Hunger

Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon einmal richtig Hunger hatte. Ich meine hier nicht den Magen, der manchmal knurrt und der uns weismachen will, dass das Hunger wäre. Auch Appetit meine ich an dieser Stelle nicht, sondern so einen Hunger, der richtig wehtut.

Vor ein paar Tagen traf ich eine Nachbarin in der Siedlung und wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Ein Thema war Essen und wie sich unser Essverhalten im Laufe unseres Lebens geändert hat. Als ich Kind war, war das Angebot in den wenigen Supermärkten, die es damals gab, sehr überschaubar. Die meisten Lebensmittel wurden in verschiedenen Geschäften eingekauft. Es gab den reinen Kartoffelladen, das Obstgeschäft, den Bäcker, einen Laden ausschließlich für Milchprodukte und natürlich den Tante-Emma-Laden. Als ich noch ein recht kleines Kind war – ich erinnere mich deshalb daran, weil wir dort wegzogen als ich neun wurde – wurde ich öfter in diesen Laden geschickt. Er war nur wenige Meter von unserer kleinen Wohnung entfernt und hatte in seinem Sortiment alles, was man zum täglichen Leben benötigte. Meine Mutter sah aus dem Fenster und gab mir Bescheid, wann ich die Straße, die kaum befahren war, überqueren konnte. Das Besondere an diesem Laden, die Inhaber hießen Rothberg, daran erinnere ich mich noch sehr gut, obwohl mir Namen der jüngeren Vergangenheit häufig nicht mehr einfallen, das Besondere jedenfalls war die Möglichkeit des Anschreibens. Fast immer, wenn ich geschickt wurde, meistens nur für Kleinigkeiten wie Zucker oder Mehl, hatte ich kein Geld dabei und musste anschreiben lassen. Ob mir das unangenehm war? Peinlich sogar? Nein! Denn es war für mich völlig normal. Nicht nur wir ließen anschreiben. Bezahlt wurde immer am Samstag, denn freitags war in den meisten Betrieben Zahltag. Auch unser Vater brachte am Freitag seine Lohntüte mit. Später, als wir, Eltern und vier Kinder, in eine Sozialbauwohnung an den Stadtrand zogen- Erstbezug in einen Neubau, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, zwei halbe Zimmer, eine klitzekleine Küche, ein Bad, eine Toilette, ein schöner großer Balkon – gab es dort solch einen Laden nicht mehr. Dafür gab es bald ein Ritual, dessen Bedeutung mir erst später richtig bewusst wurde. Freitags gab es kein warmes Essen, denn das Geld reichte gerade mal noch für Brot. Also schmierte meine Mutter jeden Freitag einen wirklich riesigen Berg Stullen mit selbstausgelassenem Schmalz. Wir Kinder liebten diese Stullenpyramide. Besonders freuten wir uns, wenn noch ein Schälchen mit diesen leckeren knusprigen Grieben, die meine Mutter aus dem noch flüssigen Schmalz geschöpft hatte, auf den Tisch kam. Chips und ähnliches Naschwerk gab es erst in späteren Jahren. Hatten wir Kinder irgendetwas vermisst? Nein! Wir hatten aber auch nie richtigen Hunger. Na ja, der mittlere meiner Brüder – ich war die große Schwester dreier Brüder – brauchte immer etwas mehr. Er stibitze schon mal etwas aus dem Kühlschrank, so dass meine Mutter ihn abschließen musste. Und ich fing mir fast immer eine Ohrfeige ein, weil ich es nur sehr, sehr selten schaffte, das Brot, das ich beim Bäcker kaufen sollte, unbeschadet nach Hause zu bringen. Der Versuchung, in den Kanten des noch warmen Brotes zu beißen, konnte ich nur schwer widerstehen. Wir Kinder wollten alle den frischen Kanten, also musste ich mir einen Vorteil schaffen, selbst für den Preis einer Ohrfeige.

Am letzten Freitag war mein Mann bei Kaufland und brachte Wurst und Käse mit. Die Wursttüte habe ich mir erst heute früh genauer angesehen und fand den Werbeaufdruck doch sehr befremdlich:

Ein schöner Grund, Hunger zu haben? Hunger ist alles andere als schön! Und gerade jetzt, wo tonnenweise Weizen nicht verschifft werden kann, wird die Hungerkatastrophe größer werden.
Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der prinzipiell kein Mensch Hunger leiden müsste. Dennoch stirbt alle 10 Sekunden ein Kind an den Folgen von Hunger. Wir kaufen Lebensmittel ein, die wir nicht aufbrauchen und in den Müll werfen. Tonnenweise werden so Lebensmittel verschwendet. Ganz zu schweigen von der Vernichtung durch die Supermärkte. Es gäbe sehr viel zu diesem Thema zu schreiben, aber das machen andere Blogger viel besser: https://www.careelite.de/welthunger-statistiken-fakten/

Mir hat diese Tüte heute früh zwar nicht den Appetit verdorben, aber die Werbung ist mir doch sauer aufgestoßen.

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8 Antworten zu Hunger

  1. Der Wilhelm schreibt:

    Komisch.
    Genau darüber habe ich in den letzten Tagen auch nachgedacht.
    Schuld war allerdings keine Brötchentüte, sondern ein ganz anders Erlebnis in unserem Inseleinkaufcenter, welches ich aus ganz anderen Gründen nur noch sehr selten aufsuche.

    Letzten Montag, als ich meine Liebste zur Bahn brachte, war ich anschliessend (kurz nach acht) dort einkaufen, weil ich nicht extra in die Stadt fahren wollte und bekam mit, wie dort das Brotregal neu bestückt wurde.
    Dabei wurde das ganze alte Brot einfach achtlos in eine grosse Palette geworfen, obwohl ( ich hab das extra nachgeguckt) das Haltbarkeitsdatum noch Tage entfernt lag….
    Ich hab dann mal den Regalauffüller (offenbar ein Mitarbeiter der Brotfabrik, also nicht des Ladens) gefragt, was damit jetzt passiert und ob das ggf. an die Tafel geht.

    „Nein“, meinte er. „Das geht in der Fabrik in die Biogasanlage.
    So kann man damit wenigstens noch einen Teil der Energiekosten reduzieren…..“

    Ganz ehrlich: ich war sprachlos.
    Und nun weis ich ganz sicher, dass ich kein Brot dieser Marke mehr kaufen werde….

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    • Elvira schreibt:

      Mein einer Sohn hat in seinem Wohnumfeld einen Laden, in dem Backwaren des Vortages günstiger angeboten werden. Ich kenne das noch von früher, dass man bei jedem Bäcker Brot vom Vortag kaufen konnte. Oft war auch Kuchen im Preis herabgesetzt. Das waren aber auch noch keine Filialbetriebe.

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    • quiltfru schreibt:

      Lieber Wilhelm, ich würde genauso handeln. Es gibt viele Produkte, die ich aus dem einen oder anderen Grund nicht mehr kaufe. Wenn es nur noch mehr Leute so machten, dann würde man an dieser üblen Verschwendungssucht vielleicht mal was ändern. Es ist zum K……..LG Birgitt

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  2. quiltfru schreibt:

    Liebe Elvira, da hilft nur eines. Nichts mehr in dem Laden kaufen. Die meisten hierzulande haben doch keine Ahnung was Hunger wirklich ist, fett und saturiert wie sie alle sind. Bei uns wird nichts weggeschmissen. Die Male, dass etwas verkommt, kann man im Jahr an einer Hand abzählen. Da gibt es doch die wunderbare Einrichtung des Gefrierschrankes. Und ich habe schon Sahne und Joghurt gegessen, die waren 1 1/2 Wochen über dem Verfallsdatum. Probieren ist angesagt.
    Aber wir sind ja selber schuld. Wir haben uns das von der Industrie aufdrücken lassen. Liebe Grüße, Birgitt

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    • Elvira schreibt:

      Mein Mann war immer sehr darauf bedacht, dass das MHD nicht überschritten wird. Letzte Woche habe ich eine Torte gebacken, bei der die Schlagsahne schon abgelaufen war. So what? Wir haben einen Geruchs- und einen Geschmackssinn, der uns schon sagen wird, wann etwas nicht mehr genießbar ist. Bei Reichelt wurden früher Lebens,Titel, die ganz knapp vor dem MHD waren, günstiger verkauft. Aber wahrscheinlich ist das Entsorgen für den Händler günstiger als das umetikettieren der Preise. Mein Mann verlässt sich mittlerweile auf meine Nase 😉
      Liebe Grüße,
      Elvira

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