Manchmal muss ich das einfach…

Das Leben hat mich gelehrt, dass es häufig sinnlos ist, sich einzumischen. Dann doch eher mitmischen, mitmachen bei Aktionen, Bündnissen, Demos u.ä., also bei Dingen, die gegen das sind, bei denen ich mich sonst einmischen würde. Ich diskutiere auch nicht mehr lange, das ist u.a.  dem letzten Jahr geschuldet. Eine Sache allerdings gibt es, bei der ich mich immer wieder einmischen würde: Gewalt gegen Kinder oder Tiere. Oder, wie gestern erlebt, fehlendes Feingefühl einer Mutter. Folgende Situation: Ich stehe vor dem Frisörsalon und warte darauf, eingelassen zu werden. Es ist 15:15, mein Termin 15:30 Uhr. Neben mir wartet noch eine Frau mit ihrem vielleicht fünfjährigen Sohn. Vor dem Salon ist der Bürgersteig sehr hübsch hergerichtet. Stellagen mit Frühlingsblühern, kleine Vogelhäuschen, ein runder Tisch mit Blumen und einem Windlicht, Gartenstühle und eine Bank, verschieden große Holzräder. Alles wirklich sehr liebevoll dekoriert. Dem Jungen, er heißt Jonas, ist langweilig. Wie sich später herausstellen wird, ist sein Termin um 16:00 Uhr. „Mama, wenn ich groß bin, will ich dich heiraten!“. Ich muss schmunzeln, wer kennt das nicht von seinen Söhnen. Ich habe in diesem Sinne mehrfach heiraten müssen, GsD war unsere Verkleidungskiste immer gut gefüllt. Jonas Mutter aber erklärte ihrem Sohn, was natürlich unbestritten ist, dass das nicht geht. „Warum nicht?“. „Darum nicht!“. Zack, fertig. Dann begann eine endlose Litanei von: „Jonas, fass das nicht an! Jonas, geh da weg! Jonas, setz dich hin!“ Jonas hatte viele Fragen. „Was ist das? Wie heißt die Blume? Kann ich auf dem Baumstamm balancieren? Sind da Vögel (in den Vogelhäuschen) drin….?“. Sehr selten gab es eine Antwort. Sie wies ihren Sohn ständig zurecht. Ich konnte schlecht sagen, dass das Wort „Begreifen“ wortwörtlich begreifen meint. Natürlich sollen Kinder nicht alles anfassen, aber die Blüte einer Primel oder das Holz des zum Balancieren einladenden Baumstammes, die Kühle des Metalltisches und das Hoch und Tief des eingeprägten Reliefs darauf lassen sich durch Anfassen besser begreifen als nur durch bloßes Ansehen. Wie oft fasse ich noch Dinge an, nur um sie in meiner Hand, unter den Fingerspitzen,  zu spüren. Irgendwann sprach ich Jonas an und fragte ihn, ob er schon alle Farben kennt. Als er nickte, erklärte ich ihm das Spiel „Ich sehe eine Farbe, die du nicht siehst“. Meine Kinder und Enkel liebten dieses Spiel zum Zeitvertreib. Jonas kannte es noch nicht. Also begannen wir das Spiel. Eifrig suchte er nach dem rosafarbenen Gegenstand, dem rosafarbenen Windlicht auf dem Tisch. Er war sichtlich stolz, dass er es gefunden hat. Leider gab es keinen zweiten Durchgang, denn es stellte sich heraus, dass ich mich im Termin geirrt hatte. Als die Frisörin um 15:45 Uhr aus dem Salon kam und mir mitteilte, dass mein Termin vor zwei Stunden gewesen wäre – sie hatte recht, wie ich es zu Hause der gespeicherten Mail entnehmen konnte – vereinbarten wir einen neuen Termin für heute und ich musste mich von dem kleinen Jungen verabschieden. Versteht mich nicht falsch! Ich weiß überhaupt nichts über die Situation der Mutter, habe keine Ahnung, was die letzten Monate ihr vielleicht abverlangt haben. Dass ihr Sohn sie mal heiraten möchte, werte ich als gutes Zeichen. Aber warum muss sie bei dem kalten Wetter mit ihrem kleinen Sohn, der auch noch viel zu dünn angezogen war, eine Dreiviertel Stunde zu früh vor dem Salon stehen? Ohne Beschäftigung für das Kind? Meine Schwiegertochter ist Lehrerin an einer ISS und erzählte mir gestern, dass sie noch nie eine 10.Klasse hatte, deren Schüler so wenig Solidarität zeigten, so wenig Mitmenschlichkeit und Herz. Bis auf wenige Ausnahmen wären diese jungen Menschen absolute Egoisten, deren Welten sich ausschließlich um sie selber drehten. Wo ist die Wärme hin, die ich im Leben mit meinen Kindern immer spürte und die ich so selbstverständlich hielt auch in anderen Eltern-Kind-Beziehungen. Mein Mann meinte gestern, es wäre auch eine Frage des Intellektes, wie mit Kindern umgegangen wird. Das sehe ich nicht so! Ich kenne intellektuell  einfach gestrickte Menschen, die ihre Kinder sehr liebevoll erziehen und deren emotionale Intelligenz ein ausgleichender Faktor ist. Und ich kenne Eltern, bei denen es genau anders herum ist. Vielleicht war mein Irrtum, was den Termin betrifft, kein Zufall?

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12 Antworten zu Manchmal muss ich das einfach…

  1. kormoranflug schreibt:

    Es gibt halt noch keinen Führerschein zum Kinderbekommen. Bei meinen Nachbarn mische ich mich nicht ein (3 Kinder) unfähige, überforderte Eltern zusätzlich zwei Erzieherinnen für Randzeiten, da die Eltern in wichtigen Berufen zu Hause arbeiten.

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    • Elvira schreibt:

      Da würde ich mich auch nicht einmischen, es sei denn, ein Kind bittet direkt um Hilfe. Meine Mutter war sehr krank und mit uns vier Kindern oft überfordert. Wenn ich als Älteste mal wieder alles abbekam, klingelte ich bei unserer Nachbarin und wartete dort, bis die „Luft wieder rein war“. Je gesunder meine Mutter wurde, desto seltener musste ich die Hilfe der Nachbarin in Anspruch nehmen.

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  2. Ulli schreibt:

    Liebe Elvira, dein „Einmischen“ mag ich. Du hast das Kind beschäftigt und hast somit für einen Moment der Freude gesorgt.
    Mir wird auch oft ganz anders, wenn ich Mütter mit ihren Kindern sehe und höre und frage mich dann oft, wieso sie überhaupt ein Kind bekommen hat. Meist setzt sich ja etwas in der Kinderbegleitung fort, was man selbst erlebt hat, wenn man es nicht reflektiert hat. Ich glaube, dass dein Mann und du beide Recht habt. Selbstreflektion braucht eine gewisse Intelligenz, soziale Intelligenz ist nicht auf einem insgesamt niedrigen IQ möglich, schön ist, wenn sich beides trifft.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  3. Elvira schreibt:

    Wenn es nach meiner Kindheit gegangen wäre, wären meine Kinder sicher auch mit Prügel großgeworden. Aber von klein auf wollte ich es später anders machen. Das ist mir auch, mit dem richtigen Partner an der Seite, gut gelungen. Was viel länger dauerte, war das Begreifen, warum in meiner Kindheit einiges schief lief. Im Laufe der Jahre erinnerte ich mich aber an immer mehr positive, schöne Dinge. Gerne würde ich heute mit meiner Mutter über unsere Vergangenheit sprechen, ihr auch sagen, dass ich jetzt vieles besser verstehe und ihr keine Schuld gebe. Aber dafür ist es leider zu spät!
    Liebe Grüße auch zu dir!

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  4. Hans-Georg schreibt:

    Es ist doch heute so, dass die Mütter den Kinderwagen bzw. die Karre mit einer Hand schieben, in der anderen Hand beschäftigen sie sich mit dem Handy statt ihrem Kind ein wenig Wärme durch Worte oder Gesten zu vermitteln. Ich finde das schlimm und herzlos.

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  5. wildgans schreibt:

    Deine kleine Geschichte so gern gelesen! Ruhig öfter mal `nen Termin „falsch“ wahrnehmen 😉

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  6. Gudrun schreibt:

    Ich weiß nicht, was dafür gesorgt hat, dass alles ein bisschen anders geworden ist. In der Straßenbahn hatte ich meine Kinder auf dem Schoß, eines auf dem einen Bein, das andere auf dem anderen. Und dann haben wir die Welt entdeckt und waren nicht mal laut. Meine Hortgruppe konnte ich nicht auf den Schoß nehmen, aber um mich versammeln und die Welt entdecken, das ging da auch. Meine Kinder sind lange erwachsen und die Arbeit hatte ich dann auch nicht mehr. Ich habe das immer sehr bedauert.
    Dein Farbenspiel kenne ich auch. Es hat uns manche Warterei beim Arzt gut überstehen lassen.

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  7. Roswitha schreibt:

    wie sollten kinder empathie lernen, die sie nicht spüren in ihren nächsten beziehungen? die mit pc und smartphone spielen, tv schauen statt mit anderen kindern die welt zu erobern. wo könnten sie das noch? wie viele sind einzelkinder, wo sind bei familientreffen kusinen und vettern? wir erwachsene gestalten ihre welt, uns ist der lehrplan wichtig, coronazeit hin oder her. wir haben unserer enkelin einen freiraum gegeben, nicht das fehlende wg. corona trainiert, sondern eine neue erlebniswelt eröffnet, außerhalb der schule, wo der onlineunterricht sie depressiv machte. es geht ihr besser…

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    • Elvira schreibt:

      Unsere vier Enkel haben sich gut mit der neuen Unterrichtsform arrangiert und kommen auch mit dem Wechselunterricht in der Schule gut klar. Nun haben sie Eltern, für die es kein Problem ist, im HomeOffice zu arbeiten und dennoch ausreichend Zeit für Aktivitäten außerhalb des Hauses zu haben. Nun wohnen sie nicht in der Innenstadt sondern am Stadtrand, was das alles sehr erleichtert.

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