Autokorso und viel Beifall

Wir wohnen am Stadtrand von Berlin. Den ehemaligen Grenzstreifen können wir zu Fuß erreichen. Als wir vor über 30 Jahren mit unseren beiden Söhnen, damals 10 und 6 Jahre jung, aus Neukölln hier raus zogen, war unsere Sozialbausiedlung ein Vorzeigeprojekt. Nur die Häuser an der Hauptstraße sind vier-, alle anderen ein- oder zweigeschossig. Alle Wohnungen im Parterre verfügen über, teilweise sehr große, Mietergärten. Es gibt behindertengerechte Wohnungen, viel Grün, zwei – mittlerweile eingezäunte – Teiche, mehrere Spielplätze, Tischtennisplatten, einen Bolzplatz und keinen Autoverkehr. Ausschließlich die Zustellfahrzeuge diverser Lieferdienste besitzen Schlüssel für die Schranken. Für Rettungsfahrzeuge gibt es einen speziellen Öffnungsmechanismus. Die Mieterstruktur war bei unserem Einzug sehr gemischt. Es sollte eine familienfreundliche und generationsübergreifende Bewohnerschaft geben, einige der Wohnungen waren freifinanziert, so dass es, anders als in mittlerweile berüchtigten Siedlungen dieser Stadt, kein Problemkiez werden sollte. Nicht alle diese Ziele konnten erreicht, bzw. erhalten werden. Das Sparprogramm der Wohnungsbaugesellschaft hat Spuren hinterlassen. Waren bis vor ca. 10 Jahren noch täglich Gärtner unterwegs, wird mittlerweile nur noch das Notwendigste gemacht. Baum- und Strauchschnitt natürlich, Rasenmähen und Laubentsorgung. Wobei das viele Grün mittlerweile kaum noch Rasen genannt werden kann, denn gewässert wird schon lange nicht mehr. Im Sommer gleicht die Siedlung einer Steppe. Nur frisch gepflanzte Bäume bekommen eine nasse Starthilfe. Mit den Jahren wechselte auch ein Großteil der Mieterschaft. Mittlerweile gehören wir zur älteren Generation und beobachten die Veränderung besorgt. Das beginnt mit dem Umgang der Kinder untereinander, den wir so nicht kannten. Die Rücksichtslosigkeit einiger Mieter, die denken, dass sie ganz alleine hier wohnen und schließlich viele Dienstleistungen in den Betriebskosten enthalten sind, setzt sich bei den Kindern fort. Müll auf dem Weg zum Müllhaus verloren? Na, und! Räumt einer der Hauswarte schon weg. Sperrmüll verboten? Na, und! Wird nicht mal mehr heimlich nachts entsorgt, sondern mittlerweile für alle sichtbar am Tag. Verpackungen von Mitnehmessen in einen der vielen, nur wenige Meter entfernten, Papierkörbe zu werfen ist nicht zumutbar. Die landen dann eben zwischen den Sträuchern. Wäre unsere Wohnung nicht so preiswert, wäre ich schon längst hier ausgezogen. Aber sie ist nicht nur, zumindest für zwei Rentner, erschwinglich, sie ist auch schön und wir haben auch einige wirklich sehr nette Nachbarn. Meine Freundin kann ich, ebenso wie meine Ärzte und Geschäfte, zu Fuß erreichen. Sollte ich mal nicht mehr gut zu Fuß sein, wird das allerdings etwas schwieriger werden, denn wir wohnen ganz am Ende der Siedlung. Womit ich jetzt zum titelgebenden Thema komme. Unser Balkon zeigt zu der kleineren der beiden Straßen, zwischen denen die Siedlung liegt. Hier wird es nur einmal am Tag richtig laut. Das ist kurz vor Schulbeginn. Da wird gehupt auf Teufel komm raus, denn jede Mutter, jeder Vater, will sein Kind direkt vor dem Schultor absetzen und wehe, ein anderes Elternteil will das auch! Aber gestern, an einem Sonntag, war hier plötzlich etwas los. Laute Musik, Lautsprecherdurchsagen und viel Gehupe. Ich habe das, da ich über Kopfhörer Musik hörte, zunächst nicht mitbekommen. Erst als mein Mann ins Wohnzimmer kam und auf den Balkon ging, hörte ich es auch. Ich blieb vielleicht zwei Minuten Zeuge dieses Spektakels, dann reichte es mir. Es war ein Auokorso, begleitet von Polizisten auf Motorrädern. Übergroße Deutschlandfahnen, Fuck-Corona-Aufkleber, Durchsagen an Eltern und Großeltern mit der Aufforderung, diesen Irrsinn nicht länger mitzumachen. Ich weiß nicht, wer die Organisatoren waren, vielleicht waren es keine Covidioten, sondern nur Menschen, die Corona nicht leugnen, aber mit den Maßnahmen nicht einverstanden sind. Was mich wirklich schockte, waren die Reaktionen von einigen Nachbarn. „Na, los, schnell ins Auto und mitmachen“-Rufe von Balkon zu Balkon, Klatschen und Daumen-hoch-Zeichen. Unsere Wohnungsbaugesellschaft hatte vor Wochen Aufkleber an den Haustüren angebracht, auf denen darum gebeten wurde, aus Rücksicht auch im Treppenhaus eine Maske zu tragen. Dieser Aufkleber wurde innerhalb eines Tages abgerissen. Und dann denke ich an zwei Familienmitglieder meiner Schwiegertochter. Oma und Onkel (55) seit Wochen beatmet, der Onkel zusätzlich an der ECM0. Ich denke an den Freund einer Kollegin, der auf der Intensivstation der Charité arbeitet. Der Intensivstation, über die gerade eine erschütternde Dokumentation im Fernsehern lief. Einer Doku, die meinen Sohn veranlasste, uns nachts weinend zu sagen, wie froh er ist, dass wir schon geimpft sind. Ich bin gerade an einem Tiefpunkt!

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4 Antworten zu Autokorso und viel Beifall

  1. quiltfru schreibt:

    Ich kann Dir das so gut nachempfinden. Mir fällt da immer nur das Lied von den Prinzen ein. „Die Bombe“ Ich glaub, ich hab es schon einmal erwähnt. Gegen die Dummheit der Menschen ist leider kein Kraut gewachsen. Voller Mitleid, Birgitt

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  2. Gudrun schreibt:

    Liebe Elvira, an dem Punkt war ich vor einigen Tagen auch. So etwas und einige internationale ungute Entwicklungen hatten mir so richtig die Beine weg gezogen. Die Enkelin von Herrn E. hatte angerufen und uns beschimpft, weil wir Masken befürworten. Wir würden gegen Kindswohl sein, warf sie dem Opa vor. Dass sie zu Hause rauchen wie die Schlote stand auf einer ganz anderen Wiese. Leipzig ist ständig im Fokus von Gegnern von Coronamaßnahmen. Leipzig ist anders und denen in dieser Stadt muss man es mal so richtig zeigen. Und so gibt es hier auch ständig irgendwelche Aufläufe.
    Meine Tochter wurde auf ihrer vorherigen Arbeit angefeindet, weil sie bei Zusammenkünften Mund und Nase bedeckt hatte. Mir war das Herz richtig schwer geworden und ich hatte plötzlich ganz nahe am Wasser gebaut. Vor Wut habe ich dann gesagt, dass man es hätte laufen lassen sollen, wie in Schweden. Nein, meinte Herr E., es trifft ja dann auch wieder die mit, die sich vorsehen. Ja, stimmt. Und so ziehe ich mich zurück, immer ein kleines Stücke mehr.
    Man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber mit Unvernunft und Krawall will ich nichts zu tun haben.

    Liebe Elvira, ich wünsche euch Kraft und dass ihr trotz allem auch die vielen kleinen und schönen Dinge sehen könnt.
    Liebe Grüße

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    • Elvira schreibt:

      Ich habe gestern den Balkon aus dem Winterschlaf geholt, alles aufgeräumt, entrümpelt und geputzt. In 4 Blumenkästen habe ich frische Erde gefüllt und bienenfreundliche Blumen ausgesät. Auch auf die freien Stellen rund um meine Fette Henne und die Funkien wurde gesät. Heute kommen hoffentlich die Halterungen für zwei weitere Blumenkästen. In die sollen Duftwicken keimen. Am Nachmittag haben mein Mann und ich das erste Mal unseren Kaffee draußen getrunken. Das sind mittlerweile die Höhepunkte unseres Lebens. Das ist übrigens keineswegs abfällig gemeint. Auf den nächsten Höhepunkt warte ich dann voller Hoffnung ganz geduldig: Das Aufgehen der Saat. Und wenn ich dann vielleicht irgendwann als Geimpfte den negativ Getesteten gleichgestellt werde und ohne Test wieder in den Tierpark oder den botanischen Garten darf, wäre das auch schön. Shoppen hingegen interessiert mich überhaupt nicht. Bis auf Bücher bestelle ich seit fast einem Jahr alles online. Einkaufen hat mich noch nie gereizt, das empfinde ich als notwendiges Übel.
      Ja, liebe Gudrun, wir werden versuchen, uns nicht allzu sehr runterziehen zu lassen.
      Liebe Grüße,
      Elvira

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      • Gudrun schreibt:

        Liebe Elvira, das hätte ich geschrieben haben. Alles. 🙂
        Wir werden das auf alle Fälle probieren. Und da sein, wenn der andere uns braucht.
        Ich verschenke übrigens gerade Tomatenpflanzen an die Hausbewohner. 18 schön kräftige Pflanzen habe ich herangezogen, brauche aber nur 6 für den Garten. Und nun kümmere ich mich mal um die Saat in meinen Balkonkästen.
        Liebe Grüße zu dir.

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