leider. Verbucht wird das dann unter Kavaliersdelikte, wenn es kleinere Betrügereien sind. Kurzarbeit anmelden, obwohl alle normal weiterarbeiten, z.B. Und die großen Betrügereien werden gar nicht mehr versteckt. Jeder sieht sie, schüttelt den Kopf und manch einer nimmt sie sich zum Vorbild. Früher hieß es: „Ihr da oben, wir hier unten“, wenn es um (die jetzt noch mehr vorhandenen) Unterschiede zwischen den Reichen oben und den Armen unten ging. Heute ist das Motto eher: „Was ihr da oben könnt, können wir hier unten auch.“ Nur greift hier immer noch das Sprichwort: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.“

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